Antisemitismus und Sexismus bei Musikpreis: Braunes Echo

Kommentar13. April 2018, 13:50
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Der größte deutsche Musikpreis knickt vor Sexismus und Antisemitismus ein

Ist die Kunst ein Spiegel der Zeit, ist das Echo wohl ihr Widerhall, und das klingt nicht nur wie Helene Fischer. Er klingt auch nach Kollegah und Farid Bang. Die beiden deutschen Rapper wurden am Donnerstag mit einem Echo ausgezeichnet. Schon ihre Nominierung war umstritten, denn ihr Album "Jung brutal gutaussehend 3" strotzt vor sexistischen und rassistischen Ausbrüchen. Das gehört leider zur Folklore des Gangsta- und Battle-Raps. Dabei geht es um eine möglichst eloquent formulierte Verächtlichmachung eines vermeintlichen Gegners, bei der das Niveau bisweilen in den Keller geht – im Falle von Kollegah und Farid Bang in den Nazikeller.

Denn Rapper Farid Bang würgt auf dem nun mit einem Echo geadelten Album den Satzbrocken "Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen" heraus. Das bedeutet auf Deutsch, dass sein (im Fitnessstudio) trainierter Körper besser geformt ist als jene von halb verhungerten KZ-Insassen. Im Fußball wäre das ein Foul im Strafraum, rote Karte, raus aus dem Spiel.

Kunst als Kollateralsegen

Nicht beim Echo. Echo heißt ein deutscher Musikpreis, den die Deutsche Phono-Akademie seit 1992 vergibt. Sie ist eine Interessengemeinschaft der Tonträgerindustrie. Da geht es vorrangig um Geldherstellung; fällt dabei Kunst ab, ist das ein Kollateralsegen, nicht viel mehr. Echo-Preise ereilen demnach jene Künstler, die sich ohnehin gut verkaufen, denn sie sollen sich noch besser verkaufen, deshalb die quasi amtliche Würdigung mittels Echo.

Für die Nominierung von Kollegah und Farid Bang erteilte ein Ethikrat widerwillig grünes Licht. Dieser Ethikrat ist jedoch kein unabhängiges Gremium, den gönnt sich der Echo-Preis, seit er von der Rechtsrockband Frei.Wild 2013 in Verlegenheit gebracht wurde. Damals zog man eine Nominierung der rechten Rocker noch zurück, 2016 wurde ihnen dann doch ein Echo zuerkannt, so viel Ethik musste sein.

Fall für die Kotzbrockenabteilung

Kollegah und Farid Bang lösten mit ihrem ungustiösen Auswurf eine Diskussion über die Freiheit der Kunst aus. Nun kann man die Provokation nicht aus der Kunst entfernen, dann zieht man ihr den letzten Zahn. Mehr, als an die Verantwortung der Schöpfer solcher Ungeheuerlichkeiten zu appellieren, scheint in einer Demokratie nicht möglich zu sein, solange es keine strafrechtlichen Vergehen gibt. Welches Verständnis ihrerseits für die Kritik an ihrem Werk besteht, zeigte die Reaktion Kollegahs: Er bot als Wiedergutmachung an, jüdischen Fans lebenslang Gratiszutritt zu seinen Konzerten zu genehmigen – ein Fall für die Kotzbrockenabteilung des Ethikrats.

Gefordert wäre die Politik, den Nährboden für diese Gratwanderungen abzutragen. Klar, da kann man gleich einen Brief ans Christkind schreiben, aber eine Gesellschaft muss sich bewusst sein, dass noch die einfältigste Kunst ihr Abbild ist. Ihr Abbild ist demnach das Milieu, in dem der Rap von Typen wie Kollegah und Farid Bang 200.000 Alben in Deutschland verkauft. Ihr Abbild ist ein von reiner kapitalistischer Gier getriebener Musikpreis, der nicht das Rückgrat besitzt zu sagen: Sorry, das geht zu weit, hier ist Schluss.

Das ist nicht passiert. Auch das Empörungsbäuerchen von Punker Campino von den Toten Hosen bei der Echo-Gala greift zu kurz. Hätte er ein Zeichen setzen wollen, hätte er gesagt, dass er den Preis in dieser Nachbarschaft nicht akzeptieren kann. (Karl Fluch, 13.4.2018)

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