Smart Cities: Verkehr vermeiden als Therapieansatz

    8. April 2018, 13:29
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    Mit Verkehrschaos und verschmutzter Luft ist keinem gedient. In Salzburg richtete eine Konferenz den Blick auf urbane Mobilität

    Weltweit zieht es die Menschen in die Städte. Das stellt Politik, Stadtplaner und die Immobilienbranche vor eine Herausforderung. Denn wie sollen angesichts verstopfter Straßen und verpesteter Luft die Städte der Zukunft lebenswert bleiben?

    Das wurde bei der siebenten Expertenkonferenz "Smart Cities: Herausforderungen und Lösungskonzepte für die künftige urbane Mobilität" diskutiert, die vor kurzem in Salzburg stattgefunden hat und vom Institut der Regionen Europas (IRE) organisiert wurde.

    Zwar drehte sich vieles um die bekannten umweltfreundlichen Lösungen wie E-Mobilität, Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs mit enger Taktung, variable Verkehrsleitsysteme, Bike- und Car-Sharing, City-Maut sowie Radfahrer- und Fußgängerfreundlichkeit. Doch ging es über diese Maßnahmen zur Behandlung der Symptome hinaus vor allem auch um die Ursachen. Der Therapieansatz heißt: Verkehr vermeiden. Und dieses Konzept bietet auch Anregungen für die Immobilienbranche.

    Coworking-Angebote

    Benjamin Szemkus, Projektleiter von Smart City Schweiz, verwies darauf, dass es in digitalen Zeiten zunehmend egal ist, von wo aus mit Laptop und Smartphone gearbeitet wird, und berichtete von der Initiative "Village Office". Um unnötige Pendlerströme zwischen Land und Stadt zu vermeiden, entstehen in Regionen in der Schweiz, zum Teil sogar in Dörfern, Coworking-Angebote. Im besten Fall werden leerstehende Gebäude in Ortskernen auf dem Land neu genutzt und damit wiederbelebt.

    Das Konzept des Village Office richtet sich nicht nur an Unternehmen und Gemeinden, sondern explizit auch an Projektentwickler. Inzwischen wurden bereits mehr als 50 Standorte realisiert. Voraussetzung dafür ist freilich eine schnelle Internetanbindung. "Es gibt auch Interesse aus den Städten, dass es auf dem Land vernünftige Arbeitsmöglichkeiten gibt" , so Szemkus.

    Aus München stellte Georg-Friedrich Koppen, Leiter der Stabsstelle Mobilität im Referat für Stadtplanung und Bauordnung, die dortigen Verkehrs- und Mobilitätskonzepte vor. Auch er betonte den Aspekt der "verkehrsvermeidenden Stadtstrukturplanung" und dass es für Mobilität eben nicht nur Straßen gibt. Koppen hob hervor, dass neue Wohnbebauung bevorzugt an vorhandenen Haltestellen der Öffis entsteht.

    Verkehrswende im Kopf

    Doch ist damit noch nicht gesagt, ob die Bewohner die Öffis wirklich benutzen, um in die Innenstadt zu pendeln, oder doch auf das Auto setzen. Ein Blick auf die Statistik gibt wenig Anlass zu Euphorie: Von rund 700.000 in München registrierten Autos sind nur 2.155 E-Fahrzeuge und nur 1.106 Car-Sharing-Autos.

    Hans-Jürgen Best, Stadtdirektor und Vorstand des Geschäftsbereichs Planen der Stadt Essen, weiß um das Problem. "Die Verkehrswende findet im Kopf statt", meinte der Planungschef. Er stellte auf der Konferenz zwar das Engagement vor, das Essen 2017 als "Grüne Hauptstadt Europas" an den Tag legte. Wichtig sei aber, dass die Maßnahmen langfristig wirken. Als Ansatzpunkte für die Immobilienwirtschaft nannte er die weitere Planung von Mobilpunkten in neuen Bebauungsplangebieten, den Erhalt der Nahversorgungszentren, um unnötige Wege zu vermeiden, sowie die Reduzierung von Kfz-Stellplätzen bei Neubauten und alternative Mobilitätskonzepte durch die Investoren.

    Städtebauliche Verträge

    "Mit dem Instrument des städtebaulichen Vertrags können wir Investoren zu gewissen Leistungen verpflichten", sagte Best. Dadurch können ihnen beispielsweise 100 E-Bike-Stellplätze oder 50 Stellplätze für E-Autos auferlegt werden. Bisher habe es hierzu keinen Aufschrei gegeben. In den Köpfen der Investoren scheint die Nachricht angekommen zu sein.

    Im Kopf von Cristian Macedonschi, Mitglied des Stadtrats im rumänischen Brasov, kamen hingegen Erinnerungen hoch: "Beim Thema öffentliche E-Mobilität denke ich daran, dass bis 1990 in Brasov 130 Trolleybusse fuhren." Dann wurden sie durch Busse mit konventionellen Verbrennungsmotoren ersetzt. Derzeit unterstützt der Kommunalpolitiker, der auch Präsident der Initiative Smart City Brasov ist, die Einführung von E-Bussen und Straßenbahnen in seiner Heimatstadt.

    Für Investoren sei eine energieeffiziente Stadt mit entsprechendem öffentlichem Personennahverkehr ein wichtiges Standortkriterium – auch am Austragungsort der Konferenz. Salzburg gehört zu den wenigen westeuropäischen Städten, die über ein ausgeprägtes Trolleybusnetz verfügen – und damit schon lange vor den Diskussionen über Smart Cities auf urbane E-Mobilität setzten. (Andreas Schiller, 8.4.2018)

    • Essen war 2017 die "Grüne Hauptstadt Europas". Dort setzt man beispielsweise auf den Erhalt von Nahversorgungszentren.
      foto: peter prengel, stadt essen

      Essen war 2017 die "Grüne Hauptstadt Europas". Dort setzt man beispielsweise auf den Erhalt von Nahversorgungszentren.

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