Die Schattenseiten von Exzellenzstrategien

Kommentar der anderen15. April 2018, 16:56
59 Postings

Die Wissenschaft benötigt Höchstleistungen jedes Einzelnen. Aber hinter dem Ruf nach Exzellenz in Europa steckt ein Dogma, das die Freiheit und Kreativität der Forschenden einschränkt

Der Film "Exile & Excellence – The Class of '38", der am 13. März in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften vorgestellt wurde, bot nicht nur ein wertvolles Zeitzeugnis. Im Zusammenhang mit der Eröffnung der Ausstellung über die nationalsozialistische Vergangenheit seiner Institution setzte Akademie-Direktor Anton Zeilinger damit auch ein Zeichen zur weiteren internationalen Öffnung der österreichischen Wissenschaft.

Sechzehn renommierte Wissenschafter, davon einige Nobelpreisträger, erzählen darin ihre Lebenserinnerungen von der Flucht vor nationalsozialistischer Verfolgung bis zur Arbeit an angloamerikanischen Eliteuniversitäten und der späten Anerkennung in Österreich. Vor allem die wissenschaftliche Motivation der menschlichen Neugier wird vor dem Hintergrund der unvorstellbaren Gewaltverbrechen und persönlichen Lebensdramen nachhaltig vermittelt.

Gerade da derzeit nationale Abgrenzungen gepaart mit ökonomischem Innovationsdruck immer mehr Abstriche von offener Wissenschaft fordern, bieten diese Zeugnisse derer, die es geschafft haben, nachhaltig aktuelle Perspektiven auf Flucht, Migration und wissenschaftliche "Exzellenz".

Historisches Erbe

Denn bis heute behindert das historische Erbe mangelnden österreichischen Selbstvertrauens, vorsichtigen Mittelmaßes, vorauseilender Obrigkeitshörigkeit sowie eine oft misstrauische Geringschätzung gegenüber intellektueller Arbeit hierzulande die Verwirklichung wissenschaftlichen Erkenntnisstrebens.

Angesichts des Verteilungskampfs um immer geringere Finanzmittel wundert es da auch nicht, dass sich die Qualität etwa in einigen Grundlagendisziplinen nur sehr langsam bessert. Insoweit höhere Rankings gemessen werden, wird dies auf die – meist eher kurzfristige – Einwerbung internationaler Forscher und Forscherinnen zurückgeführt.

Die im europäischen Kontext geforderte Internationalisierung resultiert nun in einer Dominanz deutscher Seilschaften in vielen österreichischen Wissens- und Kulturinstitutionen. Gleichzeitig wird aber dem Braindrain junger Akademiker und Akademikerinnen, die in den österreichischen Institutionen keine Zukunft finden und daher ins Ausland abwandern, nur sehr oberflächlich entgegengewirkt.

Die sporadischen Maßnahmen und die Rhetorik dazu vermitteln eher das Gefühl, die Verantwortlichen seien beinahe froh, dass der intellektuelle Nachwuchs ein Betätigungsfeld auswärts findet, wo dessen kritisches Potenzial den heimischen Entscheidungsträgern und dem Arbeitsmarkt weniger zur Last fallen kann.

Obwohl das Beispiel angloamerikanischer Eliteuniversitäten hierzulande schwer umlegbar ist, ermöglichen etwa in vielen nordischen Ländern höhere Forschungsbudgets und Karriereanreize gemeinsam mit einer – international und horizontal – offeneren Arbeitskultur breitere wissenschaftliche Erfolge.

Dogma europäischer Forschungspolitik

Allerdings impliziert der Titel "Exzellenz" auch ein Dogma europäischer Forschungspolitik, deren Vorgaben zurecht umstritten sind (siehe etwa Christoph Bezemek im STANDARD am 13. März). Mit der Kritik der Neoliberalisierung darf aber keinesfalls die Internationalisierung an sich verworfen werden.

Als langjährige Forschungsgutachterin ist auch mein Enthusiasmus angesichts der unter dem Motto Exzellenz forcierten Tendenzen hin zu Konkurrenzdenken, Bürokratisierung, Selbstausbeutung und professioneller Kommerzialisierung gedämpft.

