"Lucky"-Regisseur Lynch: "Harrys Methode hieß Harry Dean Stanton"

    Interview5. April 2018, 11:00
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    In "Lucky" spielt der 2017 verstorbene Harry Dean Stanton seine letzte große Rolle. Regisseur John Carroll Lynch hat eine leicht surreale Hommage an den Außenseiter gedreht. Ein Gespräch über die Kunst, sich treu zu bleiben

    Wien – Der Arzt des staubigen Wüstenkaffs zeigt sich zufrieden mit seinem missmutigen Patienten. Der raucht zwar wie ein Schlot, erfreut sich aber immer noch bester Gesundheit. Wer einmal 90 Jahre auf dem Buckel hat, den sollte man mit seinen schlechten Gewohnheiten in Ruhe lassen.

    foto: polyfilm
    Ein alter Mann, der mit dem Leben Frieden schließt: Harry Dean Stanton spielt in "Lucky" eine weitere stimmige Variation auf Harry Dean Stanton.

    John Carroll Lynch hat Lucky Harry Dean Stanton auf den hageren Leib geschrieben. Knorrig und unsentimental, einsilbig und pointensicher ist der Dorfkauz, der sich nun doch mit der Endlichkeit aller Dinge anfreunden muss. Lucky ist eine mit biografischen Details gespickte Hommage an einen großen Außenseiter des amerikanischen Kinos, der durch Filme wie Cool Hand Luke, Paris, Texas, Pretty in Pink oder Alien unvergessen bleibt. Letzten September ist Stanton im Alter von 91 Jahren gestorben.

    STANDARD: Niemand konnte Coolness und Authentizität so gut in sich vereinen wie Harry Dean Stanton, hieß es im Nachruf der New York Times. Sahen Sie Ihn auch so?

    Lynch: Coolness im Los-Angeles-Sinne bedeutet ja, dass man ohne Ende tanzt, sich dabei aber niemals selbst verliert. Man ist nicht mitten im Gewusel, sondern ein wenig außerhalb davon. Harry war ganz bestimmt so! Und er tanzte immer unter wilden Leuten: Wenn man nur auf die Freundschaften zurückblickt, die er zeitlebens gepflegt hat, diese jungen Löwen ...

    STANDARD: Marlon Brando und Jack Nicholson ...

    Lynch: ... Sean Penn, Johnny Depp – die Freundschaften waren Generationen überspannend. Manche starben, andere stießen dazu. Harry war immer auf der richtigen Party. Aber er hat nicht dick aufgetragen, niemals. Das machte ihn sehr attraktiv.

    foto: apa/afp/alain jocard
    Regisseur und Schauspieler John Carroll Lynch.

    STANDARD: Weil er zum Betrieb Distanz halten konnte?

    Lynch: Er war stets detachiert, ich weiß nicht, ob das von all den Philosophien kam, die er verinnerlicht hatte. Was ihn auch unterschieden hat: Wann auch immer er jemandem begegnete, dessen Anstrengungen er für vergeblich hielt, fand er einen Weg, diesen damit zu piesacken. Er hat es instinktiv gemacht, etwa beim Schauspieler Dabney Coleman, einem Langzeitfreund von ihm. Harry war ein Querkopf, aber ein brillanter.

    STANDARD: Nicholson hat ihn angeblich damit zum Schauspielen überredet, dass er ihm sagte, es sei ein sehr leichter Part: "Sei einfach du selbst." Wie beschreibt man einen solchen Schauspieler? Als Minimalisten?

    Lynch: Harry arbeitete nur an seiner Präsenz. Es war Teil seiner philosophischen Idee, von sich selbst auszugehen. Ich habe zwar nie mit Daniel Day Lewis gearbeitet, aber dessen Verwandlungsprozess verlangt, dass man ihn am Set nur mit dem Namen seiner Figur ansprechen darf. Mr. Lincoln! Harrys Methode hieß Harry Dean Stanton. Theoretisch wäre das eine Einschränkung, er empfand es allerdings als erhellend. Das heißt ja auch nicht, dass Lucky dieselbe Figur wie die aus Paris, Texas ist. Jeder Part ist unterschiedlich. Er verglich das Material mit seiner eigenen Wahrheit. Und Letztere hielt er sehr hoch.

