Esoterik: Geschäfte mit der Kinderpsyche

Kommentar der anderen12. April 2018, 16:24
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Bach-Blüten, Gehirnknöpfe, Pendel und Globuli: Besonders Kinder leiden unter der Homöopathie-Gläubigkeit ihrer Eltern, die eher an sogenannte alternative Heilmethoden als an wissenschaftlich abgesicherte Medizin glauben wollen

Der Esoterik-Boom hat längst auch die Kinder erfasst. Ob Konzentrationsprobleme, Fehler im Diktat, Bettnässen oder Hyperaktivität – dem Zeitgeist entsprechend sind schnelle Lösungen gefragt: die Bach-Blüte, das Biosäftchen, Hirngymnastik. Vielleicht macht's gar der Pendler wieder gut. Die kindliche Psyche ist ein Tummelplatz "alternativer" Methoden geworden, an denen wenig alternativ und vieles Schnee von gestern ist. Und die Fachkollegen schauen weg.

Überzogene Versprechungen bewerben ein verwirrendes Sammelsurium an Therapien für Kinder mit Lern- und Verhaltensproblemen. ("Jenseitskontakte, Heilsteine und rechte Wälzer", im STANDARD). Besorgte Eltern hoffen auf die okkult-esoterischen Wirkungen auf die Kinderpsyche. In der psychologischen Praxis erfährt man es fast täglich:

· Eine Mutter berichtet, wie sie nach stundenlangem Üben ihrem Sohn Bach'sche Notfalltropfen neben das Bett stellt. Sie ist überzeugt, dass deren "feinstoffliche" Wirkung ein weiteres Diktat-Waterloo abwenden wird.

· Die Mutter einer sechsjährigen Bettnässerin berichtet von ihren bisherigen "Therapieversuchen": Nachdem der Pendler das Kinderzimmer schon mehrmals umgekrempelt hat, steht das Kinderbett jetzt im Vorraum.

· Ein Nägel kauender, stark belastet wirkender Achtjähriger reibt sich beim Rechnen wiederholt unterhalb des Schlüsselbeins, dreht den Kopf nach hinten und presst die Schultermuskulatur. Er müsse nur seine "Gehirnknöpfe" rubbeln, meint er, dann könne er sich besser konzentrieren.

· Bei "Flüchtigkeitsfehlern" in Schuldiktaten empfiehlt ein Homöopath die Einnahme von fünf Globuli Medorrhinum D200 1 – zweimal im Monat und als Zusatztherapie fünfmal täglich acht bis zehn "Schultropfen für Kinder".

Bachblühende Geschäfte ...

Schulfitness-Angebote aus dem Repertoire der Esoterik liegen im Trend: Verbesserung der Konzentration durch Bewegungsübungen aus der Edu-Kinestetik, Legastheniker-Therapie durch Bach-Blüten, Ruhigstellen des Zappelphilipps mit homöopathischen Globuli, Behandlung von Aggression mit Qigong und Reduzierung diffuser Ängste mit Aromatherapie. Und in der Schule der Rosenquarz auf dem Schülerpult und Prüfungstermine nur bei individuell günstigsten Mondphasen!

Gute Zeiten also für die Verkäufer von Tröpfchen, Pillen, Kügelchen, für die Trainierer simpler Bewegungsübungen, für Auspendler, Verkäufer "heilender" Steine und sonstige Krämer am Psychomarkt!

Lernprobleme sind keine Krankheiten: Nachdem die Psychologie in jahrzehntelanger Forschung kindliche Lern- und Verhaltensstörungen aus der Umklammerung der Medizin gelöst hat, "therapiert" die Esoterik nunmehr wiederum so, als wären sie Krankheiten im Sinne rein organischer Defizite! "Schwierigen" Kindern wird erneut die Logik veralteter medizinischer Denkvorstellungen übergestülpt.

Allein die angestaubten Gehirnhälftentheorien aus den 1950er-Jahren dienen als Basis: Ob Lernstress, blockierte Lebensenergie, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen, Legasthenie – mit der mangelnden Zusammenarbeit beider Gehirnhälften und gestörtem Energiefluss wird nahezu jegliche Störung begründet. Darauf bauen Ratgeberbücher zur Kinesiologie beziehungsweise zum "Brain-Gym" auf. Mithilfe eines simplen Muskeltests werden die Störungen durch Auspendeln identifiziert, durch Blütenextrakte und einfache Körperübungen werden dann die Lernblockaden angeblich aufgelöst.

... Etikettenschwindel ...

Ein glatter Etikettenschwindel ist zudem die Behauptung der "Ganzheitlichkeit"! Von der esoterischen Praxis ist geradezu das Gegenteil zu berichten: Auf eine gründliche Anamnese – also eine Rekonstruktion der kindlichen Lern- und Leidensgeschichte, der familiären Situation und der Ursachen – wird verzichtet. Es ist allemal einfacher und entlastender für Eltern wie Schule, die Störung am Kind selbst zu lokalisieren und zu behandeln. Kinder sind dem Eso-Boom ungeschützt ausgeliefert, sie werden leicht Opfer von Spekulation, okkulten Mythen oder obskurer Ideologie.

Und schließlich: Welche Signale sendet die Esoterik an das kindliche Bewusstsein? Welche verdeckten Informationen und unreflektierten Lernmuster werden übertragen?

... und Aspirin-Reflex

Kindern wird vermittelt, dass die Ursache ihrer Schwierigkeiten nur bei ihnen selbst liegen kann. Schablonenhaft wird ein Lernreflex konditioniert: Wenn du Probleme hast, dann liegt's an dir! Greif zu Pillen, Kügelchen, diversen Tröpfchen oder einfachen Körperübungen! Nichts anderes erleben sie als den klassischen Transfer des Kopfweh-Aspirin-Reflexes auf ihre verstörte Psyche.

Als Vorstufe von Sektengläubigkeit, von Drogen- und Psychopharmaka-Abhängigkeit wird der Glaube an irrationalen Hokuspokus vermittelt. Im Versprechen einfacher und müheloser Lösungen für komplexe menschliche Probleme wird Kindern eine tüchtige Portion versteckter Ideologie mitgeliefert, die man durchaus als Anleitung zu rechtsextremem Denken sehen darf.

Dass die Fachpsychologie als wissenschaftliche Disziplin sich bislang zu alldem so gar nicht äußert, mag bestätigen, wie eng die Verflechtungen sind. (Heinz Zangerle, 12.4.2018)

Heinz Zangerle ist Psychologe und Psychotherapeut in Innsbruck sowie Autor zahlreicher pädagogischer Fachbücher (u. a. "Einfach erziehen: Die Alternative zur Kuschelpädagogik").

  • Globuli für alles und gegen jedes: Die Zuckerkügelchen gelten als Allheilmittel gegen Allerweltszipperlein wie gegen schwere Erkrankungen.
    foto: getty images/istockphoto/esemelwe

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