Betrugsprozess: Der anerkannte Kurpfuscher in seinem Gespinst

    16. April 2018, 12:53
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    Ein Trainer aus Niederösterreich soll sich über Jahre als Arzt ausgegeben und Hobby- und Profisportler untersucht haben

    Wien – Die Quintessenz des Geständnisses von Alexander K. lautet: Die Ex-Freundin, beziehungsweise seine Liebe zu ihr, trägt Schuld, dass er mit einer Betrugsanklage als Kurpfuscher und Fälscher vor Richterin Christina Salzborn sitzt. Der Niederösterreicher soll sich über Jahre als Arzt ausgegeben und auch sportmedizinische Untersuchungen durchgeführt haben, obwohl er lediglich über eine Matura verfügt.

    Die Sache ist allerdings etwas ungewöhnlich, wie Verteidiger Rudolf Mayer präzisiert: "Die Frage 'Wos woa mei Leistung?' stimmt in dem Fall ja nicht, er hatte ja Expertise", ist Mayer überzeugt. K. selbst beteuert, sehr wohl an Universitätsinstituten als Assistent angestellt gewesen zu sein und diverse Trainerausbildungen absolviert zu haben. Tatsächlich dürften seine Fähigkeiten anerkannt worden sein – er saß sogar im Beirat eines Ministeriums. "Er ist eher ein Hochstapler und kein Betrüger", argumentiert Mayer.

    Beziehungstipp der Richterin

    K. selbst erzählt, dass er im Lauf seines Lebens in unterschiedlichen Fachgebieten gearbeitet hat. Nach einem vierjährigen Aufenthalt in der Schweiz sei er 2008 nach Österreich zurückgekommen – und lernte eine Frau kennen. "Der habe ich dummerweise erzählt, dass ich Arzt bin", gesteht er ein. "Das ist nicht die beste Basis für eine vertrauensvolle Beziehung", gibt Salzborn einen Partnerschaftstipp. "Was hat die Freundin studiert?", interessiert die Richterin. "Internationale Betriebswirtschaftslehre." – "Na ja, das ist ja jetzt auch nicht sooo ...", scheint Salzborn den gesellschaftlichen Stellenwert eines Wirtschaftsstudiums anzuzweifeln.

    Wie auch immer, im Jahr 2009 wollte das Paar in Urlaub fahren. "Meine Freundin hat nicht verstanden, warum mein Doktortitel nicht im Pass steht, und hat gesagt, ich soll ihn nachtragen lassen." Er machte das, nachdem er eine Promotionsurkunde gefälscht hatte. Auch im Führerschein ließ er sich die prestigeträchtige Abkürzung "Dr." eintragen.

    2014 erstmals Honorarnote ausgestellt

    K. machte sich im Sport als Trainer einen Namen, wann er sich auch beruflich das erste Mal als Doktor ausgab, bleibt etwas vage. Im Jahr 2014 unterschrieb er jedenfalls eine Honorarnote als "Akademiker". Er versucht aber abzuschwächen: "Meistens haben mich andere Leute als Arzt vorgestellt."

    Die Richterin hält ihm daraufhin Zeugenaussagen vor, wonach K. sehr wohl Dinge wie "In der Krebsforschung haben wir das immer so gemacht" oder "Das kenn ich aus dem AKH" fallengelassen hat. "Ich wollte das Gesicht nicht verlieren, und der Druck war zu groß", gesteht der Angeklagte ein. In sportwissenschaftlichen Einrichtungen untersuchte er jedenfalls dutzende Hobby- und Profisportler, alleine in einem Institut bekam er dafür über 13.000 Euro.

    "Ich habe Ärzte geschult in dem Bereich, die haben das nicht verstanden", probiert K. nochmals, auf seine möglicherweise durchaus vorhandenen Fähigkeiten aufmerksam zu machen. Auch bei einer Studie, für die er über 11.000 Euro erhielt, habe nur er die Daten auswerten können, da drei beteiligte Ärzte dazu nicht fähig gewesen sein, behauptet er selbstbewusst.

    Durch Zufall aufgeflogen

    Aufgeflogen ist er im Vorjahr eher durch einen Zufall: Bei einer Veranstaltung lernte ein Arzt einen Kriminalbeamten kennen und wies den Polizisten darauf hin, dass sich K.s Lebenslauf rechnerisch nicht ausgehen könne, wenn er kein Wunderkind sei.

    Am Ende glaubt Salzborn die Version mit der Freundin ihm nicht ganz. "Sie haben ein Lügenkonstrukt aufgebaut und sind aus diesem Gespinst selbst nicht mehr herausgekommen." Sportliches Fachwissen gesteht die Richterin K. durchaus zu, "das nötige medizinische Hintergrundwissen haben Sie aber nicht. Medizin ist nicht umsonst die längste Ausbildung in Österreich."

    Bei einem Strafrahmen für schweren gewerbsmäßigen Betrug von sechs Monaten bis fünf Jahren Haft verurteilt Salzborn K. zu 14 Monaten bedingt. Er nimmt die Entscheidung an, die Staatsanwältin gibt keine Erklärung ab, das Urteil ist daher nicht rechtskräftig. (Michael Möseneder, 16.4.2018)

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