David Schalkos Roman "Schwere Knochen": Bitterböse und verstörend

    8. April 2018, 08:00
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    Im zerbombten Wien beherrscht die Bande um Ferdinand Krutzler die Wiener Unterwelt. Der Vorabdruck des Beginns des Verbrecherromans über die österreichische Nachkriegsgesellschaft

    Ferdinand Krutzler war damals der wichtigste Notwehrspezialist Wiens. Elfmal wurde er wegen tödlicher Notwehr freigesprochen. Nur am Schluss hatte er es übertrieben. Da saß er inmitten des gefürchteten Bregovic-Clans. Bloß waren die sonst so lauten Jugoslawen ganz still. Das Einzige, was man hörte, war ihr Blut, das auf den Boden tropfte. Es war Notwehr, hatte der Krutzler geflüstert. Dann hatte er die Pistole vor sich auf den Tisch gelegt und seelenruhig auf seine Verhaftung gewartet.

    Wobei es viele gab, die ihm gar keine Seele attestierten. Aber eine Persönlichkeit sei er gewesen. Und eine solche erkannte man aus der Ferne. Mit seinen zwei Metern, seinem steifen Oberkörper, seinem riesigen Kopf und seiner schwarzen Hornbrille sah er aus wie ein zu groß geratenes Insekt. Schönheit war er keine. Sogar seine Mutter, die vermutlich nur deshalb so alt wurde, weil sie sich nie bei jemandem entschuldigt hatte, sagte über ihren Sohn, dass er schon bei der Geburt wie ein Hirschkäfer ausgesehen habe. Richtig erschreckt habe sie sich, als sie den unfreiwilligen Nachzügler in Händen gehalten habe. Ein sechs Kilo schweres Ungetüm habe sie mit dem Hintern voran in die Welt pressen müssen. Und das im Alter von vierundvierzig Jahren. Wer rechne da noch mit einer Schwangerschaft. Da müsse eine Seele schon richtig desperat auf die Welt kommen wollen. Und das könne selten etwas Gutes bedeuten. Denn desperat war nur der Teufel. Gott hielt sich höflich fern von der Welt.

    Der gefährlichste Mann Wiens

    Auf jeden Fall sei ihr dieses Ungetüm von Anfang an fremd gewesen. Keinen einzigen Moment seien sie sich nahe gekommen. Selbst bei der Geburt sei er nichts als Lärm und Schmerz gewesen. Wenn sie geahnt hätte, dass ihr Sohn einmal der gefährlichste Mann Wiens werden würde, hätte sie ihn vielleicht doch weggemacht. Wobei vermutlich nicht einmal die Hitlermutter ihren Welpen abgetrieben hätte, wenn sie gewusst hätte, was für ein Monster sie in die Welt setzen würde. Damals ahnte man ja noch nichts von den späteren Qualitäten des Ferdinand Krutzler. Erst vierzig Jahre später flüsterte man sich hinter vorgehaltener Hand die rankenden Legenden zu. Zum Beispiel, dass keiner seinen beigen Kamelhaarmantel berühren durfte. Dass er in seinem ganzen Leben keine Frau geküsst hatte. Dass er angeblich bei Nacht genauso gut sehen konnte wie bei Tag. Und dass er jeder Lüge auf die Spur kam.

    Vieles war übertrieben. Genauso wie der Respekt, den man ihm entgegenbrachte. Man bewunderte seinen Geschmack. Seinen Stil. Und seine Großzügigkeit. Besonders den Frauen gegenüber. Manche sagten, die Geschenke ersetzten ihm den nicht vorhandenen Charme. Der Krutzler war kein Mann der großen Worte. Eher der Taten. Wenn der Krutzler einen aufforderte, als Erster zuzuschlagen, dann wusste derjenige, was zu tun war: die Stadt verlassen und sein Gesicht nie wieder zeigen.

    Wobei der Krutzler kein Feigling war. Er hatte seine Prinzipien. Und seine Methode. Der Krutzler'sche Halsstich hatte damals nicht nur in Wien Furore gemacht. Sein Ruf reichte bis nach Hamburg. Und viele sagten, dass es mit dem Krutzler zu Ende ging, als er vom Messer auf die Maschinenpistole umgestiegen war. Da sei eine richtige Ära zu Ende gegangen. Eine Ära mit Persönlichkeiten, für die es später keine Ersatzteile mehr gegeben habe.

