Volksbühne unter Chris Dercon: Die Fakten hinter dem Fiasko

    16. April 2018, 16:33
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    Recherchen offenbaren gravierende Führungsfehler und Finanzprobleme, die auch die zuständige Politik nicht verhinderte. Das Aufräumen hat indes begonnen: "Es geht jetzt darum, dieses Theater zu retten"

    Berlin/Wien – Chris Dercon hat zu seinem Rückzug von der Volksbühne noch nicht öffentlich Stellung bezog. Der (seit letzter Woche Ex-)Intendant des traditionsreichen Berliner Theaterhauses schweigt. Dafür melden sich Investigativteams und Beteiligte zu Wort.

    Im Folgenden ein Überblick über die bekannt gewordenen Fehler der nur ein halbes Jahr dauernden Ära Dercon, die Aufräumarbeiten und die ersten Pläne für die nächste Zukunft.

    foto: apa/afp/dpa/joerg carstensen
    Kurzzeitintendant der Volksbühne: Chris Dercon

    Dercons Rechenfehler

    Die aufsehenerregendste Meldung verbuchte am Freitagabend ein Rechercheteam von "Süddeutscher Zeitung", NDR und RBB. Während die Bühne und der Zuschauerraum der Volksbühne im letzten halben Jahr oft eher halb leer als halb voll blieben, fand das eigentliche Schauspiel im Hintergrund statt. Die Recherchen der drei zeichnen dies anhand von E-Mails und Gesprächen mit Akteuren nach.

    Die Bespielung des Flugfelds Tempelhof sei etwa von Anfang an finanziell nicht gedeckt gewesen. Dercon wäre von viel zu hohen Sponsorgeldern (1,25 Millionen Euro) und Karteneinnahmen (750.000 Euro) ausgegangen. Die sprudelten aber nicht wie erhofft. Zudem habe er in manchen Budgetdarstellungen die Mietkosten für das Gelände und Umbaukosten des Hangars schlicht nicht einbezogen.

    Dercon rechnete mit 250.000 Tempelhof-Besuchern jährlich. Eröffnet wurde die erste Spielzeit der neuen Intendanz im Herbst 2017 ebendort auf dem Flugfeld mit einem Tanzfest um 455.000 Euro. Seither lag die Spielstätte aber eher brach. Im Stammhaus am Rosa-Luxemburg-Platz ging es dann erst im November los. Und auch da lief vieles nicht wie geplant.

    Die Informationen von "Süddeutscher Zeitung", NDR und RBB besagen weiters, dass den Verantwortlichen die Gefahren, die damit verbunden sein würden, den Repertoirebetrieb auf einen aus Events und Gastspielen umzustellen (Stichwort: "Projektgesellschaft"), durchaus deutlich gemacht worden seien. Marietta Piekenbrock, Dercons Programmdirektorin, habe darauf hingewiesen. Berlins Kulturstaatssekretär Tim Renner habe ihr allerdings geantwortet, der Repertoirebetrieb stehe für ihn "nicht im Vordergrund".

    Panik statt Programm

    Das war nicht nur hinsichtlich der Publikumsbindung ungeschickt, sondern verursachte auch erhöhte Kosten für Produktionseinkäufe neben der Stadttheaterstruktur, während Kostüm- und Bühnenbildner des Hauses laut der Wochenzeitung "Die Zeit" kaum mehr etwas zu tun gehabt hätten.

    Zudem gelang es Dercon nicht, Kapazunder wie René Pollesch in sein Team zu holen. Er wollte den früheren Volksbühnenregisseur als Schauspielchef. Pollesch erklärte in der "Süddeutschen Zeitung", bei einem gemeinsamen Gespräch mit Dercon habe er aber den Eindruck gehabt, Dercon hätte "nicht einmal meinen Wikipedia-Eintrag gelesen" und keine Ahnung von seiner Arbeit.

    Als Folge geriet Dercon in die Not, das Haus irgendwie zu bespielen, und kaufte offenbar ohne rechten Plan Produktionen ein. Er setzte zudem auf Diskussionsabende, Vorträge, Konzerte. So zog das 800-Plätze-Haus an vielen Abenden nur etwa 200 Besucher an. An anderen blieb es überhaupt zu, die Zahl an Schließtagen war hoch.

    Aus einem Budgetbericht vom vergangenen Montag sei schließlich – so die "Süddeutsche Zeitung" – hervorgegangen, dass der Spielbetrieb im laufenden Jahr nur auf Sparflamme aufrechterhalten werden könne, eine Neuproduktion fürs Haupthaus damit außer Reichweite stehe.

    Schuldeingeständnisse und Kompromisse

    "Es ist schon vieles am Anfang schiefgegangen", räumte Ex-Kulturstaatssekretär Renner im ARD-Kulturmagazin "ttt – titel, thesen, temperamente" am Sonntag ein. "Was ich mir vorwerfen muss ist, dass wir nicht in dem Moment, in dem wir wussten, ein René Pollesch wird nicht mitmachen im Team, das ganze Konzept noch einmal hinterfragt und neu aufgestellt haben. Was ich dem Kultursenat vorwerfen muss ist, dass man nicht dafür gekämpft hat, Mittel für Tempelhof im Haushalt zu etatisieren." Letzteres richtete er an Michael Müller (SPD), nach wie vor Berlins Regierender Bürgermeister und damals zudem Kultursenator.

