Fesche Faschos

    15. April 2018, 09:04
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    Identitäre wollen von allzu expliziter Nazimode nichts mehr wissen. Die "geistige Elite" der Rechten gibt sich kreativ, ironisch und romantisch

    Wenn sich Martin Sellner, Kopf der österreichischen Identitären, auf seinem Instagram-Account präsentiert, muss das Bild stimmen. Und die Botschaft. Mal trägt der Philosophiestudent schwarzen Rollkragen wie die (linken) französischen Existenzialisten, um sich bewusst deren Rebellenimage anzueignen; mal posiert er lachend in einem T-Shirt mit dem Aufdruck "Celebrate Diversity" ("Feiere die Vielfalt") und einer Variation stilisierter Militärhelme. Kampf statt Multikulti, so die Botschaft der neurechten Ironie.

    Sellner und seine US-amerikanische Freundin Brittany Pettibone (siehe Text "Die Postergirls der Rechten") sind so etwas wie das Society-Pärchen der Identitären. Auf Instagram, wo zwischen Modebloggerinnen und Sportstars der digitale Zeitgeist stattfindet, lassen sie sich als solches feiern, grüßen im Norwergerpulli vor dem Christbaum oder in Abendkleidung vom FPÖ-Akademikerball.

    Das Bild, das die neurechte Jugendbewegung vermitteln will, ist ein "freundlicheres", als man es von früheren Rechtsextremen kennt. Von der Verwendung Verbotsgesetz-widriger Symbole sieht man ab, an die Stelle martialischer Hassbotschaften treten Ironie und historische Bezüge auf völkisch Interpretierbares vor der NS-Zeit. Und auch auf von Neonazis in der Vergangenheit vereinnahmte Modelabels wie Lonsdale (getragen mit offener Bomberjacke, um die Buchstaben "nsda" sichtbar zu machen) wird weitgehend verzichtet. Der Grund: Man macht sich die Mode einfach selbst. Als Identifikationsmerkmal und als wichtige Finanzierungsquelle für die Gruppe.

    Merchandise als Finanzquelle

    Die Idee, sich über professionell und einigermaßen kreativ designte Merchandisingprodukte zu finanzieren, ist nicht neu. Auch hier greifen die Identitären, wie bei vielen ihrer Strategien, auf Konzepte linker Gruppen nach 1968 zurück. Wichtigste Vertriebsplattform der Identitären ist der Onlineshop Phalanx-Europa. Betrieben wird er von Martin Sellner und einem weiteren Identitärenchef: Patrick Lenart, wie Sellner Ende zwanzig, auch er hat Philosophie studiert.

    Das Angebot von Phalanx-Europa ist auf vier Sprachen abrufbar: Deutsch, Englisch, Tschechisch und Französisch. In Frankreich haben die Identitären ihren Ursprung. Verfolgt wird der eigenen Auffassung nach ein Konzept des sogenannten "Ethnopluralismus", das meint: jedem "Volk" sein "angestammter Raum", Durchmischung unerwünscht. Dem jeweiligen Nationalismus wird zudem noch die Idee eines paneuropäischen Abwehrkampfs gegen den Islam angefügt.

    Die Ideologie spiegelt sich im Merchandise wider. Ein Sticker zeigt etwa Sujets von Karl Martell, Leonidas und Prinz Eugen sowie den Aufruf "Do it again!". Damit stellen sich die Identitären in eine Reihe mit antiken, mittelalterlichen und neuzeitlichen europäischen Kriegsherren, die Araber, Perser und Osmanen abwehrten.

    Neben Postern, Buttons und Büchern von rechten Verlagen wie dem deutschen Antaios-Verlag werden Kapuzenpullis, T-Shirts, Poloshirts bis hin zur Sportkleidung vertrieben. Für einen Eklat sorgte unlängst der von der FPÖ frisch entsandte Attaché der österreichischen Botschaft in Israel, Jürgen-Michael Kleppich. Auf Facebook posierte er mit einem T-Shirt aus dem Identitären-Shop mit der Aufschrift "Ehre, Freiheit, Vaterland". Nach Kritik wurde er aus Israel zurückbeordert.

    In der Musiksektion von Phalanx-Europa (siehe Text "Rechtsruck mit Rechtsrock") werden die Glorie des Römischen Reichs, germanisches Neuheidentum und christliches Mittelalter nebeneinander beschworen. Die Social-Media-Profile schmückt man sich mit Gemälden der deutschen Romantik. Man kokettiert mit Kulturpessimismus und Verfall, fühlt sich wie Caspar David Friedrich melancholisch zur Natur und alten Ruinengemäuern hingezogen.

    Rot-weiß-rote Heimatmode

    Wenn Phalanx-Europa so etwas wie die Wagner-Oper der neuen Rechten sein soll, ist Heimatmode.at der Musikantenstadl. Dort herrscht statt Pathos der Bierdunst. Auf den ersten Blick scheint das harmlos: Lederhosen, Trachten und Berghüttenkitsch, vermischt mit Symbolik eines aufdringlichen "Österreich-Patriotismus", wie er optisch sonst allenfalls bei Fanutensilien der Nationalmannschaft zu finden ist.

    Hinter dem Onlineshop, der seit Monaten aggressiv auf Facebook wirbt, steht mit Betreiber Stefan Magnet eine bekannte Figur der rechten Szene mit engen Kontakten zur FPÖ-Spitze. Rechtsextremes Gedankengut weist dieser zwar stets von sich; bei den Produkten, die auf Heimatmode.at vertrieben werden, kann freilich ein anderer Eindruck entstehen. So wird etwa eine "Kornblumen-Edition" angeboten, jenes Symbol, das u. a. als Erkennungszeichen der illegalen Nazis und bis 2013 auch als Ansteckblume der FPÖ Verwendung fand. Der T-Shirt-Spruch "Tue recht und scheue niemand" wurde von Medien als Anspielung auf den Satz "Tue recht und fürchte nichts" des Antisemiten und Rassisten Ernst Moritz Arndt interpretiert. Fast schon zu gut versteckte Codes. Fürs Bierzelt gibt es auf Heimatmode.at daher noch Sprüche, für die es keine große Denkanstrengung braucht: "I schmus nur mit an Unsrigen" ist einer davon. (Stefan Weiss, Album, 14.4.2018)

    • Im Webshop Heimatmode.at wird Alpenromantik mit rechter Codierung verkauft.
      foto: heimatmode.at

      Im Webshop Heimatmode.at wird Alpenromantik mit rechter Codierung verkauft.


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