Frage & Antwort: Daten tausender Österreicher von Facebook abgesaugt

    5. April 2018, 18:15
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    Parallel dazu wurden öffentliche Informationen fast aller Facebook-Nutzer von "bösartigen Akteuren" gesammelt

    Nach einer internen Untersuchung hat Facebook bekanntgegeben, dass die britische Firma Cambridge Analytica unerlaubterweise Daten von mehr als 33.000 Österreichern erhalten hat. EU weit sollen 2,7 Millionen Bürger betroffen sein. Außerdem sollen "bösartige Akteure" die öffentlichen Informationen über "fast alle" Facebook-Nutzer gesammelt haben.

    Frage: Was hat die Krise rund um Facebook ausgelöst?

    Antwort: Ein Whistleblower berichtete im März, dass die britische Firma Cambridge Analytica rund fünfzig Millionen Daten von Facebook-Nutzern illegal erworben und für Wahlkampfzwecke eingesetzt hatte. Mittlerweile steht aber Facebook selbst im Zentrum der Kritik, da dessen Geschäftsmodell bewusst auf niedrige Datenschutzstandards setzte.

    Frage: Wie viele Österreicher sind davon betroffen?

    Antwort: Hierzulande hat Facebook rund 3,7 Millionen User. In der einen oder anderen Form könnten Daten von allen Nutzern abgesaugt worden sein. So konnten Facebook-Mitglieder bislang über die Eingabe ihrer E-Mail-Adresse oder Telefonnummer gefunden werden. Das soll von "bösartigen Akteuren" genutzt worden sein, um öffentliche Profilinformationen von "fast allen Nutzern" zu sammeln, wie Facebook nun zugab. Mit Cambridge Analytica hat das aber nichts zu tun.

    Frage: Sind auch österreichische Nutzerdaten von Cambridge Analytica gekauft worden?

    Antwort: Ja. Laut Facebook sollen bis zu 33.568 heimische Nutzer von einer unerlaubten Datenweitergabe an Cambridge Analytica betroffen sein. Weltweit soll die britische Firma Informationen zu 87 Millionen Nutzern erhalten haben, wobei US-Bürger mit 70 Millionen den Löwenanteil ausmachen. Das gab Facebook am Donnerstag bekannt. Die betroffenen Nutzer sollen demnächst informiert werden. Cambridge Analytica setzt die Zahl der Betroffenen bei dreißig Millionen Usern an.

    Frage: Woher weiß Facebook, welche Daten Cambridge Analytica hat?

    Antwort: Das Unternehmen hat die Daten von einem russischen Forscher erworben, der Nutzer auf Facebook zu einem Persönlichkeitstest eingeladen und dafür mit rund einem Dollar belohnt hat. Er sammelte damit Daten der User und all ihrer Freunde – so kam die riesige Zahl von 87 Millionen Nutzern zusammen. Da der Persönlichkeitstest auf Facebook stattfand, kann der Konzern selbst nachprüfen, welche User daran teilgenommen haben und welche Freunde diese damals hatten.

    Frage: Was hat Cambridge Analytica mit den unerlaubt erhaltenen Daten gemacht?

    Antwort: Das ist nach wie vor unklar. Das Unternehmen soll laut Whistleblower Christopher Wylie im Bereich der Meinungsmanipulation experimentiert haben. So könnten zielgenaue Werbeanzeigen für die jeweilige Nutzergruppe entworfen worden sein. Cambridge Analytica bestreitet aber, die Nutzerdaten im Trump-Wahlkampf benutzt zu haben.

    Frage: Welche Konsequenzen drohen dem Unternehmen nun?

    Antwort: Gegen Cambridge Analytica wird zumindest in Großbritannien ermittelt. Die britische Datenschutzbehörde führte bereits eine Razzia bei der Firma durch. Außerdem gibt es Vorwürfe illegaler Kampagnenfinanzierung bei der Brexit-Abstimmung. In den USA untersucht Sonderermittler Robert Mueller, ob Cambridge Analytica sich bei seiner Arbeit für die Trump-Kampagne mit russischen Geheimdiensten abgesprochen hat.

    Frage: Was passiert mit Facebook?

    Antwort: Facebook-Chef Mark Zuckerberg wird sich nächste Woche einer Anhörung im US-Kongress stellen müssen. Sein Unternehmen hat bereits zahlreiche Schritte angekündigt, um den Schutz von Nutzerdaten zu erhöhen. So wird eine zentrale Übersichtsseite eingeführt, auf der User sehen können, welche Daten sie wann mit wem geteilt haben. Außerdem schränkt das Unternehmen zahlreiche Berechtigungen für Dritthersteller ein, die etwa Kommentare oder Likes absaugen konnten. US-Behörden sollen bereits Vorermittlungen wegen Facebooks Geschäftspraktiken durchführen.

    Frage: Hat Facebook selbst Gesetze gebrochen?

    Antwort: Momentan deutet wenig darauf hin, dass Facebook illegal gehandelt hat. Die Nutzer waren über die Praktiken informiert und erklärten sich prinzipiell bereit, ihre Daten zur Verfügung zu stellen. Die Kritik an Facebook ist eher auf einer ethischen Ebene zu sehen. Außerdem befürchten erste Investoren, dass Facebook langfristig zu Schaden kommt, da Nutzer möglicherweise aus Datenschutzgründen die Plattform verlassen.

    Frage: Sind die Rücktrittsaufforderungen an Facebook-Chef Mark Zuckerberg ernst zu nehmen?

    Antwort: Nicht wirklich. Der Facebook-Gründer hält selbst ausreichend Aktien, um Entscheidungen anderer Aktionäre zu blockieren. Intern gilt Zuckerberg als unumstrittener Facebook-Chef. In Interviews nach den ersten Enthüllungen gab er bekannt, an einem mehrjährigen Plan für mehr Datenschutz auf Facebook zu arbeiten.

    Frage: Löschen tatsächlich viele Menschen ihre Facebook-Präsenz?

    Antwort: Als Reaktion auf den Skandal haben Aktivisten die Kampagne #DeleteFacebook gestartet. Sie forderten Nutzer auf, ihre Konten zu löschen. Facebook gibt selbst an, keine Effekte bemerkt zu haben. Auch seien die Werbeeinnahmen stabil. Die Facebook-Aktie musste hingegen deutlichen Verluste hinnehmen.

    Frage: Muss sich Facebook also Sorgen machen?

    Antwort: Plattformen können oft rasch in der Versenkung verschwinden, man denke etwa an den Facebook-Rivalen Myspace. Doch dank Whatsapp und Instagram hat Facebook neben seiner Hauptseite zwei weitere Schwergewichte im Repertoire. Dazu kommt die Virtual-Reality-Firma Oculus, die zu Facebook gehört.

    Frage: Wie reagiert die Politik auf den Facebook-Datenskandal?

    Antwort: In Europa wollen Politiker die Auswirkungen der EU-Datenschutzgrundverordnung abwarten. Diese tritt Ende Mai in Kraft. Sie sieht vor, dass Unternehmen Nutzer über Datenweitergaben informieren. Außerdem sollen User selbst entscheiden dürfen, ob ihre Daten an Dritte weitergereicht werden. In den USA werden Rufe nach einer ähnlichen Lösung laut. Allerdings haben IT- und Telekomkonzerne großen Einfluss auf die US-Politik. (Fabian Schmid, 5.4.2018)

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      grafik: michaela köck / der standard
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