Populistische Leckerli in den Nachfolgestaaten der Monarchie

Kommentar15. April 2018, 18:39
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Osteuropäer haben 1968 und damit die Phase der Selbstermächtigung des Individuums ausgelassen

Unlängst in der Prager Ostrovní-Straße: Ein Ungar, ein Tscheche, ein Slowake und ein Österreicher sitzen abends in der Václav-Havel-Bibliothek zusammen, um über 1918 und die Folgen zu diskutieren. Es geht um Gewinner und Verlierer in Mitteleuropa, um Schuld und Sühne, historische Kontinuitäten, den Vielvölkerstaat der Habsburger und die Europäische Union.

Meist ist es ernst, manchmal aber dann doch vergnüglich – vor allem, wenn der Ungar vom exzentrischen Masochismus vieler Landsleute berichtet, mit dem diese den "Phantomschmerz" zelebrierten, der sie nach dem recht einseitig empfundenen Verlust "Großungarns" nach Kriegsende durch den Trianon-Vertrag befallen hat. Diesen schönen Schmerz würden sie gegen nichts in der Welt eintauschen, nicht einmal gegen Temesvár oder gleich ganz Siebenbürgen.

Als die Rede auf den aktuell recht rabiaten Populismus in der Region kommt, zeigt sich eine Bruchlinie: Die Republik Österreich hat – gegründet von großdeutsch eingestellten Sozialdemokraten und verdatterten, eigentlich monarchistischen Christlich-Sozialen über Bürgerkrieg, den "Anschluss", den "Geist der Lagerstraße", den Wiederaufbau, die Kreisky-Jahre und die Waldheim-Affäre – ihren Weg in die EU und in den Westen gefunden.

Manche Entwicklungen mögen paradoxen Konstellationen geschuldet sein. Herausgekommen ist am Ende doch eine österreichische Identität und Bürgerlichkeit, die sich mit dem Staat an sich identifiziert, ohne dafür mit populistischen Leckerli der jeweiligen Obrigkeit gefüttert werden zu müssen.

Genau darum beneiden viele mitteleuropäische Freunde die Österreicher. Ihre Länder haben eine mindestens so wechselvolle Geschichte durchlebt. In den Jahrzehnten des Kommunismus allerdings konnten aus schieren Subjekten der Sowjetmacht keine Individuen, keine Bürger werden. Der amerikanische Politikwissenschafter Mark Lilla meint, dass die Osteuropäer 1968 und damit die Phase der Selbstermächtigung des Individuums ausgelassen hätten. Sie seien direkt von Untertanen zu Konsumenten geworden – oder zu Habenichtsen, die ihrer Oberschicht beim Konsumieren zuschauen dürften, dafür aber mit nationalistischen oder jedenfalls Anti-EU-Parolen abgespeist würden.

Die Obrigkeit, sie wird schon recht haben – diese Haltung ist der Grund für die jüngsten Wahlsiege des Puszta-Caudillos Viktor Orbán und von Andrej Babiš, dem Berlusconi von der Moldau. (Christoph Prantner, 15.4.2018)

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