Jean-Michel Basquiat: "Schwarzer" Darling des "weißen" Establishments

    31. März 2018, 08:00
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    In den 1980er-Jahren mag Jean-Michel Basquiat einst Klischees bedient haben: International sind seine Werke derzeit gefragt wie noch nie

    Jean-Michel Basquiat sei ein wenig talentierter Graffitimaler, von der New Yorker Kunstszene hochgejubelt und überbewertet – teils auch, weil er schwarz gewesen sei und für das "weiße" Establishment das Klischee eines urbanen Wilden bediente. Ein harsches Urteil, das der Kunstkritiker Robert Hughes im November 1988, drei Monate nach dem Tod des zum Shootingstar Stilisierten, publizierte.

    "Requiem für ein Fliegengewicht" titelte der Artikel, in dem Hughes die Erfolgsgeschichte sezierte, die Basquiat zur ständigen Wiederholung gezwungen und eine künstlerische Entwicklung verhindert habe. "Same old shit" also, womit die afroamerikanische Umgangssprache allerdings die unveränderten rassistischen Verhältnisse meint.

    Unter dem zugehörigen Kürzel "Samo" hatte Basquiat gemeinsam mit einem Schulfreund bis Ende der 1970er-Jahre Schriftzüge an die Häuserwände SoHos gesprayt. 1981 zeigte das PS1, die älteste und seit 2000 an das Museum of Modern Art angegliederte Institution für zeitgenössische Kunst in den USA, die ersten Gemälde Basquiats.

    Die Kritik rühmte seine gestische Arbeitsweise, das unmittelbar auf Leinwand gebannte Sammelsurium von Worten, Zeichen und Piktogrammen aus der amerikanischen Alltagskultur. Vanity Fair feierte ihn als "den ersten wirklich wichtigen schwarzen Maler", andere bezeichneten ihn als "schwarzen Heiligen", vergleichbar mit Martin Luther King oder Muhammad Ali. Eine Ausstellung folgte der nächsten, sowohl in Museen als auch in Galerien.

    Und Basquiat produzierte im Souterrain seiner Galeristin auf Hochtouren. Der Verkauf florierte, teils war die Farbe auf den Leinwänden noch nicht getrocknet. Die Bekanntschaft und zeitweilige Kooperation mit Andy Warhol nährte den Ruhm zusätzlich.

    Enorme Profite

    Mitte der 1980er-Jahre wurden Basquiats Gemälde bereits um 25.000 Dollar gehandelt. Wer damals kaufte, dem sind nun enorme Profite gewiss, wie Dos Cabezas belegt: Das Doppelporträt zeigt Basquiat und seinen "Spezi" Warhol, aus dessen Nachlass es im Mai 1988 bei Sotheby's versteigert wurde: für 99.000 Dollar und damit weit über dem angesetzten Schätzwert von 10.000 bis 15.000. Zuletzt wechselte es im November 2010 bei Christie's für 7,08 Millionen Dollar den Besitzer.

    Geadelt durch das Gastspiel bei der Retrospektive, die zuerst in London (Barbican Centre) lief und nun in Frankfurt (Schirn-Kunsthalle, bis 27. 5.) zu sehen ist, dürfte der Marktwert dieses Bildes gestiegen sein. Das legt die Entwicklung des von Artprice ermittelten Preisindex (siehe Grafik) nahe. Dank wachsender Nachfrage notiert die Auktionsbranche seit 2012 sukzessive neue Rekorde in zweistelliger Millionenhöhe. Zuletzt im Mai 2017, als sich der japanische Milliardär Yusaku Maezawa für 110,5 Millionen Dollar ein charakteristisches Totenkopfmotiv aus dem Sotheby’s-Angebot fischte. Bei Sotheby's soll das Großformat Flesh and Spirit demnächst (16. 5.) in New York um die 30 Millionen Dollar einspielen. Die Rendite für die Verkäuferin ist stattlich: 1983 hatte sie 15.000 Dollar bezahlt. (Olga Kronsteiner, 31.3.2018)

    • Basquiat und sein "Spezi" Warhol: 2010 wurde "Dos Cabezas" (1982) um 7,08 Mio. Dollar versteigert

      Basquiat und sein "Spezi" Warhol: 2010 wurde "Dos Cabezas" (1982) um 7,08 Mio. Dollar versteigert

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      vg bild-kunst bonn, 2018 & the estate of jean-michel basquiat. licensed by artestar, new york
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