20 Jahre Privatradios und der ORF: "Weg von der Gegnerschaft"

    10. April 2018, 14:55
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    Österreichs Privatsender klagen über ORF-Dominanz – Medienminister Blümel möchte den ORF als "Ermöglicher" positionieren

    Wien – Während der ORF im Fernsehen mit seinen Programmen nicht einmal auf die Hälfte dieses Wertes kommt, dominiert der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit seiner Radioflotte nach wie vor den Markt: 71 Prozent Marktanteil werden den ORF-Radios von Montag bis Sonntag in der Zielgruppe ab zehn Jahren für das Jahr 2017 ausgewiesen. In jener der 14- bis 49-Jährigen sind es laut Radiotest immerhin noch 60 Prozent. Der Rest entfällt auf Österreichs Privatradiosender – sie feierten am Dienstag ihr 20-jähriges Bestehen. Das Jubiläum sei zwar ein Grund zum Feiern, sagt Corinna Drumm vom Privatsenderverband (VÖP) bei einer Veranstaltung in der Wiener Wirtschaftskammer, aber: "Österreich war einer der letzten Märkte in Europa, der liberalisiert wurde." Dementsprechend schwierig sei das Terrain für Private, um gegen die Dominanz des ORF zu reüssieren.

    Private: ORF-Programmauftrag neu definieren

    "Freude und Stolz" empfindet Ernst Swoboda, Präsident des Privatsenderverbands und Geschäftsführer von Kronehit, auf der einen Seite, andererseits sei er frustriert, dass es "noch immer keinen richtigen dualen Rundfunk gibt". Mit "richtig" meint Swoboda "auf Augenhöhe". Der ORF verwende Gebührengelder, um mit Inhalten Reichweiten zu generieren, die nichts mit Public Value zu tun hätten, kritisiert er einmal mehr: Der öffentlich-rechtliche Auftrag müsse präzisiert werden, damit sich Privatsender entfalten könnten, so Swoboda, der mit Kronehit dem derzeit einzigen österreichweiten Privatradiosender vorsteht. Die Tochter von "Kronen Zeitung" und "Kurier" kommt laut Radiotest auf einen Marktanteil von knapp elf Prozent in der Gesamtbevölkerung (ab 10 Jahren) bzw. auf 16,4 Prozent in der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen.

    Partner und Schulterschluss

    Neben der Reduktion des ORF auf seinen Kernauftrag, so Swoboda, nämlich Public Value-Inhalte zu produzieren, wünscht er sich im Ringen mit der internationalen Konkurrenz wie Facebook und Google einen nationalen Schulterschluss: "Weg von der Gegnerschaft." Der ORF solle sich – nicht ganz selbstlos – neu positionieren, indem er zum Partner der Privaten mutiere. Seine Forderungen an Österreichs Medienpolitik hat der Privatsenderverband bereits im Juni 2017 formuliert – auf knapp 50 Seiten in einem "Weißbuch" und zuvor im STANDARD-Interview.

    Wünsche an den Medienminister

    In dem Weißbuch (pdf) steht etwa, dass der ORF nicht über Gebühren, sondern aus dem Bundesbudget finanziert werden soll. Im Radio möchten die Privaten den ORF-Sendern einen Wortanteil von 20 Prozent verordnen. Außerdem sollten zwei der vier bundesweiten Radioketten des ORF – nämlich Ö1 und FM4 – von UKW auf Digitalradio DAB+ übersiedeln. Ein Problem sei neben dem Mangel an freien Frequenzen, dass die technische Infrastruktur über die ORF-Tochter ORS in den Händen des ORF liege. "Das alles macht die Luft sehr dünn für Privatsender", so Swoboda.

    Blümel: "Kannibalismus" innerhalb der Branche

    "Umdefinieren" möchte auch Medienminister Gernot Blümel (ÖVP) den ORF, nämlich als "Ermöglicher" für Private – entsprechend einem Paradigmenwechsel, der in Europa stattgefunden habe. Wie das neue Rollenverständnis genau aussehen könnte, konkretisierte er am Dienstag nicht. Nur das Ziel: "Gemeinsame Österreich-Inhalte." Die Weichen für die Neuordnung des Marktes sollen bei einer Medienenquete im Juni und anschließend in "Arbeitsgruppen" gestellt werden. Allerdings müssten auch die Privaten mitspielen, denn innerhalb der Branchen gebe es einen gewissen "Kannibalismus".

    "Goldenes Jahr" für Audio

    Eine internationale Perspektive steuerten Tobias Schmid als Direktor der Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen und Stefan Möller, Präsident der Association of European Radios, bei. Letzterer sieht eine "Goldene Ära" auf das Überall-Medium Radio zukommen. "Radio ist heute in großartiger Form, es ist dabei, sich neu aufzustellen." 2018 werde ein "Goldenes Jahr" für Audio werden, so Möller, der rund 500 europäische Sender vertritt.

    Dominanz in der Diversität

    Schmid hatte am Anfang seiner launigen Keynote ebenfalls jede Menge guter Nachrichten für die versammelte Branche. Die Radionutzung sei laut Umfragen ungebrochen, Streams kämen zu 70 Prozent von etablierten Radiomarken. Doch "wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Wertschöpfungsmöglichkeiten grundsätzlich gleich bleiben. Es ist an der Zeit, intensiver darüber nachzudenken, wie man diesen Markt gemeinschaftlich nutzen kann". Die Veranstalter müssten "miteinander und nicht gegeneinander" agieren.

    Denn die "Hauptkonkurrenz ist nicht nur der ORF oder nur der nächste private Sender", warnte Schmid: Internationale Anbieter wie Amazon oder Spotify drängten auf den Audio-Markt. Ergebnis sei eine "unheimliche Vielzahl an Angeboten". Hier sei die Ordnungspolitik ebenso gefragt. "Wie gewährleisten wir, dass all die Angebote, die Public Value erzeugen, noch gefunden werden? Die eigentliche Macht verschiebt sich zu den Plattformen", zu Spracherkennungsdiensten wie Amazons Alexa und Empfehlungsmaschinen.

    Mehr "europäisches Selbstbewusstsein"

    Der europäische Mark sei höchst interessant für diese Player, diese müssten aber "nach unseren Regeln" arbeiten, forderte Schmid, auf diese Entwicklung nicht "verdruckst" und "wie das Kaninchen auf die Schlange zu kucken". Der "Schutz der Menschenwürde, der Vielfalt, der Jugend und der Unabhängigkeit" seien zentrale europäische Werte und müssten mit "ein bisschen mehr europäischen Selbstbewusstseins" auch von internationalen Giganten eingefordert werden. (omark, APA, 10.4.2018)

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