Österreichs Grundlagenforschung wurde erneut düpiert

Kommentar der anderen15. April 2018, 16:56
82 Postings

Das Doppelbudget der Regierung sieht nur eine geringe Aufstockung der FWF-Mittel vor – zu wenig für internationale Exzellenz

"Wir starten in eine neue Zukunft." So hat Finanzminister Hartwig Löger seine Budgetrede eröffnet. Damit hat der Minister zwar primär das Ziel eines ausgeglichenen Budgets angesprochen, die Bundesregierung möchte diesen Anspruch aber gerne auf weite Teile ihrer Aktivitäten – so auch auf Wissenschaft und Forschung – erheben.

Die hier präsentierten Zahlen sind auch durchaus imposant. Ich zitiere: "Von 2017 bis 2022 wachsen die Auszahlungen für Wissenschaft und Forschung um 13,2 Prozent, also um knapp 600 Millionen Euro über die kommenden Jahre auf knapp fünf Milliarden im Jahr 2022. 1,6 Milliarden Euro plus für das Universitätsbudget, 300 Millionen Euro mehr für die Erhöhung der Studienbeihilfen, 41 Millionen für den Ausbau der Fachhochschulen. 500 Millionen für die Erhöhung der Forschungsprämie und 230 Millionen für die Förderung der Spitzenforschung."

Ein wesentlicher Teil der universitären Budgeterhöhung soll zur Verbesserung des Verhältnisses Lehrende zu Studierenden aufgewendet werden. Derzeit beläuft sich das Verhältnis auf eins zu 42,5. Angestrebt wird ein Verhältnis von eins zu 40, was durch rund 500 neue Stellen erreicht werden soll.

Finanzielle Zuschüsse der öffentlichen Hand soll es auch für das IST (Institute of Science and Technology) Austria in Maria Gugging geben. Für den Zeitraum 2018 bis 2020 sehen die Leistungsvereinbarungen mit dem Wissenschaftsministerium 219 Millionen Euro vor. Die Zahl der Mitarbeiter soll von derzeit rund 600 auf über 1000 im Jahr 2026 ansteigen. Das Land Niederösterreich stellt für die zweite Ausbaustufe des IST Austria (von 2017 bis 2026) in Summe 370 Millionen Euro für weitere Infrastrukturprojekte zur Verfügung.

Erhebliche Frustration

Die beiden Beispiele: Universitäten und IST Austria stehen exemplarisch für ein Dilemma der österreichischen Grundlagenforschung, repräsentiert durch den Wissenschaftsfonds FWF. Forscher wollen (und müssen) forschen, und das kostet. Je ambitionierter die (zusätzlichen) Mitarbeiter sind, umso mehr wollen (und müssen) sie Projekte umsetzen, die sie beim FWF – als in Österreich einzig wesentliche Institution zur Förderung der Grundlagenforschung – einreichen.

Beim IST Austria wird ein Drittel der Bundesgelder nur dann ausgeschüttet, wenn zuvor Drittmittel in derselben Höhe eingeworben wurden. Dementsprechend aktiv (und erfolgreich) sind die Wissenschafter am IST Austria beim Einwerben: 2017 stammen 58 Prozent dieser Drittmittel vom European Research Council (ERC), weitere 23 Prozent aus anderen internationalen Programmen, und 17 Prozent vom FWF – hier mit stark steigender Tendenz.

Allerdings: Der FWF ist seit Jahren erheblich unterdotiert, wodurch zahlreiche, sehr gute Projekte nicht finanziert werden können. Das reicht von "Bottom up"-Einzelprojekten über Doktoratsprogramme (wesentliche Impulsgeber für Universitäten) bis hin zu Spezialforschungsbereichen. Abgelehnte Projekte, die vielfach über mehrere Monate ausgearbeitet werden und die erfolgreiche Vorarbeiten fortsetzen könnten (und sollten), verursachen erhebliche Frustration unter Österreichs Wissenschaftern.

Es wurde mehr versprochen

Noch zur Jahreswende 2017 wurde in Aussicht gestellt, dass das jährliche Grundbudget des FWF von derzeit 181 Millionen Euro bis zum Jahr 2021 sukzessive auf 283 Millionen angehoben wird. Selbst mit dieser Aufstockung wäre lediglich der Nachholbedarf, nicht aber die angestrebte "Innovation Leadership" erreicht.

"Ein Tropfen auf den heißen Stein", nennt das Hannes Androsch, der Vorsitzender des Rats für Forschung und Technologieentwicklung (RFT). Seit Jahren fordern sowohl der RFT als auch der Österreichische Wissenschaftsrat eine substanzielle Aufstockung des FWF-Budgets als Basis für eine Exzellenzinitiative. Die beiden Agenturen wurden von vorangegangenen Bundesregierungen zur Beratung in Fragen der österreichischen Innovations- und Wissenschaftspolitik eingerichtet.

Mit der Präsentation des Zwei-Jahresbudgets der Bundesregierung wurde die österreichische Grundlagenforschung neuerlich auf den Boden der Realität zurückgeholt. Anstatt der versprochenen 283 Millionen Euro im Jahr 2021 stehen jetzt rund 224 Millionen Euro im Programm.

In Umkehrung einer Formulierung aus dem Regierungsprogramm lässt sich folgern: Wer nicht versteht, Wissensdurst und Neugier klug zu fördern und richtig zu formen, hat in der globalisierten und digitalisierten Welt verloren. (Sigismund Huck, 16.4.2018)

Sigismund Huck ist Professor für Neurobiologie an der Meduni Wien und Präsident der Austrian Neuroscience Association.

  • Neurobiologe Sigismund Huck: Das Geld reicht nicht.
    foto: meduni wien

    Neurobiologe Sigismund Huck: Das Geld reicht nicht.

Share if you care.