    STANDARD: Können Sie das als Schauspieler nachvollziehen?

    Lynch: Ich mache es anders. Die Wahrheit ist für mich von den Umständen abhängig. Ich brauche den Kontext der Person, die ich spiele: die soziale Anbindung. Das Verhalten finde ich in der Welt, in der die Figur existiert. Den Mat McDonald, den ich in John Lee Hancocks The Founder spiele, gibt es ohne das Genie seines Bruders nicht.

    robert hofmann
    "Lucky" – Trailer auf Deutsch.

    STANDARD: Wie läuft das dann in einem Film wie Zodiac ab, in dem Sie die Rolle des Killers gespielt haben?

    Lynch: Genauso. Arthur Lee Allen war ja eine reale Figur. Es gab Videos, Bücher und Artikel über ihn. David Fincher hat mir all das gegeben, er ist bekannt für seine Akribie. Aus dem Material musste ich dann eine Figur erschaffen, die ganz anders ist als ich selbst. Der Prozess ist also gleich, aber die Verantwortung ist eine andere – was wiederum zu Lucky führt, wo es sich ja auch um eine reale Person handelt.

    STANDARD: Lucky ist von der Karriere Stantons inspiriert. Und diese Person spielt auch den Part, was das Ganze noch ein Stück verwirrender macht.

    Lynch: Komplett! Und die Person ist noch dazu einer der besten Schauspieler seiner Generation. Die Herausforderung bestand darin, das Material aus Harrys Leben so zu verdichten, dass daraus nicht Harry Dean Stanton, sondern Lucky wird. Nachdem er gestorben ist, las ich in einem Interview, dass er sagte, Lucky sei nur so ein Typ, den Logan (Sparks, eine der Drehbuchautoren, Anm.) erfunden hat. Er hat sich also selbst nicht erkannt.

    STANDARD: Es ist ja auch nicht leicht, sich selbst zu erkennen, wenn man von jemand anderem porträtiert wird.

    Lynch: Oh ja, Harry wiederholte immer wieder: "Das habe ich nie gesagt." Ich sagte, du hast es letzte Woche gesagt. Er: "Ich habe das nie gesagt."

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    "Lucky" – Trailer in der Originalsprache Englisch.

    STANDARD: Wie haben Sie das denn gelöst?

    Lynch: Wir haben uns ein Ritual ausgedacht. Wir haben geprobt, dann haben wir die Szene technisch vorbereitet. Und dann haben wir darüber diskutiert, an welcher Stelle der Geschichte die Szene überhaupt stattfindet. In Luckys Geschichte, meine ich. Harry wollte immer schon das Ende spielen, aber ich habe ihm gesagt, dass wir da noch nicht sind. Ich sagte, dein Herz hat die Idee erfasst, aber dein Kopf holt langsamer auf.

    STANDARD: Vieles in der Geschichte ist biografisch belegt, etwas die Kriegserinnerungen. Gilt das auch für die existenzialistische Lebensmaxime, von der er einmal beim Zigarettenrauchen spricht?

    Lynch: Ich würde nicht sagen, dass Harrys Weltsicht stark auf Freude ausgerichtet war. Es war aber auch nicht so, dass er dachte, niemand sei für das alles zuständig. Die Relativität alles menschlichen Strebens war ein Teil seiner Weltanschauung. Was ist real? Harry war ein Mann des heiteren Gleichmuts. Er war einverstanden mit seinem Platz in der Welt. Im Bewusstsein der Sterblichkeit fand er auch den Sinn für die Freude. Der Film war allerdings als eine Elegie intendiert – nicht als Grabrede.

    STANDARD: In einer der schönsten Szenen singt er unaufgefordert Volver.

    Lynch: Das spiegelt natürlich Harrys Leidenschaft für Mariachi-Musik wider. Er hatte eine außergewöhnliche Stimme. Wir wollten ihm einen Film geben, in dem er jeden Teil seines Talents ausschöpfen kann. (Dominik Kamalzadeh, 5.4.2018)

    Ab Freitag im Kino

    John Carroll Lynch (54) ist ein US-amerikanischer Regisseur und Schauspieler, der unter anderem mit Martin Scorsese und den Coen-Brüdern gearbeitet hat.

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