Huawei P20 Pro im Test: Manchmal die beste Smartphone-Kamera

    8. April 2018, 09:14
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    Spitzenhandy mit "Notch"-Design – Triple-Kamera im Vergleich mit dem Samsung Galaxy S9+

    Jedes Jahr beschert uns neuere, schnellere Smartphone-Chips. Doch die Konsumenten scheinen der Spezifikations-Schlacht um Gigahertz und Prozessorkerne überdrüssig geworden zu sein. Stattdessen füllen nun andere Schlagworte die Werbebotschaften. "Randloses" Design, künstliche Intelligenz (KI) und Kamerafeatures stehen nun im Vordergrund.

    Da bildet auch Huaweis neues Flaggschiff, das P20, keine Ausnahme. Es dominieren schlanke Ränder, der bereits vom Mate 10 bekannte Kirin-970-Prozessor hat eine eigene Recheneinheit für KI-Belange und die Pro-Variante kommt, als wohl erstes Smartphone überhaupt, gleich mit drei Hauptkameras daher. Der WebStandard hat das "Dreiauge" getestet.

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    Starker Bildschirm, edle Verarbeitung

    Verpackt ist die Hardware des P20 Pro in eine mittlerweile etablierte Kombination aus Materialien: Metall und Glas. Das sorgt für einen durchaus edlen Look, aber auch bekannte Konsequenzen. Das Handy tendiert dazu, auf glatteren Oberflächen, die nicht vollständig eben sind, gen Abgrund zu "wandern". Und die Rückseite ist ein Magnet für Fingerabdrücke und nur unter Mühe fotografierbar.

    Das Display wird mit einer Diagonale von 6,1 Zoll angegeben. Mit einer Auflösung von 2.244 x 1.080 Pixel kommt es auf das eher unübliche Format von 18,7:9. Das OLED-Panel liefert satte Farben und Kontraste, der Unterschied zu Samsungs AMOLED-Displays ist mit freiem Auge kaum zu erkennen. Bei genauerem Hinsehen zeigen letztere jedoch tieferes Schwarz und etwas intensivere Farben. Für diese Erkenntnis benötigt man aber eine direkte Vergleichsmöglichkeit.

    foto: derstandard.at/pichler

    Das Handy misst 155 x74 x 7,8 Millimeter und kommt auf ein Gewicht von 180 Gramm. Es ist gemäß IP67-Zertifizierung vor Wasser (bis zu 30 Minuten bei einer Tiefe von einem Meter) und Staub geschützt. Die Verarbeitung ist hochwertig, weder finden sich Materialprobleme, noch problematische Spaltmaße.

    Notch-Alarm

    Optisch beim Bildschirm noch ein anderes Merkmal auf: Erstmals liefert der Hersteller ein Telefon mit einem "Notch". Statt also die Frontkamera, Ohrhörer und Sensoren oberhalb des Bildschirms zu positionieren, liegen diese nun in einer Einkerbung im oberen Bildschirmrand. Eine Entscheidung, die nicht jeden Geschmack trifft und zudem Anpassungen für Betriebssystem und Apps erfordert.

    Und das P20 ist nicht das einzige Handy, das nun dieses Element inkorporiert. Zwar hat Apple den "Notch" nicht ursprünglich erfunden, doch seit dem iPhone X haben verdächtig viele andere Hersteller ebenfalls Geräte mit Kerbe vorgestellt oder angekündigt.

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    Keine Speichererweiterung, keine Audioklinke

    Dem Kirin 970 hat Huawei üppige sechs GB RAM beigestellt. Dazu gibt es 128 GB Onboardspeicher, der allerdings nicht erweiterbar ist. Immerhin versteht sich das Gerät aber nach wie vor mit zwei SIM-Karten. Neben der Speichererweiterung ist auch ein anderes Feature weggefallen: Die Steckerbuchse für Kopfhörer, Headsets und Lautsprecher. Auch dieser "Trend" spaltet die Nutzergemeinde.

    Wer nun auf seinem Handy Musikhören will, muss entweder zu einem Adapter oder einem USB-C-Headset greifen – beides hat Huawei dankenswerterweise beigelegt. Die dritte Option sind freilich drahtlose Kopfhörer. Mit den "Freebuds" hat der Hersteller hier nun auch ein Produkt im Angebot, das ein wenig an Apples Airpods erinnert und 160 Euro kostet.

    foto: derstandard.at/pichler

    Bei der restlichen Ausstattung gibt man sich weitestgehend vollständig. Das Handy beherrscht ac-WLAN, LTE und Bluetooth, seltsamerweise allerdings nur in Version 4.2 statt 5.0, womit die Möglichkeit der Anbindung von zwei Geräten gleichzeitig wegfällt. Zur Steuerung von Fernseher und anderem Heimequipment findet sich ein Infrarot-Sender nebst Fernbedienungs-App auf der Oberseite. Rechts sitzen die etwas schwer erreichbare Lautstärkewippe und Ein/Aus-Schalter. Der Fingerabdruckscanner liegt unter dem Display und arbeitet zuverlässig und wirklich flott.

