Ex-Skitrainer Charly Kahr und die provozierte Nachrede

Kommentar8. April 2018, 14:15
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Am Ende des ersten Verfahrens um Missbrauch im Skisport wird niemand wirklich gewonnen, und viele werden verloren haben

"Darf ich Sie missbrauchen?" Es war der Anwalt Manfred Ainedter, dem dieser Satz im Bezirksgericht in Bludenz über die Lippen kam. Er sagte ihn am Rande jenes Verfahrens wegen übler Nachrede, das der ehemalige Skitrainer Charly Kahr (85) gegen eine ehemalige Vorarlberger Skirennläuferin sowie deren Ehemann angestrengt hatte. Er sagte ihn zum Gerichtsvorsteher, den er mit zehn Euro losschickte, um eine Taxirechnung zu begleichen.

Schwerer sexueller Missbrauch

Warum wählt Ainedter, der Kahr vertritt und selten unbedacht spricht, eine solche Formulierung am Rande eines Verfahrens, in dem es um schweren sexuellen Missbrauch geht? Das ist eine der Fragen, die in Bludenz aufgeworfen wurden. Eine andere: Wie hat es überhaupt dazu kommen können, dass diese Sache – noch dazu öffentlich – verhandelt wird?

Es ist schleierhaft, wieso sich Kahr von dieser Klage nicht abbringen ließ – war doch von Anfang an aufgelegt, dass neben den Beklagten auch Kahr selbst und Österreichs Jahrhundertsportlerin Annemarie Moser-Pröll (65) ins Zentrum des Verfahrens geraten und dem Vorwurf der üblen Nachrede die Vorwürfe schwerer Übergriffe gegenüberstehen würden. So gilt es in dem Fall stets festzuhalten, dass nicht nur für die Beklagten, sondern auch für den Kläger die Unschuldsvermutung gilt.

Whatsapp-Nachricht

"Wurden Sie von Charly Kahr entjungfert, noch bevor Sie 16 Jahre alt waren?" Diese Frage bekam Pröll von der Richterin gestellt. Damit, wenn auch vielleicht nicht in aller Öffentlichkeit, hatte sie rechnen müssen. Denn dieser Vorwurf – natürlich nicht an Moser-Pröll, sondern an Kahr – war Gegenstand einer Whatsapp-Nachricht der Beklagten an Moser-Pröll. Diese informierte Kahr vom Inhalt der Nachricht, der wiederum Ainedter informierte. Und schon war die Klage auf dem Weg.

Der Streisand-Effekt beschreibt das Phänomen, dass Aufsehen größer wird, wenn man durch den Versuch, eine unliebsame Information zu unterdrücken, erst recht Aufmerksamkeit erregt. Doch hier ist Kahr, dem eidesstattlich erklärende Ex-Rennläuferinnen in der Süddeutschen Zeitung schwere sexuelle Übergriffe vorwarfen, in die Aufmerksamkeit förmlich hineingerannt. Als hätte er die Nachrede gesucht, provoziert.

Keine Gewinner, viele Verlierer

Immer mehr internationale Medien thematisieren "Missbrauch im österreichischen Skisport". Zuletzt erschien in der NZZ eine ausführliche Geschichte. Es wird nicht die letzte gewesen sein. So gesehen trägt nun neuerlich auch der Österreichische Skiverband (ÖSV) Schaden davon. Er war nach anfänglichen Problemen im Umgang mit dem Thema zuletzt nicht schlecht beraten, das merkte man auch daran, dass die ÖSV-Spitzenfunktionäre kaum öffentlich auftraten.

Das von Kahr angestrengte Verfahren strengt auch den Skiverband an. Es wurde vertagt, beide Seiten wollen weitere Zeugen und vor allem Zeuginnen vorgeladen sehen. Es ist wahrscheinlich der traurigste Aspekt in dieser traurigen Angelegenheit, dass viele Frauen wieder mit Vorkommnissen konfrontiert werden, mit denen sie nicht mehr konfrontiert werden wollen. Die Beklagten wollen den Wahrheitsbeweis antreten. Und Kahrs Anwalt Ainedter will sich "all die 65-Jährigen, die vergewaltigt worden sein sollen, anhören. Her damit!"

Es ist beinah schon egal, wie dieses Verfahren endet. Am Ende wird niemand wirklich gewonnen, und viele werden verloren haben. (Fritz Neumann, 8.4.2018)

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