Afghanistans Luftwaffe tötet zahlreiche Zivilisten

    Video5. April 2018, 14:40
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    Hubschrauberangriff auf Koranschule bei Kunduz: Berichte über zahlreiche getötete Kinder

    Kunduz/Kabul – Die Uno geht Berichten über einen verheerenden Luftangriff der afghanischen Streitkräfte in der nordöstlichen Provinz Kunduz nach. Experten seien vor Ort unterwegs, um "beunruhigende Berichte" zu überprüfen, wonach Zivilisten "schweres Leid" zugefügt wurde, hieß es in einer am Dienstag veröffentlichten Erklärung der UN-Mission für Afghanistan.

    Bei dem Hubschrauberangriff der afghanischen Luftwaffe sollen zahlreiche Zivilisten getötet und verletzt worden sein. In der Schule im Bezirk Dasht-e Archi waren Angaben der afghanischen Armee zufolge ranghohe Kommandeure der aufständischen Taliban versammelt gewesen. Die US-geführte Koalition bemüht sich, der afghanischen Armee immer mehr Aufgaben zu übertragen, dazu gehören auch Luftangriffe.

    Widersprüchliche Angaben

    Dorfbewohner berichten, in der Schule habe eine "Dastaar Bandi"-Zeremonie stattgefunden, bei der junge Männer feiern, dass sie den Koran auswendig gelernt haben. Aus Sicherheitskreisen gab es widersprüchliche Angaben dazu. Mehrere Quellen in den afghanischen Sicherheitsbehörden gaben an, bei dem Angriff seien mindestens 59 Menschen getötet worden, darunter auch Taliban-Befehlshaber.

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    Die afghanische Luftwaffe veröffentlichte ein Video, das die Momente vor dem Angriff zeigen soll.

    Die meisten zivilen Opfer waren demnach Kinder. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Kabul sagte der Nachrichtenagentur AFP, es seien 20 Taliban getötet und ebenso viele verletzt worden. Zugleich bestritt er, dass es zivile Opfer gegeben habe. Ein Reporter der "Deutschen Welle", der den Tatort besuchte, hörte von Dorfbewohnern, dass mindestens 40 Kinder bei dem Angriff ums Leben gekommen seien, 15 würden immer noch vermisst. Da die Taliban-Aufständischen das Gebiet kontrollierten, seien immer Mitglieder der Gruppe dort anzutreffen, erklärte Khalid Yousufi, der bei dem Angriff mehrere Angehörige verlor.

    Polizeichef bestreitet Luftangriff auf Schule

    Der Polizeichef von Kunduz, Abdul Hamid Hamidi, sprach von "72 Feinden", die getötet worden seien. Zudem seien fünf Zivilisten zu Tode gekommen, 52 weitere seien verwundet worden. Er wies die Angaben zurück, dass die Koranschule oder die Moschee bei dem Luftangriff getroffen worden seien.

    Ein Krankenhausarzt in der etwa 50 Kilometer entfernten Provinzhauptstadt Kunduz sagte, er habe 35 Tote gezählt. Insgesamt wurden nach Angaben von Gesundheitsbehörden 57 Verletzte in das Krankenhaus gebracht.

    Schwerster Vorfall seit Jahren

    Die Taliban bestätigten am Montag den Angriff, stritten aber die Anwesenheit von Kämpfern ab. Die Koranschule sei von Islam-Gelehrten mit Sympathien für die Taliban geführt worden, aber für die Öffentlichkeit zugänglich gewesen, sagte ein hochrangiger Taliban-Kommandeur aus Pakistan der AFP am Dienstag. Während des Angriffs hätten sich 2.000 Menschen in der Schule befunden, darunter 750 Schüler.

    Aus Sicherheitskreisen hieß es, die Taliban hätten die Koranschule als Treffpunkt gewählt, um Luftangriffen zu entgehen. Afghanische und US-Sicherheitskräfte verstärken derzeit ihre Luft- und Bodenoffensiven gegen die Taliban und die Jihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS). Die radikalislamischen Taliban haben seit dem Abzug der Nato-Kampftruppen 2014 große Teile des Landes wieder unter ihre Kontrolle gebracht und in den vergangenen Monaten vermehrt Anschläge in Kabul verübt.

    In Kunduz befand sich während des Isaf-Einsatzes in Nordafghanistan das Feldlager der deutschen Bundeswehr. 2013 übergaben die deutschen Truppen das Lager nach zehn Jahren an afghanische Sicherheitskräfte. Am 3. Oktober 2015 kamen bei einem US-Luftangriff auf ein Spital von Ärzte ohne Grenzen in der Provinzhauptstadt 30 Menschen ums Leben. (red, APA, AFP, 5.4.2018)

    • Frische Gräber in Dasht-e Archi.
      foto: apa/afp/bashir khan safi

      Frische Gräber in Dasht-e Archi.

    • Ein Opfer des Luftangriffs im Spital.
      foto: reuters/stringer

      Ein Opfer des Luftangriffs im Spital.

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