Bob Dylan in Salzburg: Mit Herbstgefühlen gut durch den Frühling

    14. April 2018, 11:53
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    Der Singer-Songwriter und Literaturnobelpreisträger ging Freitagabend ganz in seiner Rolle als Performing Artist auf. Am Montag gastiert Dylan in Wien

    Wiesen, Stierkampfarenen, Bergspitzen, Parkplätze, Meeresbuchten, Einkaufszentren, Kinos, Fußballstadien, intime Clubs, edle Konzertsäle, historische Piazze und jede Menge gesichtslose Mehrzweckhallen aller Größenordnungen: Fast 3000 Stationen zählt Bob Dylans "Never Ending Tour" mittlerweile. Was vor 30 Jahren als Versuch begann, sich mit einer kleinen Rock-Combo aus einem Karrieretief herauszuspielen, ist längst zum kreativen Fokus des US-Musikers und Literaturnobelpreisträgers geworden. Am Freitagabend machte der 76-Jährige wieder einmal in Österreich Halt, in der architektonisch charmefreien, aber mit Zuschauern gut gefüllten Salzburgarena gleich neben der Westautobahn.

    foto: andrea orlandi
    Am Freitagabend gastierte Bob Dylan in Salzburg (Foto), in Wien wird der 76-Jährige am Montag ein Konzert geben.

    "Don’t get up gentlemen, I’m only passing through", heißt es im Eröffnungssong "Things Have Changed". Der Oscar-prämierte Filmsong fungiert seit Längerem als Opener, wurde aber musikalisch auf Country-Galopp umfrisiert. Das ergibt gleich zu Beginn ein stimmiges Bild, umso mehr als die fünf, unter historischen Filmscheinwerfern postierten Begleitmusiker wirken, als seien sie einem Film entflohen: Fünf Haudegen, die in ihren Anzügen und Hüten in einem Film noir ebenso gute Figur abgehen würden wie in einem elegischen Spätwestern. Dylan zapft Americana-Mythologie nicht nur in seinen Songs an.

    Kein Nostalgie-Abend

    Es ist dennoch alles andere als ein Nostalgie-Abend, den Dylan präsentiert. Gerade einmal eine Handvoll seiner Klassiker aus den Sixties findet sich unter den 20 Songs des Abends. An zweiter Stelle gleich "Don’t Think Twice, It’s All Right", mit Dylan wie den Großteil des Konzerts entweder stehend oder sitzend am Klavier. Der einst beißende Abschiedssong tänzelt lakonisch dahin. Dylans berühmt-berüchtigte Sandpapierstimme klingt heute warm und klar, wie man es ihm vor einigen Jahren kaum zugetraut hätte.

    Mit einem nachgeschobenen weiteren Klassiker einer von vielen Gangartwechseln: Dylan und Band brettern mit Vollgas durch "Highway 61 Revisited". Seit 29 Jahren ist Bassist und de facto Bandleader Tony Garnier mit seinem Arbeitgeber unterwegs. Zusammen mit Schlagzeuger George Receli, einem Meister dahintreibender Shuffle-Rhythmen, bildet er das kräftig und dennoch butterweich pulsierende Herz einer Formation, die jeden Schlenker Dylans, ob am Klavier oder mit der Stimme, aufzunehmen und zu variieren bereit ist.

    Klangverwebungen statt Gerede

    Wie gehabt spricht Dylan nicht, kündigt keinen seiner Songs an. Stattdessen verwebt die Band die einzelnen Songs mit dunkel schillernden Klangflächen, aus denen heraus man kollektiv in das nächste Stück einfällt.

    Wie unterschiedlich Dylan die Exkursionen durch seine Songs anlegt, zeigt sich deutlich bei Stücken seines gefeierten Trennungsalbums "Blood on the Tracks" von 1975. Während "Simple Twist of Fate", ausnahmsweise wirklich an der Studioversion ausgerichtet, als melancholische Ballade zu hören ist, wird "Tangled Up in Blue" richtiggehend zerlegt. Der Sänger erzählt die Odyssee einer Beziehung mit monotoner Stimme, während sich die Band an einer Art musikalischem Kubismus versucht. "Glotzt nicht so romantisch!", dröhnt es von der Bühne.

