Das funkt: Die jugendliche Onlinewelt von ARD und ZDF

Analyse9. April 2018, 13:20
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Beim Journalismusfestival in Perugia geht es auch um Formate von "Funk". Eine Plattform-Analyse vorweg

Von investigativem Journalismus über Mystery-Webserien, die von Youtubern produziert werden, bis zu Snapchat-Telenovela: Die öffentlich-rechtlichen deutschen Rundfunkanstalten ARD und ZDF haben eine eigene Online-Welt erschaffen. Beim Journalismusfestival in Perugia wird Eva Schulz, die für "Funk" das Format "Deutschland 3000" moderiert, erklären, wie man Millennials, jungen Menschen also, Politik präsentiert. Aber was ist "Funk" eigentlich – und ist das noch im Sinne des öffentlich-rechtlichen Auftrags?

What the funk?

"Funk" ist das erste Online-Content-Network von ARD und ZDF. Die Plattform startete am 1. Oktober 2016. Das Besondere daran ist, dass "Funk" ausschließlich Content für Social-Media-Netzwerke und die Online-Plattform zur Verfügung stellt. Dazu zählen vor allem Facebook, Snapchat und Instagram. Damit soll die Zielgruppe zwischen 14 und 29 Jahren versorgt werden.

Laut der "Funk"-Website ist das Ziel dieses "jungen" Angebots, Talente zu fördern, neue Mitgestalter zu etablieren und somit Inhalte zu produzieren, die ihre Zuseher sowohl informieren als auch ihr Engagement fördern. "Funk" soll unterhalten, ohne dabei kommerziell und politisch zu beeinflussen, ohne Product-Placement.

rayk anders
Selbstdarstellung von "Funk". Es besteht aus über 60 Social-Media-Kanälen, mehr als 90 Prozent der Inhalte sind Webvideos. Jedes Format wurde für eine spezielle Plattform generiert.

Was bezwecken ARD und ZDF damit?

Das Ziel ist Reichweite, um ausgewählte Themen schnell zu verbreiten. Reichweite ist bei "Funk" Trumpf. Und genau hier beginnt das Problem. Um auf Social Media Reichweite zu generieren, muss "Funk" mit Drittplattformen-Strategien arbeiten. Dazu gehören Facebook-Timelines, Snapchat-Stories und Instagram-Feeds. Das bedeutet, dass das Angebot von "Funk" nicht im Sinne des öffentlich-rechtlichen Auftrags unabhängig ist, sondern sich von Facebook und Co abhängig macht, um Klicks, Likes und Shares zu generieren. Hieraus entsteht ein Dilemma: Zum einen soll der öffentlich-rechtliche Auftrag unabhängig von wirtschaftlichen Unternehmen erfüllt werden, zum anderen gilt es, Inhalte zu produzieren, die auf Social Media eine möglichst hohe Reichweite erzielen. Letzteres gewinnt an Bedeutung, wenn man der Argumentation auf der "Funk"-Website folgt:

"Wir haben einen öffentlich-rechtlichen Auftrag, das bedeutet, dass wir entsprechend dem Fernsehauftrag eindeutige Verantwortungen übernehmen. Für uns bedeutet das, dass unsere Themensetzungen tatsächlich unsere Zielgruppe erreichen. Das betrifft rund 15 Millionen Menschen zwischen 14 und 29 Jahren, die in Deutschland leben und Internetzugriff haben. Dennoch wollen wir diese nicht nur erreichen, sondern auch zu einem konsistenten Faktor ihres Alltags werden." (Übersetzt aus dem Englischen)

funk
"Funk" wird durch den Rundfunkbeitrag finanziert. Das Gesamtbudget bis Ende 2020: maximal 45 Millionen Euro jährlich. Die ARD übernimmt zwei Drittel, das ZDF ein Drittel. Auf "Funk" gibt es keine Werbung.

Ein Hybrid aus Fernsehen und Social Media?

"Funk" setzt auf Reichweite durch Social Media, orientiert sein Programm an klassischen Fernsehformaten und übersetzt diese für das Web. Man kann also sagen, dass es ein Hybrid aus Fernsehen und Social Media ist. Im Snapchat- oder Instagram-Look mit Emojis, im Hochkantformat und mit knalligen Farben im Youtuber-Style, das alles ist "Funk".

Aber wie viel Potenzial steckt hinter der plakativen Darstellungsform? Wie sorgfältig wird mit den Informationen und der Themensetzung auf der Plattform von ARD und ZDF umgegangen? Kann "Funk" den öffentlich-rechtlichen Qualitätsansprüchen trotz Clickbaiting und Co entsprechen?