    Renner, der Dercon 2015 trotz massiver Widerstände berufen hatte, wurde im Dezember 2016 abgelöst. Das Kulturressort fiel von der SPD an Die Linke, und Kultursenator Berlins wurde Klaus Lederer. Auch wenn dieser vor seinem Einstand verkündet hatte, die Personalie Dercon noch einmal prüfen zu wollen, konnte er sie nicht mehr ändern, wie er nun der "Berliner Zeitung" erklärte. Also "habe ich getan, was meine Pflicht ist: die Bedingungen geschaffen, unter denen dieser Vertrag erfüllt werden kann". Er habe sich mit Dercon "abgesprochen, dass wir uns einig darüber sind, dass wir uns nicht einig sind". Arbeitsgrundlage mit Dercon wurde, "dass er, wie jeder andere auch, die Chance haben muss, sein Konzept umzusetzen" – auch wenn Lederer von jenem nicht überzeugt gewesen sei.

    Vergangene Woche hat Lederer dann den Schlussstrich gezogen. Die "im gegenseitigen Einvernehmen" mit Dercon beschlossene Trennung soll laut dem "Tagesspiegel" nur das offizielle Bild sein. Tatsächlich habe Lederer Dercon gekündigt – zum 30. September bei sofortiger Freistellung vom Dienst.

    foto: apa/wolfgang huber-lang
    Die Volksbühne in Berlin.

    Die Aufräumarbeiten haben begonnen

    Und Lederer hat Klaus Dörr gebeten, kommissarisch als Intendant einzuspringen. Dörr wurde Ende März als künftiger geschäftsführender Direktor der Volksbühne designiert. Wie er am Wochenende gegenüber der "Stuttgarter Zeitung" sagte, wusste er zu diesem Zeitpunkt nicht, dass er als Interimsintendant bald allein mit der Volksbühne dastehen würde.

    Lederer seinerseits dachte da wohl schon an die Zukunft nach Dercon. Denn, wie er ebenfalls der "Berliner Zeitung" sagte: "Wir haben seit November 2017 Indizien dafür gehabt, dass die Situation in Bezug auf Auslastung und Spielbetrieb nicht ganz einfach ist."

    Bis Saisonende ist Dörr neben der neuen Berliner Aufgabe jedenfalls noch künstlerischer Direktor und stellvertretender Intendant am Schauspiel Stuttgart. Stuttgarts Intendant Armin Petras hört im Sommer auf, man spekuliert, ob er Dörr nach Berlin folgen könnte. Zuvor hatten beide bereits das Berliner Maxim-Gorki-Theater geführt. Aber auch Matthias Lilienthal, dessen Intendanz an den Münchner Kammerspielen nach seiner noch bis 2020 gehenden Vertragslaufzeit nicht verlängert wird und der unter dem Volksbühne-Langzeitintendanten Frank Castorf an der Volksbühne sozialisiert wurde, ist ein Name, der bei manchen fällt.

    Kultursenator Lederer will sich jedenfalls "die nötige Zeit nehmen", um die Frage der Nachbesetzung zu entscheiden, sagte er am Wochenende. "Diverser, weiblicher, jünger" solle die Volksbühne werden. Auch solle sie politisch bleiben, sich weiterhin mit gesellschaftlichen Problemen auseinandersetzen. Zu Ensemble- und Repertoirebetrieb wolle er zurück.

    Erleichterung bei der Belegschaft

    Die Belegschaft der Volksbühne ist ihrerseits froh über den Wechsel an der Spitze. Laut der "Süddeutschen Zeitung" vom Montag sprächen Mitarbeiter, so Dörr, von "Erleichterung" und "Aufatmen", von der "Befreiung von einer großen Last", und sie seien "froh, wenn sie wieder richtig arbeiten können".

    Dafür bedürfe es zusätzlicher Mittel, stellte Dörr in demselben Artikel klar. Für das Programm der nächsten Zukunft fehlten ihm gleichzeitig repertoiretaugliche Produktionen der bisherigen Saison und das Geld, solche in größerem Stil neu zu finanzieren. Daran arbeite er, ebenso an einem neuen Ensemble. "Bis dahin müssen wir improvisieren. Ich will nicht pathetisch werden, aber es geht jetzt darum, dieses Theater zu retten." Er wolle bei befreundeten Theatern um "solidarische Unterstützung" bitten. "Für die qualifizierte Vorbereitung einer Intendanz braucht man anderthalb bis zwei Jahre."

    Dass ein einzelner Intendant Castorf ersetzen könne, bezweifelt er und denkt daher an eine "Struktur mit mehreren prägenden Regisseurinnen und Regisseuren". Diese könnte man, ebenso wie Künstler, auch in "Osteuropa, wo bedeutende Regisseure aus politischen Gründen Probleme mit ihrer Arbeit haben", finden.

    Auch Dörr spricht übrigens von einer "einvernehmlichen Vertragsauflösung" zwischen Dercon und der Kulturverwaltung; eine hohe finanzielle Abfindung als weiteren Klotz am Bein befürchtet er für seine nächsten Schritte nicht. (wurm, 16.4.2018)

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