Burgtheater: Mit der Dramenharpune auf Menschenfang

    15. April 2018, 13:51
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    Mit einem ungemeinen Reichtum an Stimmen und Nuancen hat Andrea Breth "Eines langen Tages Reise in die Nacht" von Eugene O’Neill an der Wiener Burg in Szene gesetzt: ein Triumph realistischer Überhöhung

    Wien – Irgendeine Naturkatastrophe, ein Wirbelsturm oder eine Sündflut, muss das Sommerhaus der Tyrones ausgelöscht haben. Eugene O'Neills Eines langen Tages Reise in die Nacht hat noch gar nicht richtig Fahrt aufgenommen. Doch im Wiener Burgtheater, auf Martin Zehetgrubers schwach erhellter Drehbühne, kann man die Endstation, die für die Gattung Mensch bestimmt ist, bereits ausführlich studieren.

    Ungerührt zitiert eine Stimme aus dem Off O'Neills Bühnenanweisungen. Der Schatten Edmunds (August Diehl) belebt rechts den Vordergrund. Der jüngste Tyrone-Spross leidet an Schwindsucht. Doch in Wahrheit krankt er bloß an einer besonders hartnäckigen Form des Weltschmerzes: an akutem, unheilbarem Nihilismus.

    foto: apa/roland schlager
    Der jüngste Tyrone-Spross (August Diehl) leidet an einer besonders hartnäckigen Form des Weltschmerzes: an akutem, unheilbarem Nihilismus.

    Atemberaubende Totenmesse

    Schwer zu sagen, wer hier wen angesteckt hat. Die Bühne dreht sich weiter in dieser atemberaubenden Totenmesse, inszeniert von Andrea Breth. Vulkansteine liegen verstreut in den Ausläufern der Brandung. Nur ab und zu erinnert ein Tisch, ein Stuhl an den Hausrat, den der Blut-und-Seelendramatiker O'Neill für sein persönlichstes, weil rücksichtslos autobiografisches Drama zusammengetragen hat.

    Und während Tom Waits aus dem Off irgendeine seiner Moritaten freundlich grunzt, sieht man, ganz in der Ferne, den alten Tyrone (Sven-Eric Bechtolf) mit seiner drogenkranken Gemahlin Mary (Corinna Kirchhoff) ein paar Tanzschritte wagen.

    foto: apa/roland schlager
    Im Hause Tyrone (Corinna Kirchhoff, Sven-Eric Brechtolf und August Diehl) will sich niemand eingestehen, dass es für die Rettung der gemeinsamen Lebenswerte längst zu spät ist: Eugene O‘Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht" inszeniert von Andrea Breth am Burgtheater.

    Das Tänzchen ist ein Zugeständnis an die (damalige) Gegenwart des Jahres 1912. In Wahrheit bewegen sich diese ungemein redseligen Figuren ausschließlich durch mythische Vorgeschichte ihrer gemeinsamen Familie.

    Streift Mary irgendwann einmal das Hier und Jetzt, dann wie ein Barometer. Dann hat ihr Mann, der ehemalige Shakespeare-Darsteller mit dem Seemannstuch um den Whiskey-Hals, schon wieder geschnarcht. Oder der Nebel hat sich (nicht) gehoben. Oder irgendeine der zahlreichen Familienmahlzeiten wurde ausgelassen, oder – weil Suff und Morphium wieder einmal wichtiger waren – kurzerhand vertagt.

    Zu spät für die Rettung gemeinsamer Lebens- und Leberwerte

    In diesem völlig offen daliegenden Haus Tyrone spricht während eines einzigen, langen Tages jeder das, was er glaubt sagen zu müssen, um in den Ohren der anderen aufrichtig zu klingen. Niemand möchte zugeben, dass es für die Rettung – des Zusammenhalts, des Haussegens, der gemeinsamen Lebens- und Leberwerte – längst zu spät ist. Und so entknittert Hausherr Tyrone umständlich die Zeitung, wenn seine betörende Frau ihm, in der Spätblüte ihres Morphinismus, mit edel abgeschmeckten Suaden schmeichelt, während sie ihn in Wahrheit für dumm verkauft.

    Nichts Neues in New London, Connecticut. Dem langsamen Tod der Menschheit steht kein Hindernis im Weg. Es sei denn, man wollte das Riesenskelett eines gestrandeten Walfisches für ein solches erkennen.

    Jeder kennt genau die Wege und Einbahnstraßen, die er während dieses knapp vierstündigen Rituals zurückzulegen hat. Es steckt ungemein viel Behutsamkeit in den Redebeiträgen dieser Selbstverächter. Tyrone (Bechtolf), der Schmierenkomödiant von einst, wickelt sie alle um den Finger. Wird das Gefasel seiner Gattin für ihn unerträglich, gibt er mehr den Hiob als den König Ahab. Dann steht er unsicher (betrunken) auf den Planken seiner Existenz und maßregelt die missratenen Söhne: mit Proben seines notorischen Geizes.

    foto: apa/roland schlager
    Die Konflikte der Tyrones (Sven-Eric-Bechtolf, August Diehl, Alexander Fehling) sehen keiner Lösung entgegen.

    Jeder hier ist Sisyphos und schleppt während der vier Akte schwer an der Familienlast. Edmunds Schwindsucht wird geleugnet. Der Papa will kein anständiges Sanatorium für ihn zahlen. Der verkrachte große Bruder (Alexander Fehling) hassliebt den Jüngeren für dessen offenkundige Sensibilität. Mama fegt im Chorhemd unterm vanillefarbenen Hausmantel als Tragödin ihrer selbst durch dieses alberne Menschheitsmuseum: hohnlachend, Jungmädchentöne an die Haushaltshilfe (Andrea Wenzl) verschwendend. Theater als naturkundliche Einrichtung, irgendwo draußen am Meer.

    Es ist noch Zeit für den letzten "Schuss"

    Und weil die große Andrea Breth im Hochsommer ihrer Kunst der angelsächsischen Dramatik in tiefer Liebe verfallen ist, darf jeder Schauspieler die tausend Facetten seiner Figur wie im Jazz erproben. Der Tag schreitet fort, kein Konflikt sieht einer Lösung entgegen.

    Edmund, der sein kleines Ich so gerne mit den Elementen vermählt wüsste, weil er als Individuum keine Zukunft für sich sieht, wird an der Schwindsucht sterben. Diehl spielt das mit erhabenem, hellhörigem Trotz. Sein Bruder Jamie wird wahrscheinlich mit heruntergelassenen Hosen in einem Puff zugrunde gehen. Papa Tyrone? Wird weiter ledern an seiner kalten Zigarre herumkauen. Mama Mary wird wohl als Gespenst ihrer selbst, auf den Spuren der Gottesmutter, in den Himmel auffahren. Vorher ist noch Zeit für einen letzten "Schuss".

    Sie alle sind Strandgut der Menschheit. Man kann sie jetzt wie Pottwale bestaunen, nur vergessen wird man sie nie mehr. Gerechtfertigter Jubel für alle Beteiligten. (Ronald Pohl, 15. 4. 2018)

    foto: apa/roland schlager
    In der Spätblüte ihres Morphinismus schmeichelt Mutter Tyrone (Corinna Kirchhoff) dem Gatten (Sven-Eric Bechtolf) mit edel abgeschmeckten Suaden, während sie ihn in Wahrheit für dumm verkauft.
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