Die Illusion eines homogenen Islam

    Userkommentar17. April 2018, 10:58
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    Warum es problematisch ist, muslimische Organisationen als Sprachrohr aller Muslime und Muslima zu betrachten

    DER STANDARD veröffentlichte am 14. April einen Aufruf von Gudrun Harrer, in dem sie sich mit "Liebe Musliminnen und Muslime" an die islamische Community in Österreich wendet. Nach dem Lesen des Artikels genauso wie nach zahllosen Diskussionen im Fernsehen bleibt die Frage offen, wer denn eigentlich die Muslime sind. Während die einen über Angehörige dieser Religion hetzen, spielen sich andere, insbesondere islamische Organisationen, als deren Sprachrohr auf.

    Dass beide Seiten stets von dem Islam sprechen, muss überaus kritisch gesehen werden. Man kann nicht davon ausgehen, dass nordafrikanische Muslime und Muslima den Islam genauso auslegen wie beispielsweise Muslime und Muslima aus dem asiatischen Raum. Ebenso wird der Islam von US-Muslimen und -Muslima womöglich anders praktiziert als von islamischen Minderheiten in anderen nichtislamischen Majoritätsgesellschaften. Bestes Beispiel hierfür ist die Gruppe der muslimischen Bosnier und Bosnierinnen in Österreich. Bei diesen Personen zeigt sich ein wesentlicher Faktor, den auch Harrer nennt: Der Islam und seine Auslegung wandeln sich.

    Bezug zum Islam ändert sich

    In einer von mir in den Jahren 2015 und 2016 durchgeführten qualitativen Untersuchung einer bosnischen Community in Oberösterreich konnte ich zeigen, dass sich der Bezug zum Islam bei dieser Gruppe massiv veränderte; während Islam in Bosnien noch Privatsache war und keinen hohen Stellenwert in der Gesellschaft einnahm, rückte dieser nach dem Krieg 1992 bis 1995 in den Mittelpunkt der sich in Österreich gründenden Flüchtlingscommunity. Grund dafür war der Halt, den man in einer fremden Gesellschaft benötigte, den man aber woanders häufig nicht fand, was im Übrigen ein gut untersuchtes Phänomen ist. Heute ist der Islam aber für diese Gemeinde etwas Selbstverständliches, etwas, das nicht mehr hinterfragt wird, da man der Meinung ist, es sei nie anders gewesen. Genauso aber gibt es auch Personen in dieser Community, die dem Islam und jeglichen Religionen abgeschworen haben, die aber nicht offiziell ohne Bekenntnis leben.

    Zu sagen, dass mein Beispiel auf alle (bosnisch-)muslimischen Communitys in Österreich zutreffe, ist nicht möglich. Hier fehlt es nach wie vor an Untersuchungen. Mit Gewissheit kann man aber sagen, dass die öffentliche Debatte über den Islam aufgrund seiner Heterogenität so nicht geführt werden kann. Ebenso ist es problematisch, muslimische Organisationen als Sprachrohr aller Muslime und Muslima zu betrachten. Damit hält man die Illusion eines homogenen Islam nur weiterhin aufrecht. (Hasan Softić, 17.4.2018)

    Hasan Softić (27) ist Dissertant und wissenschaftlicher Projektmitarbeiter am Fachbereich Geschichte der Universität Salzburg. In seinen Untersuchungen beschäftigt er sich mit der Entstehung bosnischer Communitys in Österreich und den USA. Seit November 2017 ist er an dem Projekt "Diskurse zum Holocaustgedenken, Juden und Israel unter Muslimen im Kontext von Islamfeindlichkeit" beteiligt.

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