Pro & Kontra: Im Sitzen schlafen

    Kolumne4. Dezember 2018, 15:41
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    Keine Chance oder Königsweg mit großer Disziplin

    foto: getty images/istockphoto/stock_colors

    Pro
    von Mia Eidlhuber

    Ich kann nicht einmal nachmittags schlafen, geschweige denn im Sitzen. Zum Schlafen brauche ich ein Bett, in dem ich liege, und draußen finstere Nacht, ansonsten: keine Chance.

    Dabei wäre ich genetisch so schön vorbelastet, denn mein alter Herr beherrscht die hohe Kunst des Sitzschlafes perfekt. Was der in seinen Tagsüber-Sitznickerchen schon alles verschlafen hat: schlechte Filme im Fernsehen, langweiligen Smalltalk bei Familienfeiern, ermüdende Gespräche in Zugabteilen.

    Neidvoll blicken wir, die das nicht können, auf den Profi wie auf ein Kleinkind, das friedvoll schlummert: "Schau", sagen wir ganz leise, um diese Entrücktheit nicht zu stören, "er schläft!"

    Und wenn die Augen wieder aufgehen, tun wir so – wie er übrigens auch –, als wäre nichts gewesen. "Ganz genauso ist es", sagt mein alter Herr dann und steigt nahtlos wieder ein in die Welt.

    Während ich weiterhin warte, dass mich mein genetisches Erbe einholt. Aber nicht einmal jetzt, wenn ich die Augen schließe: keine Chance. Ich bin hellwach.

    Kontra
    von Ljubisa Tosic

    Schlafen kann in unserer Burnout-Gesellschaft niemals falsch sein. Außer hinterm Lenkrad oder beim Landen von Jumbojets. Natürlich gebührt auch Schlafkünstlern Respekt, die in strammer Position ein Energieschläfchen vollführen. Genies schaffen einen Powernap gar mit offenen Augen. Sie täuschen, obwohl im Reich der Träume, gekonnt ein Hier- und Dasein vor, das allerdings zu gefährlichen Informationsverlusten führen kann.

    Bei Musikkritikern wäre ein Nickerchen zwar nicht lebensgefährlich, aber eine respektlose Form, mit Künstlerleistungen umzugehen.

    Zum Mindestmaß an Höflichkeit gehört bei diesem ohnedies subjektiven Gewerbe ein konsequent waches Wahrnehmen tönender Vorgänge – wie auch das Verweilen bis zum letzten Ton. Klar ist immer Gefahr im Verzug.

    Das Hören mit geschlossenen Augen etwa ist einerseits der Königsweg, um Ohreneindrücke zu vertiefen. Andererseits wird dabei der Sekundenschlaf zur gewaltigen Versuchung. Wie zu jedem großen Laster gehört eben auch zum professionellen Hören große Disziplin. (RONDO, 4.12.2018)

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