Opernträume auf die Schulbank

16. April 2018, 16:56
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Kein Wald weit und breit: Brittens "A Midsummer Night's Dream" wird ohne besonderen Mehrwert ins pädagogische Milieu verlegt. Über die Abwesenheit von Naturzauber tröstet das hohe Musikniveau hinweg.

Wien – Was hat dieser Puck wieder an Verwirrung gestiftet – jetzt muss Oberon selbst das Liebeschaos ordnen: Vom rötlichen Pollenstaub benebelt, umschwirren gleich zwei Knaben (Lysander und Demetrius) Helena, während sie die arme Hermia unbegehrt zurücklassen. Der Elfenoberste erlöst die – zum handgreiflichen Disput übergehenden – jungen Wilden dann aber rechtzeitig vom Zauberstaub. Gattin Titania, der Eselsliebe verfallen, wird ebenfalls in die Realität rückgeweckt.

Im Theater an der Wien weit und breit allerdings kein geheimnisdunkler Zauberwald; Regisseur Damiano Michieletto hatte einen Deutungstraum: Benjamin Brittens Shakespeare-Oper A Midsummer Night's Dream wird in die Schule und dabei vornehmlich in einen Turnsaal befördert (Bühne: Paolo Fantin). Viele kurze Hosen, Röcke und weiße Schülersocken stehen da Erziehungsberechtigten gegenüber. Und das tut auch ein traumatisierter Junge namens Puck. Seine Eltern verlor er bei einem Autounfall. Was Wunder: Es flüchtet der kleine Außenseiter (Maresi Riegner) Richtung Fantasiewelt, in der Oberon zu einer Art Vaterfigur gerät.

Michieletto, der bei den Salzburger Festspielen schon Puccinis Bohème elegant erweckte und Verdis Falstaff entzückend in einem Altersheim dösen ließ, gibt also auch den Kinderpsychologen: Auf der imaginären Couch liegend, sieht Puck in Videorückblenden (Landsmann+Landsmann) die Katastrophe vor seinen Augen ablaufen.

Dieser Prozess der Traumabewältigung ist zwar ambitioniert gedacht. Vertiefenden Mehrwert schafft er für Brittens Werk jedoch nicht. Zudem ist der Turnsaal kaum geeignet, das atmosphärische Potenzial dieser Oper signifikant zu heben. Schade.

Geliebter Esel

Da ist zwar reichlich Trockeneisnebel. Und jene gelblichen Stäbe, die irgendwann zeitlupenhaft vom Bühnenhimmel herabgleiten und sich quasi zur Mikadoskulptur formen, versprühen abstrakte Neonpoesie. Dominant bleibt jedoch der nüchterne Schulbereich. Was allerdings bei Michieletto in der Regel Einwände schrumpfen lässt, ist sein präziser Umgang mit Figuren. Auch hier lässt der Italiener die durchwegs sehr guten Sänger szenische Feinheiten wie auch deftige Effekte ausloten.

Da wären der in einen geliebten Gruselesel verwandelte Bottom (formidabel Tareq Nazmi) wie auch seine Theater übenden Mitschüler. Da sind die verwirrten Liebenden, die bis zur Erschöpfung aufeinanderprallen (Rupert Charlesworth als Lysander, Tobias Greenhalgh als Demetrius, Natalia Kawalek als Hermia und Mirella Hagen als Helena).

Und da wäre schließlich das Pärchen aus der anderen Sphäre – also der zauberhaft lyrische Countertenor Bejun Mehta und Daniela Fally als fulminante Titania: Ihre Stimme ist klar, hat Präsenz wie Flexibilität. Ihre vokale Leichtigkeit verschmilzt mit der Darstellung einer vom Gatten Oberon manipulierten Dame zum subtilen Figurenporträt.

Dirigent Antonello Manacorda und die Wiener Symphoniker sind den guten St. Florianer Sängerknaben und dem sehr guten Gesamtensemble – vom dunklen, glissandoseligen Beginn an – ein delikater Animator. Die eklektischen Verweise auf "urbarocke" Formen und Vokalgesten werden prägnant dargestellt. Einzelstatements summieren sich klanglich zu einer poetischen Aura, die den Abend atmosphärisch prägt.

Die Schulidee war nicht zwingend. Regiehandwerk und große Musikqualität lassen sie allerdings Fußnote werden.

Aufführungen: 17., 19., 21., 23., 25. 4.

B I L D U N T E R S C H R I F T: Erschöpft nach den vielen verwirrenden Liebesanbahnungen sind nicht nur die Schüler, sondern auch der Esel, in den sich Titania verliebt.

Foto: Werner Kmetitsch

(Ljubisa Tosic, 17.4.2018)
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