Global-Voices-Direktorin: "Manche verbreiten Falschmeldungen, weil sie Followern helfen wollen"

12. April 2018, 07:00
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Connie Moon Sehat für die Demokratisierung von Algorithmen

Perugia/Wien – Connie Moon Sehat ist News-Frame-Direktorin bei Global Voices, einer weltweiten Gemeinschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, aktuelle Nachrichten und Geschichten aus Blogs, unabhängigen Medien und sozialen Netzwerken zu sammeln, zu verifizieren und zu übersetzen. Am Donnerstag spricht sie beim Journalismus-Festival in Perugia über Falschinformationen in Form von Bildern und Memes sprechen.

Sie hat Kunstgeschichte studiert, arbeitete später an der Entwicklung der Software für die internationale Raumstation mit. Außerdem war sie maßgebend an dem, bei Studenten sehr beliebten, Tool "Zotero" beteiligt. Nach den Hurrikans Rita und Katrina, die New Orleans verwüsteten, half sie eine Online- Plattform für Studenten aufzubauen, die zerstörte Infrastrukturen ersetzen sollte. Darauf ist sie noch heute "sehr stolz". Als "besonders bewegend" bezeichnet sie auch ihre Erfahrungen, die sie 2013 bei der Wahl-Beobachtung mit dem Carter Center in Nepal machte.

STANDARD: Sie sagen über sich selbst, dass Sie gerne über "Daten und Kulturen" nachdenken. Was beschäftigt Sie in diesem Themenbereich?

Sehat: Meine Gedanken sind gleichzeitig positiv und negativ, wie Musik- Mashups auf Soundcloud. Darüber nachzudenken, was Kulturen verschieden macht und wie sie im digitalen Raum zusammenkommen, ist etwas Wunderbares. Aber beides – Daten und Kulturen – haben ihre Schattenseiten. Etwa, wenn Daten ohne ethische Bedenken benutzt werden oder Kulturen zur Exklusion verwendet werden. Dieses andauernde Vor und Zurück zwischen Freude und Trauer, wenn es um Daten und Kulturen geht, hält mich auf Trab.

STANDARD: Beim Internationalen Journalismus Festival in Perugia sprechen Sie über die Rolle von Bildern und Memes bei der Verbreitung von falschen Informationen. Sind Bilder manipulativer als Worte?

Sehat: Bilder können sehr mächtig sein. Sicherlich liegt ein Teil ihrer Macht darin, dass sie viele Dinge gleichzeitig kommunizieren können. Außerdem kannst du mit Bildern auch weniger gebildete Rezipienten erreichen. Obwohl wir Bilder intuitiv verstehen, versuchen wir immer noch besser zu verstehen, wie ihnen diese Macht eigentlich genau zukommt. Sie verbreiten sich nämlich auch sehr schnell und weltweit. Es gibt beispielsweise ein schreckliches Bild vom Unfall eines Tankwagens in der Demokratischen Republik Kongo. Dieses Bild wurde auch bei anderen Tragödien, die mit dem eigentlichen Ereignis nichts zu tun hatten, eingesetzt, etwa im Zusammenhang mit Angriffen von Boko Haram in Nigeria oder der Verfolgung der Rohingyas in Myanmar.

STANDARD: Wie konnten Falschmeldungen so ein großes Problem werden?

Sehat: Man kann es sich nur schwer vorstellen aber manche Personen verbreiten Falschmeldungen, weil sie ihren Followern helfen wollen. Sie wollen gemeinsame Erfahrungen ermöglichen. Social Media macht es einfach, Informationen schneller zu verbreiten.

STANDARD: Sind die Algorithmen von Facebook, Google und Co. nicht auch ein Teil des Problems?

Sehat: Falschmeldungen müssen von Fall zu Fall anders beurteilt werden. Wenn man sich beispielsweise die Situation rund um Cambridge Analytica anschaut, ist das ein ganz anderes Problem wie bei Pizzagate. In die Verbreitung von Falschmeldungen sind viele Faktoren involviert. Bei manchen Fällen können Informationsplattformen verantwortlich sein. Es wäre aber nicht korrekt, sie alleine dafür verantwortlich zu machen. Einige Plattformen sind daran interessiert, das Problem zu lösen. Sie unterstützen die Bemühungen der Credibility Coalition. Natürlich wäre es aber genauso falsch zu sagen, dass wir alle verantwortlich sind, obwohl sicher jeder einen Beitrag leisten kann. Wir müssen zusammen mit den Konzernen und der Forschung die Algorithmen weiterentwickeln. Es kann ein wunderbarer Job sein, bedeutungsvollen Inhalt für die Leser sichtbar zu machen. In einer Demokratie müssen Entscheidungen, welche die Themen Information, Verantwortlichkeit und Zensur betreffen, von mehr als einigen wenigen getroffen werden.

STANDARD: Welche Schritte können gegen die Verbreitung von Falschmeldungen unternommen werden?

Sehat: Es gibt im Moment verschiedenste Bemühungen. Dazu gehören Faktenchecks, die Vermittlung von Medienkompetenz, andere Erlösmodelle, öffentliches Feedback und Reputationssysteme. Sie alle sprechen den Zustand des Informations- Ökosystems an. Ein Beispiel ist die Credibility Coalition, welche sich bemüht, ein besseres und vollständigeres Verständnis des Problems zu erreichen. Dabei werden systematische Wege zur Verfügung gestellt um die Zuverlässigkeit von Informationen zu überprüfen. Grundsätzlich sind aber alle Schritte willkommen, die Falschmeldungen thematisieren. Wir müssen diskutieren, wie wir darauf reagieren, ohne die Demokratie zu beschädigen. (Konstantin Auer, Alexandra Dornauer, 12.4.2018)

Konstantin Auer hat einen Bachelor in Politikwissenschaft und einen in Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Derzeit macht er den Master in Journalismus an der FH Wien der WKW. Erste journalistische Erfahrungen sammelte er bei den Tips, bei M-Media, dem Kurier und dem ORF.

Alexandra Dornauer erfährt gerne Neues, um darüber zu schreiben. Sie studierte in Salzburg und Mailand, im Fashion-Ressort von "Men’s Health" hat sie erstmals journalistische Luft geschnuppert. Jetzt macht sie ihren Journalismus-Master in Wien.

Zum Projekt: Vom Internationalen Journalismusfestival in Perugia berichten Studierende des Studienbereichs für Journalismus und Medienmanagement der FH Wien der WKW. >>> Mehr hier im Schwerpunkt über Perugia.

  • Connie Moon Sehat ist News Frame-Direktorin bei Global Voices. In Perugia spricht sie über die Verbreitung von Falschmeldungen und welche Rolle Bilder dabei spielen.
    foto: global voices

    Connie Moon Sehat ist News Frame-Direktorin bei Global Voices. In Perugia spricht sie über die Verbreitung von Falschmeldungen und welche Rolle Bilder dabei spielen.

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