    Performing Artist

    "Desolation Row", der epische Song von 1965, ist der einzige im Programm, der dem entspricht, was gerne als Dylans "surrealistische Songpoesie" bezeichnet wird. Nicht zufällig tauchte der Songtitel vor zwei Jahren wiederholt als Argument der Verteidiger von Dylans Literaturnobelpreis auf. Für Dylan, der nicht alle Verse singt, auch mal Zeilen wiederholt, ist der Song live vor allem ein Vehikel, um neue Phrasierungen zu erproben, sowohl mit seiner Stimme als auch am Klavier.

    foto: paolo brillo / www.paolobrillo.com
    Bob Dylan live in Rom. Nach wie vor mit dabei: eine Oscar-Kopie und eine "Poesie"-Büste.

    Dass das Publikum während der langen Exkursion durch den Song immer wieder applaudiert, liegt wohl nicht so sehr an den aberwitzigen Bildern, die im Text aufeinander getürmt werden, sondern an der mitreißenden Dynamik, die Dylan und seine Musiker dem Song abringen. Man wird kaum ein eindrucksvolleres Indiz dafür finden, dass sich Dylan heute vor allem als Performing Artist sieht, als Interpret, der seine Songs erst auf der Bühne zu voller Blüte bringt. Der Literaturnobelpreis hat daran nichts geändert.

    Davon zeugen auch die vielen im Programm vertretenen jüngeren Songs: in textlicher Hinsicht oft gewitzte Collagen bisweilen obskurer Zitate, musikalisch mit Vorliebe an Blues-Schemata aufgehängt. Stücke wie "Honest with Me", "Early Roman Kings" oder das am heftigsten akklamierte "Thunder on the Mountain" können kaum mit (Wieder-)Erkennungswert punkten. Es sind Dylans an alte Blues-Sänger erinnernde Phrasierungen und messerscharfe, an Surf-Gitarren- und Rockabilly-Sounds orientierte Neuarrangements, die die Stimmung aufkochen lassen. Ein echtes Highlight auch die elegische Neufassung von "Tryin' to Get to Heaven" von "Time Out of Mind", dem Album, mit dem sich der "späte" Dylan als relevanter Songwriter zurückmeldete.

    Der Geist des Jazz

    Dylan mag in seinen eigenen Songs nichts mit der komplexen Harmonik des Jazz am Hut haben. Von seiner Grundhaltung als Performer, dem Willen zur ständigen Neudeutung, ist er seinem Wesen so nahe wie kaum ein anderer zwischen Folk und Rock beheimateter Musiker.

    Wobei Dylans Neudeutungen bei seinen eigenen Songs wesentlich radikaler ausfallen als bei den drei Interpretationen von Stücken, die tatsächlich zum Great American Songbook, also zum Kanon des Jazz gehören. Mit "Come Rain or Come Shine" gibt es eine kleine Überraschung. Für "Melancholy Mood" und "Autumn Leaves" tapst Dylan vom Klavier in die Bühnenmitte, fasst sich, ganz Crooner, den Mikrofonständer. Einem vitalen Konzertabend im Frühling schießt zum wiederholten Male herbstliche Melancholie ein.

    Bei der ersten Zugabe, einem pathosfrei als Country-Walzer servierten "Blowin' in the Wind", kommt es zum Stage Rush. Besucher von hinteren Sitzreihen und damit auch jüngere Gesichter strömen vor die Bühne, um den alten seltsamen Mann auf der Bühne anzustaunen. Nach "Ballad of a Thin Man" reiht sich Dylan, die Hand in der Hüfte, mit seiner Band vor dem Publikum auf, ein kurzes Nicken, Licht aus, und die Gang entschwindet in die Nacht. Am Montagabend machen Dylan und Band in der Wiener Stadthalle Station. (Karl Gedlicka, 14.4.2018)

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