    Natürlich kam so einer wie der Krutzler nicht als Persönlichkeit auf die Welt. Eine solche musste man sich erst verdienen. Und da war der Krutzler durch die härteste Schule gegangen, die man sich vorstellen konnte. Viele sagten, er habe gar keine andere Chance gehabt, als Notwehrspezialist zu werden. Und die Mutter sei sein erster Feind gewesen. Denn geliebt habe sie nur den schönen Gottfried – den zehn Jahre älteren Bruder, der ab dem 42er-Jahr als Schwarz-Weiß-Porträt im Schlafzimmer hing.

    Über Helsinki sei er vom Himmel gefallen. Drei Jahre lang habe sie seine Ansichtskarten vom zerbombten Kairo, vom brennenden Paris oder vom zerstörten Athen erhalten. Wenigstens habe er dank dem Führer etwas von der Welt gesehen. Nachdem er im wahrsten Sinne des Wortes gefallen war und es naturgemäß keine Leiche gab, hing der verglühte Gottfried als zeitlose Schönheit an der Schlafzimmerwand. Jeden Tag vor dem Schlafengehen redete die alte Krutzler mit ihrem uniformierten Prinzen. Und da er im Gegensatz zu allen anderen nicht zurückredete, steigerte sich die Mutterliebe post mortem enorm.

    Keiner hat dem Kind getraut

    So viel Schönheit habe von Anfang an nichts Gutes verheißen, sagte man. Um so einen wie den Gottfried hätten sich eben nicht nur die Weibsbilder gerissen. Auch der Herrgott hole einen solchen so früh wie möglich zu sich. Dem Ferdinand hingegen habe schon als Kind keiner über den Weg getraut. Ganz dem Vater habe er nachgegraben, von dem es immer nur geheißen hatte, er sei ein lebensfroher Mensch gewesen.

    Die Mutter hatte ihn einen Wilderer genannt. Da es in Gramatneusiedl nicht nur kaum Menschen, sondern auch kaum Rehe gab, wusste man, was sie damit meinte. Der alte Praschak, der es wissen musste – schließlich war er Fleischer -, hatte einmal gesagt, dass er einen Krutzler aus weiter Ferne erkennen würde, denn alle Krutzlers hätten die gleichen schweren Knochen. In Gramatneusiedl hatten viele schwere Knochen. Auch die Frauen. Was noch nichts hieß. In so einem Ort hatten schnell alle die gleiche Physiognomie.

    Trotzdem hatte der Nachzügler Ferdinand über seinen Vater zu Lebzeiten kaum mehr in Erfahrung gebracht, als dass er ein lebensfroher Mensch gewesen sei. Aber die Blicke auf den zu groß geratenen Sohn erzählten ohnehin Bände über den Gemüsehändler, der kaum ein Obst je ungepflückt ließ. Da wurde viel gemunkelt, und viele sagten, dass man Gramatneusiedl eigentlich nach ihm hätte benennen sollen. Wenn der alte Krutzler mit seinem Obstwagen länger vor einem Haus stand, dann wusste man, was es geschlagen hatte. Da wurde vermutlich wieder eine Frucht gepflückt. Oder am Watschenbaum gerüttelt. Oder auf fremden Äckern gesät. Der kleine Ferdinand verstand nicht, was die Großen damit meinten, wenn sie das Unaussprechliche mit ihrem Geschwätz bekleideten. Alle wussten Bescheid, während das Krutzlerkind im Obstwagen nichts ahnend auf seinen Vater wartete. Selbst als es der Ferdinand einmal wagte, nach dem Alten zu sehen, weil er die Hitze in dem Gefährt nicht länger aushielt, und ihn in flagranti beim Pflücken erwischte, erntete er keine Erklärung, sondern nur angedrohte Prügel. Er solle sich wieder zurück in den Wagen schleichen und dort warten, bis man mit den Geschäften fertig sei. Man sagte, schon als Kind habe der Krutzler das Geschlechtliche mit dem Geschäftlichen verwechselt. Das habe er von seinem Alten gelernt, der eben ein lebensfroher Mensch gewesen sei.

