Wie ein Designerduo mit Robotern entwirft

    10. April 2018, 13:36
    3 Postings

    Clemens Weisshaar und Reed Kram zeigen von München und Stockholm aus, wie sie mit Robotern, Algorithmen und Usern die Designwelt neu denken und gestalten

    Wer sich auf das Œuvre des Designerduos Kram/Weisshaar einlässt, verlässt die Komfortzone des klassischen Denkens über Produkte und ihr Design. Dem Duo geht es um nichts weniger als "Redesigning design". So nennt es Clemens Weisshaar bei einem Gespräch im Münchner Studio in der Lindwurmstraße. Hier sitzen fünf Mitarbeiter vor ihren Screens, in der Stockholmer Filiale sind es zehn.

    Aber: Design neu denken. Wie geht das? "Indem man die Software für den Designprozess gleich mitentwirft, dieses Wissen weitergibt und damit demokratisiert. Jeder kann kreativ sein, nicht nur Designer. Erst recht, seit es Computer gibt." Nicht allein das fertige Produkt zählt, sondern auch der Weg dahin. Zudem siedelt das Duo seine Entwürfe an den Schnittpunkten zwischen Architektur, Mode, Industrie- und Mediadesign an, verbindet dabei traditionelle mit hochtechnologischen Methoden.

    Roboterinstallation

    Was dabei herauskommt? Als wohl "wichtigste Arbeit" bezeichnet Weisshaar "Outrace" – eine Roboterinstallation auf dem Trafalgar Square. Dafür wurden acht Roboterarme von Audi entliehen, mit LED-Lichtern versehen und auf eine Plattform montiert. Aus aller Welt konnte das Publikum über eine Website virtuelle Nachrichten übermitteln, welche die Roboter als Lichtzeichen in die Nacht malten. Kameras hielten mit Langzeitbelichtung das Spektakel fest und schickten den Besuchern ihre Nachricht als Film zurück. Die Subtextbotschaft des Duos: Technik kann mehr als das, wofür sie geschaffen wurde.

    Für das Projekt "My Private Sky" von Nymphenburg-Porzellan errechnete ein Computer für Kunden die genaue Sternenkonstellation zur Stunde ihrer Geburt. Diese wurde als filigrane Zeichnung von Hand auf einen Porzellanteller gepinselt. Ein unkonventioneller Mix von Alt und Neu, von Methoden und Techniken, von Tradition und Fortschritt. Für den Tisch "Smartslab" von Sapienstone erdachten Kram/Weisshaar eine Platte aus hauchdünner Keramik, die einen Teller bei 42,5° C warmhält, während andere Zonen zeitgleich das Champagnerglas kühlen.

    Das ermöglicht eine Platte aus Feinsteinzeug mit integriertem Touch-Interface, Induktionskochfeld und Heiz- sowie Kühlelementen. So passiert alles gleichzeitig auf dem Tisch: Kochen, Essen, Kommunizieren.

    Geisterhand

    Für Aufmerksamkeit sorgte auch "Robochop": Vier große rotierende Roboter, erdacht für die Arbeit am Fließband, schneiden mit einem heißen Draht plastische Modelle aus Styroporblöcken, Objekte, Figuren, Buchstaben oder Zahlen, jedes anders, jedes neu. Jedes umgesetzt anhand einer Zeichnung, die der User von sonst wo auf der Welt im Browser auf Smartphone oder Tablet konstruiert. Was das Duo damit zeigen will? Dass die Verbindung von Digital und Analog ins Unendliche variierbar ist, dass technisch so gut wie alles möglich ist und man doch bitte öfter "out of the box" denken soll .

    foto: jürgen schwope
    "Robochop" schneidet mit einem heißen Draht plastische Objekte aus Styroporblöcken, die User aus der ganzen Welt mit entwerfen.

    "Möbel sind nicht mehr das Feld, in dem die Musik spielt. Hier herrschen bourgeoiser Massengeschmack und ein starker Retrotrend. Innovations- und Risikobereitschaft sind da gleich null", sagt Weisshaar. Jahrgang 1977 und in München geboren, macht er statt Matura und Studium eine Lehre als Metallarbeiter. Auch "um die Akademikereltern anzupissen", wie er sagt. "Schule ist nur eine Simulation. Dann lieber echte Sachen machen."

    Alternativ denkt er daran, Rennsportingenieur zu werden – oder in die Politik zu gehen. Später studiert er dann doch, "weil Design in den 90ern noch ganz oben stand – und weil wir noch das Ideal und die Idee hatten, das Leben neu zu entwerfen, die Gesellschaft zu verändern." Er geht nach London, studiert Produktdesign am Central Saint Martins College of Art und Design und am Royal College of Art. Schon zu Lehrzeiten lernt er Konstantin Grcic kennen, verfolgt dessen kometenhaften Aufstieg und denkt sich nüchtern: "Wenn Konstantin das kann, kann ich das auch!"

    Drei Jahre lang ist er Assistent von Konstantin dem Großen, bevor er 2000 ein erstes eigenes Büro gründet – in München. Als erste Auftragsarbeit winkt 2002 die technische Ausstattung des Prada-Stores in Beverly Hills, einer der ersten Flagshipstores weltweit. Von Auftraggeber Rem Koolhaas geheadhuntet, bekommen Weisshaar und Kompagnon Kram ein Millionenbudget.

    Interaktive Umziehkabinen

    Heraus kam ein Store mit Interfaces, LCD-Displays, interaktiven Umziehkabinen und einem virtuellen Atlas, der Kunden weltweit Infos zu Lagerbestand und Lookbook-Präsentationen anzeigt. "Außerdem ging es darum, in den virtuellen Austausch mit jenen Produkten zu gehen, über die du physisch nicht verfügst." Da passt es, dass Reed Kram Informatik am MIT Media Lab in Massachusetts studierte. Heute leitet er das Stockholmer Büro.

    Inzwischen stehen die Arbeiten von Kram/Weisshaar in allen renommierten Designsammlungen, im Vitra Design Museum in Weil am Rhein, im Centre Pompidou in Paris und im Museum of Modern Art in New York. Und ja, Möbel hat das Duo auch noch entworfen: Aufgrund computergenerierter Personalisierung verfügt die Tischserie "BreedingTables" für Moroso über individuell designte Konstruktionsoberflächen, gesteuert von einem Algorithmus.

    Der Designer als Problemlöser, als Dienstleister? Das war einmal. Künftig ist er Explorer und Grenzgänger am Schnittpunkt der Disziplinen. Wann diese Crossover-Zukunft beginnen wird? Hat sie schon. (Franziska Horn, RONDO, 10.4.2018)

    Weiterlesen:

    Ausprobiert: Wie Pizza aus dem "Pizzadrucker" schmeckt

    • Reed Kram geht es wie seinem Partner Clemens Weisshaar um die Verbindung von Digital und Analog.
      foto: matthias ziegler

      Reed Kram geht es wie seinem Partner Clemens Weisshaar um die Verbindung von Digital und Analog.

    • Clemens Weisshaar will mittels Internet auch den User in den Designprozess integrieren.
      foto: matthias ziegler

      Clemens Weisshaar will mittels Internet auch den User in den Designprozess integrieren.

    Share if you care.