Männer im Salz: Was Chehrabad im Iran mit Hallein und Hallstatt gemeinsam hat

Blog12. April 2018, 08:00
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Der Informationsaustausch über Kontinente hinweg bietet seltene Vergleichsmöglichkeiten für einen Bergbauarchäologen. Ein Reisebericht

Warum in den Iran reisen, um in einem Workshop über Salzmumien zu diskutieren? Ganz einfach: Dies ist weltweit einer von nur drei Orten, an denen solche Funde getätigt wurden. Die anderen beiden sind uns gut bekannt, der Dürrnberg bei Hallein und natürlich Hallstatt. Doch je besonderer der Fund, desto seltener die Vergleichsmöglichkeiten. Umso wichtiger, sich mit anderen Forschenden auszutauschen und sich gegenseitig auf dem aktuellen Forschungsstand zu halten.

Prähistorischer Salzbergbau und Salzmumien

Im Rahmen eines Workshops auf Einladung des Projekts "Die Salzmänner Irans – Das Kulturerbe des Salzmumien-Museums in Zanjān", das von 2018 bis 2020 von der Gerda-Henkel-Stiftung finanziert wird, diskutieren Wissenschafterinnen und Wissenschafter aus den Bereichen Archäologie, Geologie, Parasitologie, Radiologie, Histologie und vielen anderen Fachrichtungen über möglichst viele Aspekte des prähistorischen Bergbaus und der Hinterlassenschaften der damaligen Bergleute. Hauptakteur des Projekts ist das Deutsche Bergbau-Museum Bochum, weitere Projektpartner das Archäologische Museum Frankfurt, das Römisch-Germanische Zentralmuseum Mainz, das Naturhistorische Museum Wien und die iranischen Partner Zolfaghari Museum Zanjan und National Museum of Iran in Teheran.

Das Themenspektrum des Workshops reicht von den Unterschieden in der Abbautechnik über die Zusammensetzung des Betriebsabfalls bis hin zu archäologischen und musealen Methoden wie Konservierung, Restaurierung und Ausstellung der Funde, speziell der Salzmumien.

Zufallsentdeckungen

Bei allen drei Fundstellen, Chehrabad, Hallein und Hallstatt, handelt es sich um Salzbergwerke, in denen in prähistorischer Zeit untertägig Steinsalz abgebaut wurde und in deren Betriebsabfall sich Werkzeug, Geleucht und weitere Fundstücke des täglichen Gebrauchs erhalten haben. Und in denen prähistorische Bergleute ums Leben kamen und verschüttet wurden. Die meisten wurden durch Zufall bei späteren Bergbautätigkeiten entdeckt. Im Fall von Chehrabad zu Anfang nur ein Kopf, der schließlich, gemeinsam mit dem Fund eines ganzen Körpers, Anlass für weitere Ausgrabungen war, bei denen noch mehrere Salzmumien entdeckt wurden.

foto: hans reschreiter
Die prähistorischen Salzminen von Chehrabad im Nordwestiran.

Anders als der Hallstätter "Mann im Salz", der 1734, und die erste Salzmumie aus Hallein, die 1577 entdeckt und kurz darauf am jeweils örtlichen Friedhof bestattet wurden, wurde der 1994 gefundene Kopf ins Nationalmuseum Teheran überführt – die erste Station des Workshops. Der Besuch der Ausstellung bietet die Möglichkeit, mit den für die Restaurierung verantwortlichen Kolleginnen und Kollegen zu fachsimpeln.

foto: hans reschreiter
Nationalmuseum Teheran. Der 1994 gefundene Kopf eines prähistorischen Bergmanns.

Intensive Diskussionen

Weiter geht es ins Museum von Zanjan, wo die aufgefundenen Bergmannsleichen verwahrt und von einem internationalen Team gerade die aktuellen Textil-, Fell- und Lederfunde bearbeitet werden. Die Salzmumien sind der Öffentlichkeit in einer Dauerausstellung des Museums zugänglich. Hier werden die Lagerungsbedingungen und eine Optimierung des Klimas für die zukünftige Ausstellung diskutiert. Denn im Rahmen des laufenden Projekts soll auch die Konservierung der organischen Funde und Mumien aus dem Iran gesichert und ihre Bekanntheit gesteigert werden.

foto: hans reschreiter
Archäologisches Museum Zanjan. Die Teilnehmer des Workshops diskutieren über eine der durch das Salz konservierten Mumien.

Funde über Tage

Am Nachmittag geht es zur Fundstelle und zur Grabung. Durch die modernen starken Bergbauaktivitäten sind Teile der prähistorischen Abbauräume in Chehrabad nicht mehr unter Tage, sondern an einer steilen Flanke des Salzbergs freigelegt. Damit sind sie der Witterung ausgesetzt und müssen durch ein Schutzdach vor Regen und Wind bewahrt werden. Auch hier entstehen intensive Diskussionen – vor allem über die Abbautechnik und die Verschüttung der prähistorischen Bergleute.

foto: hans reschreiter
Salzminen Chehrabad. Besichtigung der Fundstelle, die durch den modernen Bergbau nun der Witterung ausgesetzt ist.

Am nächsten Tag werden die Ergebnisse der bisherigen Forschungsarbeiten zu Chehrabad vor lokalen und regionalen Politikern, der iranischen Denkmalbehörde, Vertretern der beteiligten Institutionen sowie interessierten Laien präsentiert.

foto: hans reschreiter
Pressekonferenz über aktuelle Forschungen und Ergebnisse zu den prähistorischen Salzmumien.
foto: hans reschreiter
Die Diskussionen und Fachgespräche werden auch im gemütlichen Rahmen fortgesetzt.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Der Austausch über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den drei Fundorten war sehr aufschlussreich und hat die unterschiedlichen Forschungen definitiv bereichert. Vor allem wurden dadurch viele neue Fragen aufgeworfen, die uns sicher auch die nächsten Jahre noch beschäftigen werden. (Hans Reschreiter, Fiona Poppenwimmer, 12.4.2018)

Hans Reschreiter ist Archäologe und arbeitet in der Prähistorischen Abteilung des Naturhistorischen Museums Wien. Er leitet die archäologischen Ausgrabungen im Salzbergwerk von Hallstatt. Seine Forschungsschwerpunkte sind prähistorische Salzproduktion, prähistorisches Handwerk, experimentelle Archäologie und Ethnoarchäologie.

Fiona Poppenwimmer ist Studentin der Urgeschichte und Historischen Archäologie und seit mehreren Jahren Mitarbeiterin der Hallstatt-Forschung. Besonders beteiligt war sie an Bearbeitung, Dokumentation und Wiederaufbau der bronzezeitlichen Holzstiege aus dem Salzbergwerk Hallstatt. Seit Anfang des Jahres ist sie auch für die Redaktion des Stiegenblogs zuständig.

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