Richterin Veronika Bayer: "Durch Wippen bleibt der Geist in Bewegung"

    13. April 2018, 07:39
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    Der Sessel ist und bleibt der Protagonist in der Welt der Möbel. Dennoch setzen wir uns viel zu wenig mit ihm auseinander. Wir porträtieren vier Zeitgenossen, die von Berufs wegen viel sitzen

    "Die Geschichte hier gehört eindeutig in die Kategorie "Duplizität der Fälle". Eine Woche bevor ich gefragt wurde, ob ich meine Gedanken zum Thema Sitzen und Gerichtssaal beschreiben würde, habe ich einen zweitägigen Möbel-Tapezierkurs besucht. Bei diesem brachte ich einen alten Mid-Century-Fauteuil wieder in Form, den ich secondhand gekauft habe. Es ist unglaublich spannend, Schicht für Schicht herauszufinden, wie so eine Möbelanatomie aufgebaut ist. Und jetzt, einige Tage später, soll ich hier etwas über den Richterstuhl erzählen.

    Mein Richterstuhl, also der Sessel, auf dem ich im Gerichtssaal sitze, ist ein gewöhnlicher Bürostuhl mit blauem Bezug. Könnte ich mir ein Modell selbst auswählen, würde ich mich bestimmt für ein Möbel aus der Familie der Freischwinger entscheiden. Es wäre ein Sessel, der vom Aussehen her den Entwürfen der Designer und Architekten Mart Stam oder Marcel Breuer ähnelt.

    Ich mag das Wippen auf diesen Möbeln, weil ich den Eindruck habe, dass durch dieses leichte Auf und Ab der Geist in Bewegung bleibt.

    Fixe Sitzplätze

    Vor kurzem ist mir bei einem Seminar ein Zitat von Friedrich Nietzsche untergekommen, das heißt "Trau keinem Gedanken, der im Sitzen kommt!". Ganz offensichtlich dachte Nietzsche daran, dass die Gedanken beim Gehen nicht kreisen, sondern ihren freien Lauf haben. Gleichzeitig glaube ich, dass der Sessel eine wichtige Rolle spielt, um diese Gedanken auch wieder auf einen Punkt zu bringen.

    Richterin zu sein heißt, einen sitzenden Beruf auszuüben. Was diesen von vielen anderen Tätigkeiten unterscheidet, die ebenfalls im Sitzen ausgeführt werden, ist das spannende Setting im Gerichtssaal. Jede Rolle während einer Gerichtsverhandlung im Zivilprozess ist durch einen fixen Sitzplatz vorgegeben.

    Die Richterin sitzt in der Mitte, rechts von ihr sitzt die klagende, links die beklagte Partei. Beide Parteien sind exakt gleich weit von der Richterin entfernt. Dadurch wird durch eine Sitzordnung klargestellt, dass die Richterin keiner der gegenläufigen Interessen näher oder ferner steht. Das hat schon eine starke symbolische Wirkung.

    Geometrisches Kräftefeld

    In der Mitte gegenüber dem Richter nimmt der Zeuge Platz. Dieser sitzt ebenfalls zwischen den Parteien. All das bildet eine Art geometrisches Kräftefeld, wenn man so will.

    Es gibt nur zwei Momente, in denen gestanden wird. Das ist während der Urteilsverkündung und bei der Vereidigung, die aber nicht immer Teil einer Verhandlung ist. In diesen Augenblicken erheben sich alle, die anwesend sind. Dadurch wird die Bedeutung dieser Augenblicke noch einmal betont.

    Es ist schwierig, aus der Sitzhaltung eines Zeugen Rückschlüsse zu ziehen, aber natürlich nehme ich wahr, wie jemand sitzt. Wenn sich jemand zum Beispiel betont lässig gibt, kann das verschiedene Ursachen haben. Diesbezüglich bin ich vorsichtig.

    Neben der Sitzordnung im Gerichtssaal hat auch der Talar eine wichtige Funktion. Ich trage ihn gern, weil in dem Augenblick, in dem ich in ihn hineinschlüpfe, ich mir meiner Rolle als Richterin noch mehr bewusst werde. Ob mir etwas zum elektrischen Stuhl einfällt? Natürlich die Todesstrafe, und die ist Gott sei Dank abgeschafft!" (Michael Hausenblas, RONDO, 13.4.2018)

    Veronika Bayer ist Richterin am Bezirksgericht Innere Stadt Wien. Dort leitet sie eine mit Bestandsachen befasste Gerichtsabteilung.

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    • Richterin Veronika Bayer allein im Gerichtssaal. Sessel bezeichnet sie als Orte, an denen freie Gedanken auf einen Punkt gebracht werden.
      foto: nathan murrell

      Richterin Veronika Bayer allein im Gerichtssaal. Sessel bezeichnet sie als Orte, an denen freie Gedanken auf einen Punkt gebracht werden.

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