Wirbeltiere sind als Bestäuber selten, aber fast unersetzlich

    15. April 2018, 08:00
    posten

    Nicht alle Blütenpflanzen arbeiten mit Insekten zusammen – die Bindung an Wirbeltiere bringt Vorteile, aber auch Risiken

    foto: petra wester
    Eine südafrikanische Felsenmaus mit Pollen auf der Nasenspitze. Die kleinen Nager laben sich nachts an Lilien – doch fressen sie die Blüten nicht auf, sondern "nippen" nur daran wie eine höfliche Biene.

    Columbus – Obwohl die Wechselbeziehung zwischen Blütenpflanzen und bestäubenden Insekten zu einem der großen Erfolgsrezepte der Evolution geworden ist, gibt es auch Alternativen. Eine ganze Reihe Pflanzen setzt – zusätzlich oder sogar ausschließlich – auf Wirbeltiere als Bestäuber. Im Fachmagazin "Frontiers in Ecology and the Environment" haben Forscher nun einen Überblick veröffentlicht.

    Die größte Gruppe stellen die Vögel mit insgesamt 920 Spezies, die als Bestäuber fungieren. Es folgen Fledermäuse und Flughunde, die immerhin 528 Pflanzen bestäuben, darunter wirtschaftlich genutzte wie die Drachenfrucht oder die Durian. Aber Bestäuber müssen nicht notwendigerweise fliegen können: Auch Mäuse, Hörnchen und sogar Primaten kommen in Frage: Mit einem halben Meter Länge sind Varis die Giganten unter den Bestäubern – für den "Baum der Reisenden" (Ravenala madagascariensis) haben sie aber offenbar genau die richtige Größe. Und selbst einige Reptilienarten tragen Pollen von Blüte zu Blüte.

    foto: dennis hansen
    Auf Inseln ist man oft besonders eng aufeinander angewiesen: Die asternartige Pflanze Roussea simplex auf Mauritius kann nur von einer bestimmten Geckoart bestäubt werden.

    Wie wichtig Wirbeltiere für einzelne Pflanzen sind, haben Forscher im Rahmen sogenannter Ausschlussexperimente nachgewiesen: Dafür wurde sämtlichen Wirbeltieren der Zugang zu Blüten verwehrt, während man Insekten durchließ. Anschließend wurde gemessen, wie hoch die Frucht- und Pollenproduktion der betroffenen Pflanzen war.

    Ein Team um Fabrizia Ratto von der University of Southampton hat die Ergebnisse von 126 solcher Experimente nun durchgesehen und Bilanz gezogen. Im Schnitt sank der Ertrag der untersuchten Pflanzen um 63 Prozent; bei Pflanzen, die in Symbiose mit Fledermäusen lebten, sogar um 83 Prozent. Pflanzen setzen insgesamt zwar wesentlich seltener auf Wirbeltiere als Bestäuber denn auf Insekten – diejenigen, die diese Strategie entwickelt haben, sind dafür aber umso abhängiger von ihren Partnern.

    foto: andrew matthews/pa wire/ap/dapd
    Das Kaiju unter den Bestäubern: der Vari.

    Woraus letztlich auch ein Tierschutz-Argument für diejenigen entspringt, denen das Thema normalerweise recht egal ist. Die Blaue Agave ist ganz auf die Große und die Kleine Blütenfledermaus als Bestäuber angewiesen. Sie lockt sie an, indem sie nachts ihre Blüten öffnet und einen Geruch nach fauligem Obst freisetzt. Beide Fledermausarten gelten aber als bedroht – und ohne Agavenherzen gibt es keinen Tequila mehr. (jdo, 15. 4. 2018)

    Share if you care.