    Es gibt Stereo-Audiowiedergabe über die Lautsprecher auf der Unterseite und den Ohrhörer. Der integrierte Lithium-Polymer-Akku wird mit einer Kapazität von 4.000 mAh ausgeschildert und ist schnellladefähig. Zur Stromversorgung und verkabelten Datenübertragung gibt es einen USB-C-Port (USB 3.1).

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    Flott unterwegs

    Im Alltag schlägt sich der Kirin 970 gut. In Benchmarks liegt er zwar unter dem Niveau des Snapdragon 845, besonders bei der Grafikperformance, spürbaren Unterschied macht dies im Alltag aber nicht. Apps starten flott und auch aufwändigere Games funktionieren flüssig. Auch wer das Betriebssystem, Android 8.1 in Huaweis "EMUI"-Variante mit extensivem Multitasking quält, provoziert keine groben Verzögerungen.

    Zur Huawei-Variante des Betriebssystems gibt es ansonsten nicht viel zu sagen: Es ist optisch an iOS angelehnt, kann aber optional mit einem Launcher versehen werden. Abseits der Standardfunktionen gibt es ein paar nette Zusatzfunktionen und gleich mehrere Energiesparmodi. Das Einstellungsmenü ist jedoch einigermaßen konfus gestaltet – zum Glück hilft hier eine Suchfunktion.

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    Huawei P20 Pro vs. Samsung Galaxy S9+

    Daher ist es an der Zeit, dem Kameraequipment auf den Zahn zu fühlen. Huawei hat auf der Vorstellung des P20 Pro das neue Setup ausführlich vorgestellt und sich zum neuen Führenden im Kamera-Rennen erklärt. Dazu stützte man sich vor allem auf Wertungen von DxO-Mark, wo man in der Tat bei Fotos und Videos einen höheren Score erzielen konnte, als die Konkurrenz.

    Man hat aufgerüstet. Auf der Rückseite vereinen sich gleich drei Sensoren mit 40, 20 und acht Megapixel plus von Leica beigesteuerte Linsen. Antreten durfte das Trio gegen die Dualkamera des Samsung Galaxy S9+, das im WebStandard-Test mit seinen Kameraqualitäten glänzen konnte.

    Durch mehr kombinierbares Bildmaterial sollten theoretisch bessere Fotos erzeugbar sein. Dazu soll die künstliche Intelligenz automatisch Szenen erkennen und entsprechende Einstellungen vornehmen – auch letzteres kennt man schon vom Mate 10. Was das Handy dem Galaxy S9+ in jedem Fall voraus hat, ist der stärkere Hybrid-Zoom. Bei Nahaufnahmen ist, wie beim Konkurrenten, 2x-Zoom möglich, bei normalen Aufnahmen wird dreifache und fünffache Vergrößerung geboten.

    In Sachen Geschwindigkeit sind sich die beiden Smartphones ebenbürtig. Beide lösen extrem schnell aus und produzieren Fotos mit guter Schärfe. Generell lässt sich auch sagen, dass sie definitiv gute Aufnahmen erzeugen. Es gibt jedoch teils deutliche Unterschiede, je nach Motiv. Im Test hatte subjektiv das Samsung-Handy allerdings in den meisten Situationen die Nase vorne.

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    Nur teilweise besser

    Bei Landschaftsaufnahmen liefert das P20 Pro dunklere Ergebnisse, jedoch mit kräftigeren Farben, die jedenfalls bei schlechterem Wetter näher an der Realität liegen. Auch der Himmel erscheint detaillierter. Nahaufnahmen zeigen wiederum ein ganz anderes Bild. Hier erzeug das S9+ ein "abgerundetes" und rundherum sehr gleichmäßig fokussiertes Foto. Trotz der leicht überzeichneten Farben ist das Ergebnis deutlich besser, als das etwas blasse und in vielen Bereichen Schärfe vermissende Resultat des P20 Plus.

    Bei Gebäudefotos hat Huawei wieder die Nase vorne. Kontraste und Farben sind besser abgestimmt, ebenso auch die Helligkeitsabstimmung zwischen Motiv und Himmel. Die deutlich stärkere Scharfzeichnung im Post-Processing führt dazu, dass mittelgroße Details gut hervortreten. Geht es aber um kleine Details, etwa die Struktur einer bemalten Wand, hinkt das P20 Pro dem S9+ nach. Dieses erhält Feinheiten wesentlich besser. Klar die Nase vorne hat Samsung auch bei Aufnahmen unter schlechteren Lichtbedingungen, sofern man nicht den Nachtmodus des P20 Pro und ein Stativ verwendet. Normale Fotos sind deutlich detaillierter, farbechter und schärfer.

    Die Frontkameras beider Geräte leisten gute Arbeit und bieten einen Porträtmodus für Selfies, in dem ein künstlicher Tiefenschärfeeffekt erzeugt wird. Bei beiden Geräten klappt die Randerkennung gut. Das P20 Pro bietet hier jedoch die schöneren und kräftigeren Farben, radiert aber standardmäßig mehr Hautdetails aus – dies lässt sich allerdings einstellen. Ebenso auch die übertriebene Tiefenunschärfe.

