Die Polizei erlebt einen Bewerbungsboom

    6. April 2018, 06:49
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    Es gibt einen Run auf die Staatsgewalt, viele scheitern aber schon im Auswahlverfahren. Deutsch und Fitness sind die Hürden im Eignungstest

    Wien – "Sogar Bachelor könnt ihr werden, und ich meine jetzt nicht den aus der RTL-Show. Dann habt ihr Gold auf der Schulter und mehr Kohle auf dem Konto." Zoran Y. (Name geändert) sorgt oft für Lacher im Publikum. Der Fahnder von der Einsatzgruppe zur Bekämpfung der Straßenkriminalität (EGS) hat die Aufgabe übernommen, bei jungen Menschen das Interesse an der Polizei zu wecken. Was er gerade angepriesen hat, ist der Fachhochschullehrgang, der aus Polizisten Polizeioffiziere macht.

    Fast 500 Interessierte haben sich bei bisher zwei Recruiting-Days in der Wiener Polizeidirektion am Schottenring über den Exekutivdienst informiert. Und die nächste Veranstaltung ist bereits ausgebucht. Zoran Y. macht zwar allen Hoffnungen, verschweigt aber die Schattenseiten nicht: "Ihr Leben wird sich komplett verändern. Immer wenn etwas Schlimmes passiert, sind Sie die ersten Ansprechpartner."

    Kein reiner Schreibtischjob

    Jürgen K. aus Bruck an der Leitha ist darauf gefasst. Der 19-Jährige will unbedingt zur Polizei. Er will "etwas Sinnvolles machen, keinen reinen Schreibtischjob". Die Berufsfeuerwehr hätte den sportlichen Schulabgänger auch interessiert, "aber dort kommt man nur schwer rein".

    Bei der Polizei hingegen stehen die Chancen so gut wie nie zuvor. Nach der Ankündigung der Regierung, bis 2021 mehr als 4.000 Polizisten aufzunehmen, läuft die Offensive auf Hochtouren. Bei allen größeren Events sind Recruiting-Teams in Uniform anzutreffen, selbst beim Formel-1-Rennen in Spielberg Anfang Juli wird die Werbetrommel gerührt.

    Kein Alterslimit

    Zu den Infotreffen in der Wiener Polizeizentrale kommen, weil es kein Alterslimit mehr für Einsteiger gibt, vermehrt auch 30- bis 40-Jährige. Yanina K. ist 33, hat ein "fast abgeschlossenes Dolmetschstudium" und will ihre Fremdsprachenkenntnisse (Türkisch, Englisch, Französisch) in den Dienst der Staatsgewalt stellen. Der derzeit älteste Polizeischüler in Wien ist 50 Jahre alt.

    Vorkenntnisse muss niemand mitbringen, was Polizistinnen und Polizisten wissen müssen, lernen sie in der zweijährigen Grundausbildung. Aber dorthin muss man erst einmal kommen – der Aufnahmetest ist auch Thema Nummer eins beim Recruiting-Day. Die Durchfallquote liegt bei 30 Prozent. In einzelnen Durchgängen schafften es acht von zehn Bewerbern nicht.

    Mangelnde Deutschkenntnisse

    Neben den Fitnessvorgaben erweisen sich vor allem die geforderten Deutschkenntnisse als eine hohe Hürde. Jeder dritte Bewerber weiß etwa nicht, was richtig ist: "Kaffehaus", "Kaffeehaus", "Caffehaus" oder "Cafeehaus". Auch mit den s und f in "Flussschifffahrt" gibt es Probleme. Und viele lassen den Dativ dort hochleben, wo er nichts verloren hat. Die sprachlichen Anforderungen sollen aber trotzdem nicht nach unten nivelliert werden, heißt es im Innenministerium.

