"Ready Player One": Rückwärtssalto in die Zukunft

    Video4. April 2018, 07:12
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    Mit seiner Virtual-Reality-Schnitzeljagd legt sich Steven Spielberg noch einmal als Übervater des Spektakelkinos ins Zeug. Ein zwiespältiges Unterfangen

    foto: warner
    Virtuelles Ostereisuchen: Tye Sheridan spielt Wade Watts, der sein Onlinespieluniversum vor dem Zugriff gewissenloser Geschäftemacher bewahren will.

    Wien – Einen der ersten Sätze, die wir zu hören bekommen, muss man gleich als Untertreibung werten. "These days, reality is a bummer" – die Realität, meint der jugendliche Held von Ready Player One, sei ein einziger Reinfall. Die Eröffnungssequenz aus Steven Spielbergs jüngstem Science-Fiction-Film zeigt uns, warum. Container auf Container stapeln sich da in den "Stacks" von Columbus, Ohio – nicht die beste Adresse im Jahr 2045. Und in jedem davon ein Mensch mit Virtual-Reality-Brille, mitten im Gefecht, wild herumfuchtelnd. Die Pizza kommt per Drohne – nein, das neapolitanische Reinheitsgebot hat sich nicht durchgesetzt.

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    Trailer in Originalsprache (Englisch).

    Spielberg zögert nicht lange, uns auf die andere Seite, die virtuelle Gegenwelt zu führen. Es handelt sich um das Spieluniversum Oasis, in dem ein jeder mit selbstgewähltem Avatar nun das sein kann, was er im wirklichen Leben nicht ist. Auch wenn es heißt, der Fantasie sei keine Grenze gesetzt: Die visuelle Entsprechung solch ungehemmten Einfallsreichtums sieht seit geraumer Zeit ziemlich monoton aus. Und zwar so, als hätten sich George Lucas' Stars Wars-Wichte mit ein paar Harry Potter-Zauberwesen, glupschäugigen Anime-Figuren im New-Wave-Look und ein paar Randfiguren, die aussehen, als hätten sie nie in die Marvel-Welt Einlass gefunden, zur Walpurgisnacht versammelt.

    Lawine an Spektakelkino

    Doch Spielberg, der alte Fuchs, der in den 1980er-Jahren mit E.T., Indiana Jones und später Jurassic Park die ganze Lawine an Spektakelkino erst losgetreten hat – und sie uns fallweise auch tief in unseren Herzen aufbewahren ließ -, meint diesen popkulturellen Datenoverkill natürlich ernst. In einem ersten Rennen, Teil der Wettkampfdramaturgie von Ready Player One, erwarten die Kombattanten sogar Godzilla und King Kong als monströser Spezialeffekt an der Straßenkreuzung.

    Der verstorbene Oasis-Erfinder, James Halliday (Mark Rylance als verdruckster Obernerd), hat seinen Fans ein letztes, das ultimative Spiel hinterlassen, drei gut versteckte Ostereier in der virtuellen Welt. Den Entdecker erwartet nichts weniger als die Alleinherrschaft über das Gaming-Imperium. Kein Wunder, dass das profitgierige Unternehmen IOI mit einer eigens aufgestellten Spielerarmee mitmischt.

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    Deutschsprachiger Trailer.

    Spielberg hat freilich sein eigenes Osterei in diesem Film platziert. Die virtuelle Ersatzwelt, durch die sein Held Wade Watts (Tye Sheridan), Online-Nickname Parzival, beherzt rittert, ist für ihn ein Stellvertreter für die High-End-Logik von Hollywood, das sich in der Endlosschleife von sterilen Großproduktionen verfangen hat. Als Pionier des Blockbusterkinos will der 71-jährige Starregisseur, der inzwischen lieber regelmäßig seriöses Unterhaltungskino wie The Post realisiert, nun noch einmal demonstrieren, welcher fruchtbare Gedanke am Anfang dieser Eskapismusidee stand.

    Der perfekte Zuschauer

    Die Einsichten, die Ready Player One formuliert, sind allerdings höchst zwiespältig – gemäß dem Motto "Have the cake and eat it, too". Denn einerseits geht mit Wade Watts eine typische Spielberg-Waise in Stellung, die aufgrund ihres Wissens um die VR-Welt und die Obsessionen von dessen Erfinder alle Schlüssel für den Sieg in der Hand hält. Immer wieder führt der mit 1980er-Zitaten durchsetzte Film Watts an Ausscheidungen heran, an denen seine Hingabe den entscheidenden Unterschied macht. Er ist perfekter Zuschauer und perfekter Mitspieler in einer Person.

    In einer der gelungensten Passagen des Films führt der Wettkampf sogar mitten hinein in die Welt eines anderen Films – welcher, soll hier nicht verraten werden. Aber die Akribie, mit der ein Stück Filmgeschichte als Parcours für eine Runde Nerds eingerichtet wird, die sich über die richtigen Clous verständigen müssen, um aus dem Labyrinth wieder herauszufinden, enthält eigentlich den ganzen Spielberg – oder zumindest jenen, der hier als rückwärtsgewandter Verteidiger eines aufrichtigen Spektakelkinos auftritt.

    Auf der anderen Seite muss der in den USA gerade mit großem Erfolg gestartete Ready Player One jedoch auch all jene Attraktionen einlösen, die ein Blockbuster inzwischen aufbieten muss – man schlage nach unter: Heerscharen von Avataren, die sich auf Kommando dem Oberfiesling entgegenstellen. Spielbergs beigefügte Gebrauchsanweisung, die vor den Nebenwirkungen der Realitätsflucht warnt, wirkt auch deshalb ein wenig verlogen. (Dominik Kamalzadeh, 4.4.2018)

    Ab Freitag im Kino

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