Risikofreier Alkoholgenuss: Nur noch ein Bier nach vier

    13. April 2018, 20:17
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    Forscher kritisieren, dass die maximal empfohlene Alkoholmengen zu großzügig angesetzt sind. Der Suchtexperte Michael Musalek findet diese Diskussion entbehrlich

    Wien – Die Gastgartensaison ist eröffnet. Nach Büroschluss, nach 16 Uhr, wartet das Bier. Vielleicht sogar zwei oder drei. Vielen Bier- und Weinliebhabern könnte allerdings das Ergebnis einer aktuellen Studie der Universität Cambridge sauer aufstoßen. Ein internationales Forscherteam hat in einer im Fachmagazin "The Lancet" veröffentlichen Untersuchung berechnet, dass über 40-Jährige, die regelmäßig mehr als sechs Achtel Wein oder vier Krügel Bier pro Woche trinken, ein erhöhtes Risiko haben, frühzeitig zu sterben. Das zeigte die neuerliche Auswertung von 83 einschlägigen Studien mit insgesamt 599.912 Probanden.

    Demnach verringert der Alkoholkonsum von 100 bis 200 Gramm pro Woche – das sind fünf bis zehn große Bier oder die gleiche Menge "Vierterln" – die Lebenserwartung von Männern und Frauen um durchschnittlich sechs Monate. Wer wöchentlich zwischen 200 bis 350 Gramm zu sich nimmt, lebt um ein bis zwei Jahre kürzer, alles darüber senkt die Lebensspanne um vier bis fünf Jahre. Das Fazit der Autoren: Die bislang geltenden Grenzwerte sind deutlich zu großzügig angesetzt und sollten gesenkt werden.

    Was die WHO sagt

    Im Vergleich dazu liest sich die bisher von der Weltgesundheitsorganisation WHO maximal empfohlene Alkoholmenge wie ein hedonistisches Manifest. So sollten Frauen nicht mehr als 40 Gramm reinen Alkohol täglich konsumieren, für Männer gelten 60 Gramm. In trinkbaren Maßeinheiten pro Woche: maximal 14 beziehungsweise 21 Krügel Bier.

    Außer Zweifel steht: Alkohol wird mit 250 Erkrankungen in Verbindung gebracht. Der häufige Konsum des Zellgifts erhöht etwa das Risiko für Magen-Darm-Leiden, Leberzirrhose, Krebs, Schlaganfall, Herzinfarkt und Demenz. Vor diesem Hintergrund scheint eine Neujustierung jener Richtwerte für risikoarmen Alkoholkonsum durchaus angebracht zu sein.

    Begrenzte Aussagekraft

    Was in der Diskussion allerdings vergessen wird: Die von der WHO formulierten Grenzwerte sind jene Mengen, ab denen aus medizinischer Sicht mit einer Gesundheitsgefährdung gerechnet werden muss. "Die aktuelle 'Lancet'-Untersuchung basiert jedoch auf der Auswertung retrospektiver Beobachtungsstudien. Die Ergebnisse stellen lediglich mögliche Zusammenhänge dar, andere Einflussfaktoren, die sich negativ auf die Lebenserwartung auswirken, bleiben unberücksichtigt", kritisiert Michael Musalek, Leiter des Wiener Anton-Proksch-Instituts im Gespräch mit dem STANDARD.

    Die Debatte über etwaige Grenzwerte ist für ihn relativ entbehrlich. "Das Ganze ist willkürlicher Zahlenfetischismus, mit dem die Menschen nur verunsichert werden." Viel wichtiger sei es, dass sich die Menschen bewusstmachen, warum sie trinken. "Es ist ein großer Unterschied, ob jemand aus Genuss ein, zwei Gläser Bier oder Wein am Abend trinkt oder deshalb, damit er seinen Job oder die Familie aushält", sagt Musalek.

    Was wirklich schädlich ist

    Auch die Regelmäßigkeit des Alkoholkonsums spielt für das Erkrankungsrisiko eine Rolle und kommt in der Grenzwertdebatte zu kurz. "Pro Woche sollten mindestens zwei bis drei alkoholfreie Tage eingelegt werden", rät der Suchtexperte.

    Was häufig noch vergessen wird: Alkohol ist nicht gleich Alkohol. Das schädigende Potenzial ist vor allem von der Menge an Methylalkohol und Fuselanteilen abhängig. Die sogenannten Begleitalkohole sorgen dafür, dass das Gehirn nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird, am nächsten Tag droht ein postalkoholischer Kater. Das Resümee von Musalek: "Wir diskutieren lieber über Zahlen, die scheinbar objektiv sind – statt wirklich aufzuklären." (Günther Brandstetter, 14.4.2018)

    • Die Debatte über etwaige Grenzwerte hält der Wiener Suchtexperte Michael Musalek für relativ entbehrlich. "Das Ganze ist willkürlicher Zahlenfetischismus, mit dem die Menschen nur verunsichert werden."
      foto: getty images/istockphoto

      Die Debatte über etwaige Grenzwerte hält der Wiener Suchtexperte Michael Musalek für relativ entbehrlich. "Das Ganze ist willkürlicher Zahlenfetischismus, mit dem die Menschen nur verunsichert werden."

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