"3 Tage in Quiberon": Neue Facetten des Mythos Romy Schneider

    12. April 2018, 09:00
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    Nahaufnahme mit Sorgenfalten: Emily Atefs Film mit Schauspielerin Marie Bäumer in der Hauptrolle als Romy Schneider

    Selbst zu später Stunde, am Tisch einer fast leeren Hafenkneipe, gibt es kein Entkommen vom frühen Ruhm. "Sind Sie Madame Sissi?", fragt ein etwas verwahrlost wirkender Mann. "Nein, ich bin Romy Schneider", antwortet die Frau in Jeans, weiter Bluse und Kopftuch. Die Müdigkeit ist der Schauspielerin anzusehen, löst sich aber wenig später beim Tanzen mit dem Mann, der sich als Poet vorstellt, in selbstvergessenem Lachen auf.

    Emily Atefs Film erzählt, was sich während Romy Schneiders Aufenthalt in einem Kurhotel an der Atlantikküste zugetragen haben könnte.

    Die berühmten Schwarz-Weiß-Fotos, die Robert Lebeck im April 1981 von dem ungewöhnlichen, sich umarmenden Paar im französischen Küstenort Quiberon macht, beziehen ihren Reiz nicht zuletzt aus ihrer dokumentarischen Anmutung, der Verweigerung von oberflächlichem Glamour. Ein Filmstar ungeschminkt, scheinbar ganz privat.

    Emily Atefs ebenfalls in Schwarz-Weiß gedrehter Spielfilm "3 Tage in Quiberon" mit Marie Bäumer als Romy Schneider erzählt, wie sich diese und andere Begegnungen während eines Aufenthalts in einem Kurhotel an der Atlantikküste zugetragen haben könnten. Lebecks Fotos lieferten für die Fiktionen des Films ebenso Anknüpfungspunkte wie auch das Interview, auf das sich Schneider bei dieser Gelegenheit mit "Stern"-Reporter Michael Jürgs eingelassen hat.

    Aus den Fugen geratenes Leben

    "Ich muss Pause machen, im muss endlich zu mir selbst finden", gab Schneider in diesem letzten großen Pressegespräch ein Jahr vor ihrem Tod im Mai 1982 zu Protokoll. Und: "Im Moment bin ich zu kaputt." Die Schauspielerin war ans Meer geflüchtet, um ein aus den Fugen geratenes Leben in den Griff zu bekommen, in dem Alkohol und Tabletten zunehmend ihre Spuren hinterließen.

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    Marie Bäumer also Romy Schneider, Birgit Minichmayr als ihre Freundin.

    "3 Tage in Quiberon" zeigt, wie Schneider die selbstverordnete Askese aus Überdruss an der Einsamkeit über Bord wirft und wie sich ein komplexes Beziehungsgeflecht zwischen Filmstar, Interviewer, Fotograf und der ebenfalls eingeladenen Jugendfreundin Hilde entspinnt.

    Brillante Darstellung

    Noch bevor man Romy Schneider in Atefs Film zu sehen bekommt, meint man sie zu hören. Bäumer rückt in ihrer brillanten Darstellung Schneider über die oft bemühte physiognomische Ähnlichkeit, aber auch in ihren Gesten und Sprachmelodien so nahe, dass man sich mitunter fast als Voyeur wähnt. Umso mehr, als "Stern"-Reporter Jürgs in seiner Interviewführung zuweilen eine übergriffige Selbstgefälligkeit an den Tag legt, die heute kaum noch vorstellbar scheint. Wer sich überzeugen will, dass Robert Gwisdeks süffisante Darstellung des Journalisten höchstplausibel ist, braucht nur das von herablassenden Fragen durchsetzte Originalinterview nachzulesen.

    Es gehört zu den Stärken des Films, dass er niemanden exkulpiert, aber auch nicht anklagt. Stattdessen werden die Beziehungen der vier Protagonisten reflektiert. Einer benutzt den anderen, mitunter ohne sich dessen bewusst zu sein. So wie die Starschauspielerin ihren Kuraufenthalt für PR-Zwecke instrumentalisiert, sind auch die beste Freundin (Birgit Minichmayr) und der becircte, freundschaftlich verbundene Fotograf (Charly Hübner) in Abhängigkeiten verstrickt.

    Einverständniserklärung

    Das Spannungsfeld aus öffentlicher und privater Person, in dem Atef in seinem Film Romy Schneider ansiedelt, lässt sich letztlich nicht auflösen. Dass die Schauspielerin ein Interview autorisierte, in dem sich eingangs ein Satz findet wie "Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahre und heiße Romy Schneider", kann auch als eine Einverständniserklärung mit dem partiellen Öffentlichmachen des Privaten verstanden werden. Ein möglicherweise fingierter Unfall beim Fotografieren am Strand von Quiberon verschaffte Schneider übrigens dann doch noch die Auszeit, die sie suchte.

    Wie schwierig es ist, einem Schauspielermythos beizukommen, zeigen nicht zuletzt die Bilder. Lebecks Schwarz-Weiß-Fotos von Romy Schneider erinnern in dieser Hinsicht an jene Aufnahmen, die Magnum-Fotografin Eve Arnold einst von Marilyn Monroe auf dem Set ihres letzten Films, "Misfits", gemacht hat.

    Neue Facette

    Sorgenfalten können einem Star nichts anhaben: Die Risse in der Fassade fügen dem Mythos eine neue Facette hinzu. Das gilt letztlich auch für einen Spielfilm, dessen geglättete Schwarz-Weiß-Ästhetik manchmal dem Retrocharme seines Settings zu erliegen droht. Nicht nur ein hervorragendes Darstellerensemble, sondern das Offenlegen des symbiotischen Beziehungsgeflechts rund um einen Star machen "3 Tage in Quiberon" jedenfalls sehenswert. (Karl Gedlicka, 12.4.2018)

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