    Nur der Zeitraum, in dem das mehrstufige Auswahlverfahren absolviert wird, werde von fünf auf zwei Monate reduziert. Was den Bewerbern weniger Trainingszeit für den Sporttest zum Schluss verschafft. Die erforderliche Fitness orientiert sich an Alter und Geschlecht: Männer unter 30 müssen beispielsweise 3000 Meter in 15:15 Minuten laufen (Frauen: 17:45), mit Mitte 40 werden nur mehr 18:15 Minuten (Männer) beziehungsweise 21 Minuten (Frauen) erwartet.

    Liegestütze und Tattoos

    Junge Männer müssen mindestens 15 Liegestütze schaffen (Frauen sieben), in der Generation 50 plus müssen Männer zehn und Frauen sechs Liegestütze durchhalten. Diese Limits sind Mindeststufen. Wer in allen sportlichen Kategorien nur das Minimum erreicht, fällt durch. Wer nicht schwimmen kann, ist ebenfalls raus.

    Gelockert werden die Bestimmungen für Tattoos. "Voll’peckt geht sicher nicht", warnt Zoran Y. von der EGS mögliche künftige Kolleginnen und Kollegen. Aber eine Tätowierung per se ist laut Innenminister Herbert Kickl (FPÖ) kein Ausschließungsgrund mehr. Gemeint sind kleine Kunstwerke auf der Haut, die etwa von kurzärmeligen Sommeruniformhemden nicht verdeckt werden – allerdings wird jedes Tattoo einer dienst lichen Einzelfallprüfung unterzogen. Totenköpfe, gewaltverherrlichende Motive oder verfassungsrechtlich bedenkliche Abbildungen bleiben verboten.

    Führerschein B ist Pflicht

    Nach den Vorträgen im großen Saal der Wiener Polizeidirektion stehen noch dutzende Beamte für Fragen zur Verfügung. Dass die österreichische Staatsbürgerschaft Voraussetzung ist, verstehen die meisten Besucher, aber mit einem verpflichtenden B-Führerschein haben wenige gerechnet. Manche sind zur Einsicht gelangt, dass die Polizei doch nichts für sie ist, andere kämpfen sich bereits durchs Anmeldeformular. (Michael Simoner, 6.4.2018)

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    Wissen: Wie viel Polizisten verdienen

    Während der zweijährigen Polizeischule investiert der Staat rund 30.000 Euro in jeden Auszubildenden. Das Monatsgehalt beträgt im ersten Jahr der polizeilichen Grundausbildung 1.632,90 Euro brutto, im zweiten Jahr auf der Polizeischule kommen schon rund 2.000 Euro auf den Gehaltszettel, weil während des Praktikums auch schon die ersten Zulagen fällig werden.

    Im Inspektionsdienst unmittelbar nach Abschluss der Grundausbildung beträgt das Grundgehalt in der ersten Gehaltsstufe 1.736 Euro, mit Zulagen rund 2.200 Euro. Nach vielen Dienstjahren verdienen "einfache" Polizisten in der letzten Gehaltsstufe 2.835 Euro brutto. Bei dienstführenden Beamten entwickelt sich das Grundgehalt je nach Gehaltsstufe von 1.928 bis 3.010 Euro brutto. In der höchsten Verwendungsgruppe E1 verdienen Polizeioffiziere 2.221 bis 4.103 Euro brutto.

    Mehr als Butter aufs Dienstbrot sind die vielen Zulagen im polizeilichen Dienst. Die Vergütung für besondere Gefährdung beispielsweise macht monatlich 308 Euro aus, eine Wachdienstzulage durchschnittlich 90 Euro. Für jede Stunde Nachtdienst gibt es zusätzlich 2,62 Euro, für jede Stunde Sonn- und Feiertagsdienst 3,81 Euro. In Spitzenpositionen gibt es für Polizeioffiziere nach 17 Jahren Dienstzeit eine Funktionszulage von 2.000 Euro, nach 39 Jahren bis zu 3.600 Euro. (simo, 6.4.2018)

    • Eine kleine Demonstration der uniformierten Fitness beim Recruiting-Day in der Wiener Polizeidirektion.
      foto: simo

      Eine kleine Demonstration der uniformierten Fitness beim Recruiting-Day in der Wiener Polizeidirektion.

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