Der Horror in der guten Stube Münster

8. April 2018, 12:29
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300.000 Einwohner-Stadt in Westfalen versucht, Eindrücke der Todesfahrt zu verarbeiten

Münster – Es ist ein bewegendes Bild. Mitarbeiter der Gaststätte "Großer Kiepenkerl" legen am Sonntag Blumen nieder. Einige weinen und nehmen sich in den Arm. Neben ihnen ragt der bronzene Kiepenkerl auf, ein Wahrzeichen Münsters. Seit diesem Samstag steht die Figur des fahrenden Händlers mit Tragekorb, Pfeife und Stock nicht mehr nur für westfälische Folklore, sondern auch für eine tödliche Amokfahrt.

Unmittelbar vor dem Standbild hatte am Samstag ein Mann einen Campingbus in eine Menschenmenge gesteuert. Zwei Menschen wurden getötet, mehr als 20 verletzt. Der Täter erschoss sich.

"Die schönste Stadt ist Münster"

Wenn man einen Ort auswählen müsste, der die Essenz gutbürgerlicher deutscher Gemütlichkeit vermittelt, dann könnte das der Platz am Kiepenkerl sein. Wie an einer Perlenkette reihen sich hier die Giebelhäuser auf. Etwas weiter geht die Straße in den Prinzipalmarkt über, "Münsters gute Stube". Wenn der erste deutsche Bundespräsident Theodor Heuss eine deutsche Stadt besuchte und dann gefragt wurde, wie es ihm gefalle, pflegte er zu antworten, es sei gewiss die zweitschönste Stadt Deutschlands. Und die schönste? "Die schönste Stadt ist Münster."

Rückblende: Der Platz vor dem Kiepenkerl-Standbild am Samstagnachmittag. Wer draußen noch einen Platz ergattert hat, kann sich glücklich schätzen. Es ist der erste richtig warme Frühlingstag, alle wollen in der Sonne sitzen. Die Uhr zeigt 15.27 Uhr – Kaffee-und-Kuchen-Zeit – als es passiert. Für die Menschen auf dem Platz muss es gekommen sein wie eine Meteoriteneinschlag.

Handy-Fotos vom Tatort: Der silberfarbene Campingbus steht zwischen Stühlen und Tischen, Menschen helfen sich vom Boden auf. Der Horror in der guten Stube. "Erste Bilder und Nachrichten aus Münster brechen mir das Herz", twittert Jan Josef Liefers, der Professor Boerne aus dem Münster-"Tatort". Die Stadt sei "einer der friedlichsten und freundlichsten Orte", die er kenne.

Jennifer Bäumer ist gerade auf dem Weg zum Dienst, als ihr Handy klingelt. Eine Freundin will wissen, was mit ihrem Freund ist – er arbeitet doch im "Kleinen Kiepenkerl", gleich dort, wo es passiert ist! Zum Glück kann Jennifer schnell aufatmen: "Er war noch auf dem Weg zur Arbeit, als der Wagen in die Gäste gefahren ist", erzählt sie.

Wohnungstür aufgesprengt

Die Polizisten sperren immer größere Teile der Altstadt ab. Der Prinzipalmarkt und der Platz vor dem Dom, wo am Mittag noch reges Markttreiben geherrscht hat, sind jetzt menschenleer. Abgesperrt sind auch einige Straßenzüge zwei Kilometer vom Tatort entfernt. Hier soll der Täter gelebt haben. Kurz nach 21 Uhr ist ein Knall zu hören: Die Ermittler haben die Wohnungstür aufgesprengt. Sie finden eine unbrauchbar gemachte Maschinenpistole und Knallkörper.

Unmittelbar nach der Tat denken viele an einen islamistischen Terroranschlag. Die Bilder aus Nizza, Berlin und London haben sich eingebrannt. Dort und an anderen Orten waren islamistische Attentäter mit Fahrzeugen in Menschenmengen gerast. Wenn es einem Terroristen darum ginge, das Grundvertrauen der Deutschen möglichst stark zu erschüttern, dann müsste er ein Ziel wie den Platz am Kiepenkerl auswählen: Der Faktor der Verunsicherung wäre vielleicht sogar noch größer als beim Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt, weil es sich hier eben nicht um die Hauptstadt handelt, sondern um die Provinz. Die Botschaft, die davon ausgeht, ist: Es kann jeden treffen.

Noch im Verlauf des Samstagnachmittags wird aber deutlich, dass es sich bei dem Täter wohl nicht um einen Terroristen handelt, sondern eher um einen Amokfahrer. Es geht um einen 48 Jahre alten gebürtigen Sauerländer, der in Münster gewohnt hat. Er soll psychische Probleme gehabt haben. Was ihn angetrieben hat, können Polizei und Staatsanwaltschaft noch nicht sagen.

"Erweiterter Suizid"

Es hat etwas Verstörendes, dass jemand nur ein schweres Verbrechen begehen muss, und schon ist ihm binnen Minuten weltweite Aufmerksamkeit sicher. Eben darum, so sagen Psychologen, gehe es manchen Menschen, die einen "erweiterten Suizid" begehen. Sie wollen andere mit in den Tod reißen, um ihr Leben nicht dort zu beenden, wo sie es geführt haben: am Rand der Gesellschaft.

Münster ist am Samstag jedenfalls schlagartig Top News. Donald Trump bete für die Opfer, teilt das Weiße Haus mit. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan nutzt den Vorfall für einen verbalen Angriff auf Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron, der zuvor Vertreter einer syrischen Kurdenmiliz empfangen hat: "Da, Ihr seht doch, was die Terroristen in Deutschland machen, oder?"

Erschütterung, Trauer und Fassungslosigkeit sind die vorherrschenden Gefühle nach der Tat. Münster, so erzählt ein Student, sei im Grunde ein Dorf. Niemals habe er geglaubt, dass hier so etwas geschehen könne. Dabei war das Thema Sicherheit in letzter Zeit durchaus präsent: Im Mai ist die 300.000-Einwohner-Stadt Schauplatz des Katholikentags mit vielen tausend Besuchern. Der Schlossplatz, auf dem die Großveranstaltungen stattfinden, soll dafür mit Pollern gegen Lastwagen geschützt werden. Für die engen Altstadtgassen allerdings gibt es keine solchen Planungen.

Alle wollen Blut spenden

Aus Münster kommen an diesem Wochenende aber auch Bilder der Mitmenschlichkeit. Vor der Uniklinik steht eine lange Schlange wartender Menschen – sie alle folgen einem Aufruf zum Blutspenden. "Beispiellos", sagt eine Kliniksprecherin. Auch die Polizei lobt: "Alle haben sich vorbildlich verhalten."

Wie kann eine Stadt einen solchen Schock verkraften? Vielleicht am Besten, indem sie still gedenkt und dann genauso weiterlebt wie vorher. (APA, 8.4.2018)

  • Am Tatort werden Blumen und Kerzen in Gedenken an die Opfer hingelegt.
    foto: reuters/wolfgang rattay

    Am Tatort werden Blumen und Kerzen in Gedenken an die Opfer hingelegt.

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