Die Exzellenzstrategie wirkt in ihrer praktischen Umsetzung oft nur wie eine weitere Seite struktureller Kontrolle wissenschaftlicher Kreativität. An die Stelle nationaler Autorität tritt jetzt die ökonomische Nutzbarkeit. Doch der Anspruch auf Zukunftsabsicherung durch messbare Ergebnisse widerspricht der Essenz einer ungewissen Suche nach Neuem, ist daher oft nicht genau bestimmbar und nicht im Sinne des Allgemeinwohls.

Wichtiger Nährboden

Nicht nur naturwissenschaftlich-technische Innovation, sondern gerade auch sozial- und kulturwissenschaftliche Grundlagenforschung ist ein wichtiger Nährboden für eine friedliche und erneuerungsfähige Gesellschaft und somit Voraussetzung für lebendige Demokratie wie auch nachhaltiges Wirtschaften.

Der internationale Austausch ist eine wichtige Voraussetzung für solch vielseitige Innovation, und nur intellektuell offene Institutionen sind auch für internationale Forschungspartner attraktiv.

Die Öffnung der kleinen, relativ geschlossenen Milieus, die in Österreichs Institutionen lange Zeit vorherrschten, ist wünschenswert. Weiters ist auch gegen das Wuchern neuer klientelistischer Netzwerke und bürokratischen Kontrollmanagements, wie sie unter dem neuen politischen Motto der Exzellenz hierzulande historisch fruchtbaren Boden finden, entschieden vorzugehen.

Wenig riskante Forschung

Angesichts der strukturellen Mängel, die das "Wissensgeschäft" im gesellschaftlichen Machtgefüge einbetten, sind Wissenschafter gefordert, diese öffentlich anzusprechen, in ihrer Arbeit institutionelle Freiräume zu nützen und diese systematisch auszuweiten.

Beispielhaft sind Initiativen der kollektiven Selbstorganisation wie der IG LektorInnen und WissensarbeiterInnen in Österreich sowie der Politologen und der jungen Soziologen in Deutschland, die prekäre Arbeitsverhältnisse und das Schwinden des kritischen öffentlichen Engagements von Wissenschaftern durch professionellen Performancedruck thematisieren.

Im Film wird an der heutigen Forschergeneration kritisiert, dass oft karrieretechnische Überlegungen in kleinlichen, wenig riskanten Forschungsarbeiten resultierten. Jenseits also vom intellektuellen Exzellenzanspruch sei Erfolg von den fördernden Strukturen des Arbeitsumfelds und von persönlichem Interesse angetrieben. Manchmal entwickle sich eine starke Arbeitsmotivation gerade aus der persönlichen Behauptung gegen externe Hindernisse.

Es kann daher nicht das Ziel von Wissenschaftern sein, wie in einem Beamten- oder Wirtschaftsbetrieb durch vorauseilenden Gehorsam und Wiederholung bewährter Techniken aufzusteigen und das "Innovationssoll" zu erfüllen.

Kreativer Prozess

Denn Forschung ist ein ergebnisoffener, kreativer Prozess, der durch Zusammenarbeit auf Augenhöhe floriert. Die Offenheit für neue Ideen lebt vom Austausch mit anderen, mit Kollegen im Ausland, aber auch mit den Ausländern, die zu uns kommen und ihre Kenntnisse und Erfahrungen hier arbeitend einbringen möchten.

Lernen durch Austausch von Wissen ist ein kulturelles Gut der Menschheit. Wir sind alle gefordert, dieses bestmöglich zu gestalten – vom täglichen Leben und von der Arbeit bis in die wissenschaftlichen und politischen Institutionen in Österreich und der EU. (Monika DeFrantz, 16.4.2018)

Monika DeFrantz lehrte und forschte an internationalen und österreichischen Universitäten und arbeitet derzeit an einem Buch über urbane Politik der Globalisierung.

  • Wissenschaftliche Exzellenz ist das Motto des IST Austria in Maria Gugging. Doch kann das alles sein?
    foto: heribert corn www.corn.at

    Wissenschaftliche Exzellenz ist das Motto des IST Austria in Maria Gugging. Doch kann das alles sein?

  • Monika DeFrantz: Forschung braucht Offenheit.
    foto: privat

    Monika DeFrantz: Forschung braucht Offenheit.

Share if you care.