Pharaoameisen: Das große Krabbeln hinterm Kühlschrank

    7. April 2018, 10:00
    78 Postings

    Sie sind eigentlich Stubenhocker – wenn die Außentemperaturen steigen, schwärmen Pharaoameisen aber auf Futtersuche zu den Nachbarn aus. In Wien sind sie meldepflichtig

    Anfangs geschieht es im Verborgenen: Auf leisen Beinen bahnen sich Pharaoameisen ihre Wege in Gebäude. Entlang von Heizungsrohren, Leitungsschächten, in Fliesenfugen oder unter Sesselleisten gehen sie auf Futtersuche und breiten sich so langsam aus.

    Wer in einem großen Mehrparteienhaus mit vielen Stiegen und Zentralheizung wohnt und diesbezügliche Aushänge im Lift oder am Schwarzen Brett findet, sollte Eigeninitiative ergreifen und sofort die eigene Wohnung durchsuchen, wie eine Bewohnerin eines großen Wiener Genossenschaftsbaus berichtet: "Bei mir waren sie versteckt auf den oberen Fliesenkanten und später auf der Arbeitsplatte in der Küche Richtung Vorratsschrank unterwegs."

    Meldepflichtig in Wien

    Am liebsten mögen es die Tierchen feucht und warm, etwa hinter dem Kühlschrank. Auch vor kleineren technischen Geräten wie Dampfbügeleisen und CD-Playern und sogar vor Wundverbänden in Krankenhäusern machen sie nicht halt, weil sie eiweißhaltige Kost mögen. Nicht nur in Krankenhäusern werden sie deshalb gefürchtet, weil sie Krankheiten übertragen können.

    In Wien sind die Schädlinge erst seit den 1970er-Jahren bekannt, vermutlich wurden sie aus den Tropen eingeschleppt. 1984 hat Wien als einziges Bundesland eine Verordnung erlassen, laut der ein Befall an das Gesundheitsamt gemeldet werden muss. Im Jahr 2017 ist das 35-mal geschehen, wie der Standard auf Nachfrage von der MA 15 erfuhr.

    Auch Marianne Jäger, Obfrau der Wiener Schädlingsbekämpfer, weiß von wöchentlichen bis zweiwöchentlichen Meldungen zu berichten, allerdings ist ihr noch kein Befall in einem Krankenhaus untergekommen. Bei einem Befall kommen die Magistratischen Bezirksämter erst zum Zug, wenn niemand etwas dagegen unternimmt. Es besteht eine Bekämpfungspflicht durch zertifizierte Schädlingsbekämpfungsfirmen.

    "Die Kooperationsbereitschaft ist mittlerweile sehr hoch", weiß Schädlingsbekämpfungsmeisterin Jäger aus 35-jähriger Erfahrung. Vor zwanzig Jahren hätten Betroffene die Ameisen oft nicht richtig ernst genommen, weil sie so klein sind.

    Mehrere Königinnen

    Tatsächlich ist die Pharaoameise eine der kleinsten Ameisenarten. Die Arbeiterinnen sind nur rund zwei Millimeter klein und haben eine gelbliche Färbung. Um ein Gramm auf die Waage zu bringen, sind schon einige Tausend Exemplare notwendig.

    Doch leider fällt nicht die Zahl der eliminierten Exemplare ins Gewicht, sondern es zählt die Vernichtung der Königin oder der Königinnen. Denn die Insekten haben eine Besonderheit, so Jäger: Sie haben nicht nur eine Königin, sondern lassen bei Bedarf auch Jungköniginnen ausschwärmen, um neue Satellitenstädte zu gründen.

    "Zertreten, einsaugen oder ködern der Arbeiterinnen ist kontraproduktiv. Denn bemerken die Königinnen, dass viele nicht zurückkommen, produzieren sie noch mehr Eier", sagt ein Mitarbeiter einer Wiener Hausverwaltung, die langjährige Erfahrung mit dem Befall von Pharaoameisen hat – und ihren Namen daher nicht in der Zeitung lesen will. "Besser sind weiche, feuchte Köder, weil die Arbeiterinnen diese als Frischfutter direkt von Mund zu Mund an die Königin oder Larven im Nest verfüttern", bestätigt Jäger. Trockenfutter werde nur als Vorrat verstaut.

    Suche nach der Ursache

    Bis alle Ameisen weg sind, kann es Monate dauern, weil alle Hausbewohner mitspielen müssen und die Ursache gefunden werden muss. Letzteres ist Glückssache: "Wichtig ist, mit den Leuten zu reden, dann stellt sich mitunter heraus, dass Parteien erst betroffen sind, seit sie Tierfutter kaufen. Dann findet man den Ursprung vielleicht in einer Tierhandlung. Oder man erfährt von zurückgekehrten Urlaubern von der Nachbarstiege, die die Tierchen mitgenommen haben", so Jäger.

    Im Sommer müsse man auch bedenken, dass die Tiere aufgrund der hohen Temperaturen das Gebäude verlassen und auf Futtersuche gehen. Die Ursache kann dann auch im Nachbargebäude liegen, was im Winter unwahrscheinlich ist. (Marietta Adenberger, 7.4.2018)

    Share if you care.