    Lebenslange Rache am Bruder

    Wenn man den Krutzler später nach seiner Kindheit fragte, dann sagte er, er könne sich an keine erinnern. Man munkelte, dass man seine Kleidung deshalb nicht berühren durfte, weil er als Nachzügler die vom schönen Gottfried hatte anziehen müssen. Dass er stets Erster sein wollte, weil er von Geburt an Zweiter war. Dass er sich ein Leben lang an seinem Bruder rächte und alle anderen nur Stellvertreter waren. Dieser hatte ihn angeblich als Kind öfter am Marterpfahl vergessen und ihn auch sonst gelehrt, dass die Lüge zwar kurze, aber die Wahrheit überhaupt keine Beine hatte. Und vom Vater hatte er sowieso nur gelernt, dass sich mit Fäusten jede Frage beantworten ließ. Sogar die nach der Existenz Gottes. Aber das waren alles nur Gerüchte, weil sich der Krutzler, wie gesagt, an seine Kindheit nicht erinnern konnte.

    Über den Tod des Vaters wurde damals genauso viel gemunkelt wie über sein Leben. Viele sagten, der Unfall sei die erste Notwehr vom jungen Krutzler gewesen. Es ist nach so langer Zeit schwierig, die Teile zusammenzufügen. Es war noch vor dem Krieg.

    Auf jeden Fall hatte sich der Krutzlervater einen lebensfrohen Abend gegönnt. Nach der letzten Fuhr hatte der Gemüsehändler zunächst sein Tageseinkommen beim Wirt verspielt. Dann hatte er sich die Wut weggetrunken. Übrig blieb eine sentimentale Liebesbedürftigkeit, deren sich niemand annehmen wollte. Der alte Krutzler war nahe am Wasser gebaut. Körperlicher Trost blieb ihm aber verwehrt. Und so kehrte der Wilderer ohne Beute und dementsprechend jähzornig gegen drei Uhr heim, wo er als torkelnder Riese im Zwergenhaus mit den Fäusten wedelte. Der schöne Gottfried ließ sich von der Mutter beschützen, der ungeliebte Ferdinand wiederum stellte sich vor die beiden, die es ihm ohnehin nicht dankten. In solchen Situationen ist es dann im Nachhinein schwer zu sagen, was war Unfall, was war Absicht, was war Schicksal. Es ist sowieso immer alles eine Mischung aus allem. Und der Ferdinand war noch ein Kind. Nicht, dass man ein Kind von jeglicher Schuld freisprechen sollte. Aber damals wäre es noch möglich gewesen, dass aus dem Krutzler einmal nicht der Notwehr-Krutzler werden würde.

    Auf jeden Fall munkelte man, es sei der Ferdinand gewesen, der dem lebensfrohen Vater das Leben genommen habe. Weggestoßen habe er ihn. Um die Mutter zu schützen. Und da sei er halt blöd gefallen. In so einem Zwergenhaus liege schnell etwas Spitzes im Weg. Die Krutzlermutter verlor über diesen Vorfall weder bei der Polizei noch bei irgendwem jemals ein Wort. So wie es überhaupt ihre Art war, die Dinge mit Schweigen zu ersticken. Insofern war ihre spätere Todesursache nicht weiter verwunderlich. So wie die meisten Todesursachen immer zum Leben der jeweiligen Person passten. Selbst die des Notwehr-Krutzlers, die genau genommen auch nichts anderes als Notwehr war. (...) (David Schalko, 8.4.2018)

    David Schalko, "Schwere Knochen". € 19,99 / 576 Seiten. Kiwi, 2018.

    Ab 12. 4. im Handel. Präsentation: Im Akademietheater am 7. 5. um 20 Uhr (Nicholas Ofczarek liest, Voodoo Jürgens singt, und Dirk Stermann spricht mit dem Autor).

    • David Schalko lebt als Autor und Regisseur ("Braunschlag", "Altes Geld") in Wien. "Schwere Knochen" ist sein vierter Roman.
      foto: ingo pertramer

      David Schalko lebt als Autor und Regisseur ("Braunschlag", "Altes Geld") in Wien. "Schwere Knochen" ist sein vierter Roman.

    • David Schalko, "Schwere Knochen".  € 19,99 / 576 Seiten. Kiwi, 2018.
      foto: kiwi

      David Schalko, "Schwere Knochen". € 19,99 / 576 Seiten. Kiwi, 2018.

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