"NoFap": Internetuser schwören Online-Pornos ab

    13. April 2018, 11:27
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    Online-Forum zu Masturbations-Abstinenz hat über 150.000 Mitglieder

    Die Frauen nennen sich Femstronauten, die Männer Fapstronauten, und beide wollen die Finger von sich selbst lassen: NoFap heißt ein Internetforum aus den USA, das auch in Deutschland Anhänger hat. Die Website will Menschen helfen, von Pornos loszukommen. Dafür verzichten die meisten eine Zeitlang darauf, Hand an sich zu legen – oft 90 Tage.

    Welches Ziel genau sich die Anhänger setzen, ist ihnen überlassen. Religiöse Motive spielen keine Rolle, nicht einmal eine Bewegung will NoFap sein, lediglich eine "porn recovery website" – eine Seite, auf der sich Pornogestresste erholen können.

    Erfahrungsberichte

    Mehr als 90.000 Videos finden sich zum Begriff NoFap auf der Videoplattform Youtube – "to fap" ist das englische Slangwort für onanieren. "Ich habe es 60 Tage geschafft, keine Pornos zu schauen, nicht zu masturbieren und sexuell abstinent zu bleiben", sagt ein junger Mann, der sich Vackurah nennt.

    Er wirkt aufgekratzt und berichtet: Er sei selbstbewusster, habe kaum noch Muskelkater, schlafe besser, wolle alles aus sich rausholen. Der Online-Fitnesscoach Ram Ghuman berichtet nach 30 Tagen Verzicht von mehr Zeit, Selbstbewusstsein und Motivation – auch zu flirten.

    Arzt sieht keine körperlichen Auswirkungen

    Im NoFap-Forum, das mehr als 150.000 Mitglieder hat, ähneln die Berichte einander. Auch von einem Anstieg des Testosteronspiegels ist die Rede. Aber was ist da aus ärztlicher Sicht dran? "Es passiert im Körper weder etwas, wenn man onaniert, noch wenn man nicht onaniert", antwortet Wolfgang Bühmann, wissenschaftlicher Schriftleiter des Berufsverbands der Deutschen Urologen. "Es gibt keine körperlichen Folgen und schon gar keine Hormonänderungen oder sonst irgendwelche Dinge", betont der Mediziner.

    Psychologisch sieht es vielleicht anders aus. "Ich glaube schon, dass sich die Erfahrung, dass sexuelles Verhalten gestaltbar ist, positiv oder kurzfristig positiv auf das Selbstwertgefühl auswirken kann", sagt die Sexualtherapeutin Sandra Gathmann.

    Ausweg aus der Stimuli-Flut?

    Gathmann, die in Wien und Berlin arbeitet, sieht einen Trend zur Abstinenz – vom Veganismus bis zur Konsumkritik. "Ich denke, das hängt damit zusammen, dass wir in einer immer komplexer werdenden Welt leben, aus der es auszuwählen gilt, und wo man auch das Gefühl bekommen kann, mit sexuellen Stimuli überrollt zu werden." Es scheine, als positionierten sich Menschen dagegen, "um sich eine Nische zu schaffen, in der das für sie kontrollierbarer und selbstwirksamer gestaltet werden kann".

    NoFap-Gründer Alexander Rhodes masturbiert nicht mehr, wie er sagt. Auch Pornos schaue er keine mehr. Das war mal anders. Bis zu sechs mal täglich hätte er masturbiert. "Pornos brachten mich dazu, meine Lust über alles andere zu stellen – über Liebe, Zuneigung, Einfühlungsvermögen", sagte der Webentwickler und Biologe "jetzt.de". Beim Sex in Beziehungen habe er nur noch schwer einen Orgasmus bekommen können. Seine Sicht auf Frauen habe sich geändert. "In Pornos sind sie nur Objekte. Ich habe Frauen nicht respektiert. Ich hatte falsche Erwartungen auch beim Sex."

    NoFap dreht sich vorwiegend, aber nicht nur um Männer. Fünf Prozent der User seien Mädchen und Frauen. "Es ist also ein menschliches Problem, nicht nur ein männliches", sagt Rhodes, der die Website 2011 ins Leben rief. Und: "Wenn du nicht exzessiv masturbierst, macht dich das zu einem besseren Partner."

    Totale Abstinenz ist falsche Antwort

    Sexualexpertin Gathmann sagt dazu: "Das ist ungefähr so, wie wenn man sagt: 'Abstinenz von Medienkonsum macht mich medienkompetenter.'" Nur weil man ein Verhalten weglasse, werde man noch nicht kompetenter.

    Die Psychologin findet den kritischen Ansatz von NoFap positiv – nur sei totale Abstinenz die falsche Antwort. "Es geht ja eigentlich um ausbalancierten Genuss. Den kann ich aber nur lernen, wenn ich nicht nur auf Abstinenz setze, sondern auch die Gestaltung lerne." Es gehe beides: Sex in Beziehungen und Selbstbefriedigung. Sie kritisiert, dass NoFap die Lust des Mannes oft als zwanghaften Trieb darstelle, der mit Abstinenz überwunden werden könne.

    Auch die Porno-Kritik von NoFap ist der Psychologin zu undifferenziert. Zwar könne Pornografie zu Süchten führen, wenn bestimmte Faktoren gegeben seien. Auch wirkten heutige Sexfilme anders als das, was Menschen etwa in den Siebzigern in einschlägigen Heftchen gesehen hätten. "Aber trotzdem bleiben dann die Fragen, wieso junge Menschen keine Medienkompetenz lernen, wie mit Sexualität sonst umgegangen wird, welche Aufklärung in Schulen propagiert wird. Wenn da überall blinde Flecken sind, ist es klar, dass sich die Leute auch über Pornos Inhalte holen, mit denen sie Sex entdecken."

    "Es geht auch um die Mentalität"

    NoFap verurteilt Masturbieren übrigens nicht generell – nur wenn es zu viel werde, sei es ein Problem, sagt Rhodes. "Wenn du es so oft machst, dass es den Rest deines Lebens beeinflusst." Es gehe auch um die Mentalität. "Der Gedanke, dass ein Orgasmus zum täglichen Leben so sehr dazu gehört wie Essen und Atmen, ist einfach Quatsch."

    Wo Männer sich ihrem Penis verweigern und davon schwärmen, ist natürlich auch Spott nicht weit. In einer Glosse in der "Zeit" heißt es über NoFap: "Statt Taschentücher zu befruchten, trainieren die jungen Burschen nun im Wald den Body und Mind, werden zäh wie Zukunft." Das Pornoproblem werde damit nicht gelöst: "Kraft durch Sperma, mehr Testosteron, Muskeln, tiefere Stimme, coolerer Auftritt, mehr Glück bei den Frauen – die Prophezeiungen der Bleigürtelfraktion funktionieren ähnlich wie die Geilheitsgelüste der Pornoplattformen." (APA. 13.04.2018)

    Links

    NoFap

    • Bei NoFap versammeln sich Nutzer, die Masturbation und Online-Pornos abschwören.
      foto: derstandard.at/pichler

      Bei NoFap versammeln sich Nutzer, die Masturbation und Online-Pornos abschwören.

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