"Liebe" oder "Scheiße"

"Bei 'Hochkant' gibt es News und Storys, die euch wichtig sind": Mit diesen Worten begrüßt ein junger Mann mit zerzauster Lockenfrisur, schwarzer Lederjacke und dunkelbrauner Hipsterbrille sein Publikum. Er will wissen, was die "boyz" und "girlz" bewegt, und fordert sie ganz in Youtube-Manier zur Interaktion auf.

hochkant

Der jungen Mann mit den Locken heißt Florian Prokop. Er ist Schauspieler, auf "Funk" hostet er die Sendung "Hochkant". Hier spricht er über aktuelle Themen und klärt sein Publikum zum Beispiel über das jüdische Lichterfest Chanukka auf, indem er jüdische Spezialitäten kocht. Oder er geht auf Demos, interviewt Leute und bewertet unbegründet Situationen.

Fixer Bestandteil des Formats ist das jeden Freitag erscheinende "Liebe"-oder-"Scheiße"-Video. Das Konzept ist simpel – zumindest wenn man Social-Media-affin ist: hochkant gefilmte Nachrichten in Youtube, Snapchat und Insta-Style mit frecher Sprache. Also alles meganice. Florian präsentiert fünf Nachrichtenschlagzeilen der Woche und bewertet sie dann mit einem Herz-Emoji, also "Liebe", oder einem Fäkal-Emoji, "Scheiße". Ein weiteres Segment von "Hochkant" ist "Angeberwissen". Hier wird je nach aktueller Themenlage ein Problem erklärt, indem abwechselnd ein Bild mit einer Frage zum Problem eingeblendet wird, gefolgt von einem Video, in dem Florian die Frage beantwortet.

Beide Segmente sind Versuche, Information schnell und einfach zu vermitteln. Beide unterliegen den Ansprüchen von Social Media. Die Gefahr von einfacher und schneller Informationsvermittlung in Kombination mit Clickbaiting besteht in der Simplifizierung. Und diese ist zumindest bei "Hochkant" sichtbar – wenn zum Beispiel ein "Angeberwissen" zum Thema Aids und HIV behauptet, dass, wer sich heute in einem Land wie Deutschland mit HIV ansteckt, eine "fast nicht unterschiedliche Lebenserwartung wie jemand, der nicht angesteckt ist", hat und "ein fast ganz normales Leben führen kann". Durch diese Vereinfachung wird HIV auf eine Stufe mit Herpes gestellt. Ungeachtet der gesundheitlichen Probleme wird auch gesellschaftliche Stigmatisierung außen vor gelassen.

Ähnlich wenig Informationsdichte bietet Florians Kommentar zu einer Demonstration von Israel-Gegnern, in dem er sagt: "Auf einer Demonstration haben Israel-Gegner Flaggen mit Davidsternen verbrannt. Das Ganze war eine Reaktion auf Donald Trumps Entscheidung, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen. Freie Meinungsäußerung ist das nicht mehr, sondern einfach blanker, unverhohlener Antisemitismus, und das finde ich richtig, richtig scheiße."

Denn ja, Antisemitismus ist richtig, richtig "scheiße", und Flaggen zu verbrennen hat definitiv nichts mit freier Meinungsäußerung zu tun. Dennoch bedarf es hier journalistischer Begründung. Wo waren die Demonstrationen? Wer waren die Demonstranten? Was sind die Hintergründe des Konflikts zwischen Palästina und Israel? Ob sich oberflächliche Formate wie "Hochkant" dazu eignen, derart komplexe politische Themen zu bewerten, ist fraglich.

Das Zwischenfazit zu "Funk" in Zahlen:

  • 1. Oktober 2016 – 31. August 2017:
  • 256 Millionen Views auf Youtube
  • 90 Millionen Facebook-Aufrufe
  • Deutscher Fernsehpreis für "Wishlist"
  • Grimme-Online-Award 2017 für "Datteltäter"
  • Webvideopreis 2017 für "Kliemannsland" und "Y-Kollektiv"

(Anne Dippel, Johanna Hirzberger, 9.4.2018)

Anne Dippel hat nach ihrem Bachelor in Germanistik bei der "Bild" den rauen Redaktionsalltag zum ersten Mal kennengelernt. Für ihren Journalismus-Master hat sie Berlin gegen Wien eingetauscht.

Johanna Hirzberger hat Publizistik und Politikwissenschaft in Wien und Warwick studiert, anschließend Journalismus und Neue Medien an der FH Wien. Besonders gerne arbeitet sie multimedial mit Video und Audio. Gelernt hat sie das bei Spiegel TV, n-tv, ProSieben und dem ORF.

Zum Projekt: Vom Internationalen Journalismusfestival in Perugia berichten Studierende des Studienbereichs für Journalismus und Medienmanagement der FH Wien der WKW. >>> Mehr hier im Schwerpunkt über Perugia.

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