"Kopffüßer", der für eine Alge gehalten wurde, entpuppt sich als Fisch

20. April 2018, 16:43
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Paläontologisches Rätsel gelöst: Ein Fossil hat es nach diversen Fehlinterpretationen einmal quer durchs Reich des Lebens geschafft

foto: mike eklund
Offen für Interpretationen: das Fossil von Platylithophycus cretaceum.

New York – Fehlinterpretationen von Fossilien hat es in der Geschichte der Paläontologie immer wieder gegeben. Zwei berühmte Fälle waren der Anomalocaris und der Megalosaurus: Bei Ersterem handelte es sich um einen mit den Gliederfüßern verwandten Meeresräuber aus dem Kambrium. Sein Körperbauplan wich so stark von dem heutiger Tiere ab, dass man lange Zeit gar nicht erkannte, dass das Fossil des Anomalocaris eine zusammengehörende Einheit bildet – stattdessen dachte man, es handle sich um verschiedene kleinere Tiere, die zufällig nebeneinander abgelagert wurden.

Noch skurriler die ursprüngliche Benennung des Megalosaurus, eines neun Meter langen Theropoden aus dem Jura. Der englische Naturwissenschafter Richard Brookes war der erste, der im 18. Jahrhundert einem Megalosaurus-Fossil einen lateinischen Namen gab. Wegen der Form des Fragments – eines Oberschenkelknochens mit zwei Gelenkfortsätzen – benannte er das Fundstück Scrotum humanum, also menschlicher Hodensack. Es handelt sich dabei zugleich um den raren Fall, dass Taxonomen die ältere "Speziesbezeichnung" verworfen haben und eine jüngere, also Megalosaurus, für gültig erklärten.

foto: amnh/a. bronson
Eine neue Studie kam zum Schluss, dass es sich hierbei um Knorpelgewebe handelt (der Vergleichsbalken bezeichnet einen Millimeter).

Einmal quer durchs Reich des Lebens hat es ein Wesen geschafft, auf das nun das American Museum of Natural History aufmerksam macht: Platylithophycus cretaceum. Vor 70 Jahren im US-Bundesstaat Kansas gefunden, hielt man das knapp einen halben Meter lange und 25 Zentimeter breite Fossil aus der späten Kreidezeit zunächst für die Überreste koloniebildender Grünalgen. 20 Jahre später traten Zoologen auf den Plan und erklärten, dass es sich aufgrund von Ähnlichkeiten in der Gewebetextur um das Fossil eines Kopffüßers handeln müsse, verwandt mit den heutigen Sepien.

Im "Journal of Paleontology" berichtet ein Team des American Museum of Natural History um Allison Bronson nun, dass beide Vermutungen falsch waren. Diesmal interpretierten die Forscher nicht nur die Form, sondern führten auch eine Materialanalyse durch. Dass die fossilierten Hartgewebeteile nicht wie angenommen aus Calciumcarbonat, sondern aus Calciumphosphat bestehen, werten die Forscher als klares Anzeichen dafür, dass man es mit einem Knorpelfisch zu tun hat, einem Verwandten von Haien und Rochen. Das erhaltene Fossil umfasse nur eine Kieme – der Fisch müsse also sehr groß gewesen sein und habe vielleicht wie ein Riesenmanta als Planktonfiltrierer gelebt.

foto: amnh/a. bronson
Elektronenmikroskopische Aufnahme der Oberfläche von Platylithophycus cretaceum (hier steht der Balken für 200 Mikrometer).

Bronson weist darauf hin, dass die Materialanalyse auch schon den früheren Forschern offengestanden hätte. Diese unterließen es jedoch und schrieben das Fossil offenbar in einem Anfall von Betriebsblindheit ihren jeweiligen Fachgebieten zu: Das erste Untersuchungsteam hatte nämlich aus Botanikern bestanden, das zweite aus Kopffüßer-Experten.

Weil das Fossil ein Fragment ist und keine weiteren Überreste – etwa Zähne – vorhanden sind, die eine genauere Zuordnung ermöglichen würden, wird das Wesen seinen alten Namen aber behalten. Auch wenn es sich dabei um einen typischen Pflanzennamen handelt. (jdo, 20. 4. 2018)

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