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    Super-Slo-Mo

    Videoseitig hat auch Huawei nach Sony und Samsung auf einen Superzeitlupenmodus mit 960 Bildern pro Sekunde aufgerüstet. Dieser ermöglicht es, einen kurzen Moment stark zu verlangsamen. Einen Modus, wie ihn das S9+ besitzt, in dem man einen bestimmten Bildbereich festlegt, in dem Bewegung erkannt und anschließend die Zeitlupenaufnahme gestartet wird, gibt es leider nicht. Beide Geräte bieten diese Funktion ausschließlich in 720p-Auflösung (1.280 x 720 Pixel).

    Qualitativ sind sich die Slow-Mo-Funktionen ebenbürtig. Aufgenommen wird mit nur geringer Lichtstärke. Es empfiehlt sich ein gleichmäßiger Abstand zu nahen Motiven, da der Fokus sich während der Aufnahme nicht mehr ändert.

    derstandard.at/web

    Guter Sound, schwache Gesprächsakustik, starker Akku

    Akustisch liefert das P20 Pro ein zweischneidiges Bild. Die Musikwiedergabe über die Lautsprecher profitiert vom Stereo-Setup. Sie liefert ein für Smartphones gutes Erlebnis, kommt aber nicht an die Klangqualität des S9 heran. Problemlos ist auch die Audiowiedergabe über das beigelegte USB-C-Headset.

    Bei der Telefonieakustik enttäuscht das Handy allerdings. Während man sein Gegenüber recht klar und gut versteht, kommt man selbst nur recht undeutlich an – etwa als würde die Rauschunterdrückung überreagieren. Bei wenig Hintergrundlärm hat diese keine großen Auswirkungen auf ein Gespräch, ist der Gesprächspartner aber etwa in der Stadt unterwegs könnte es problematisch werden, verstanden zu werden.

    Der 4.000-mAh-Akku wiederum hält, was er verspricht. Selbst wenn man da Handy intensiver unter Stress setzt, kommt man mit guten Reserven über den Tag. Für Intensivnutzer sind bis zu 1,5 Tage Laufzeit realistisch, ehe das Ladegerät wieder eingesetzt werden muss. Zwei Tage für Nutzer, die nur gelegentlich zu ihrem Handy greifen.

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    Fazit

    DxO-Mark mag das Kamera-Setup des Huawei P20 Pro zum besten seiner Art gekürt haben, doch subjektiv lässt sich dieser Eindruck nicht so eindeutig bestätigen. Das Handy macht ohne Zweifel sehr gute Fotos, war dem Samsung Galaxy S9+ jedoch in so mancher Situation unterlegen. Speziell bei Nahaufnahmen und wenn es um die Abbildung feiner Strukturen geht, ist das S9 vorne. Klare Vorteile hat es auch bei Fotos unter schlechten Lichtbedingungen.

    Die Stärken der Kamera des P20 Plus liegen bei Gebäudefotografie und teilweise bei Landschaftsaufnahme. Mit dem dreifachen und fünffachen Hybrid-Zoom, der zwar eine rein optische Vergrößerung nicht schlagen kann, aber doch erheblich besser ist, als ein reiner Digitalzoom, hat man auch ein Feature an Bord, das dem Konkurrenten fehlt.

    Darüber hinaus liegt das Gerät auf Augenhöhe mit anderen Flaggschiffen, sieht man von dem Sprachqualitäts-Defizit ab, das aber per Softwareupdate behebbar sein könnte. Positiv hervorheben lassen sich das sehr gute Display und der konditionsstarke Akku.

    Wer für sein nächstes Handy viel Geld in die Hand nehmen möchte, steht vor einer nicht ganz leichten Wahl. Die Preisempfehlung für das P20 Pro liegt bei 899 Euro, der Straßenpreis hat sich aber bereits auf 850 Euro eingependelt. Der schärfste Konkurrent, das Galaxy S9+ Duos, ist teilweise schon für weniger zu haben, bietet in dieser Ausführung aber nur halb so viel Onboard-Speicher , der sich jedoch per microSD-Karte erweitern lässt. Dafür ist auch ein Klinkenstecker dabei. Rund 150 Euro darunter rangiert das Mate 10 Pro, dessen Hardware mit dem P20 Pro abseits der Kamera ziemlich ident ist. Wer nicht unbedingt fünffachen Zoom benötigt, sollte damit auch sein Auslangen finden.

    Das Huawei P20 Pro ist definitiv eine Kampfansage an Samsung und Co. Auf dem Papier mag es gelungen sein, den koreanischen Konkurrenten vom Kamerathron gestoßen zu haben. Subjektiv wird allerdings nicht ganz so viel gehalten, wie man versprochen hat. (Georg Pichler, 08.04.2018)

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    foto: derstandard.at/pichler
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    Hinweis im Sinne der Leitlinien: Das Testgerät wurde der Redaktion von Huawei zur Verfügung gestellt.

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