Sozial verletzt: Adieu, Facebook

    31. März 2018, 08:00
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    Die Sympathiewerte von Facebook fallen wie sein Aktienkurs. Ein guter Zeitpunkt auszusteigen, wenngleich der kalte Entzug die Hölle ist – minutenlang

    Kein Schwein hat es bemerkt. Über 1400 Freunde, aber nach zwei Wochen Totenstille hat keiner sich nach meinem Verbleib erkundigt. Ich hatte nämlich entsagt und mich bei Facebook abgemeldet. Den Account habe ich nicht gelöscht, ich bin ja nicht verrückt. Dann wären ja meine 1400 besten Freunde weggewesen, nein.

    Aber es war mir zu viel, zu aufgeregt, und ich mittendrin, ein Teil des Problems. Denn wenn Facebook-Freunde, die man im realen Leben nie gesehen hat, einem im Traum begegnen – dann ist zu viel virtual in der reality. Also habe ich mich abgemeldet, um zu überprüfen, ob es stimmt, was Süchtige immer behaupten: Ich könnte jederzeit aufhören.

    Facebook ist ein Zeitfresser. Es verstört und desinformiert. Wenig ist aktuell, aber alles immer akut. Es ist amüsant und ärgerlich und erneuert sich ständig. Sozial vernetzt heißt das, aber eigentlich beschreibt es einen sozial beschädigten Zustand: Man ist sozial verletzt. Dafür macht es süchtig und asozial. Doch für ein bisschen Asozialität braucht ein durchschnittlich begabter Mensch Facebook nicht, das geht auch ohne.

    Pseudoreligion

    Ein Selbstversuch also. Ein großes Wort für ein wenig Selbstbeherrschung. Es galt zu reden statt zu posten, zu genießen statt zu dokumentieren, loszulassen statt dauernd hinzugreifen. Zumindest einen Urlaub lang sollte es ohne Facebook gehen. Keine wahnsinnig originellen One-Liner absetzen, keinen Quatsch mit Emojis würdigen, nicht jeden Furz mit einem eigenen kommentieren. Also nichts von dem tun, was sonst via Desktop oder Handy Teil des Alltags geworden ist. Facebook-Zölibat – schon dass einem so ein Wort einfällt, illustriert, wie pseudoreligiös wir dem Quatsch verfallen sind.

    illustration: michaela köck

    Das Handy durfte im Urlaub lediglich als Kamera in Verwendung sein. Für den Esel ist das natürlich die Karotte vor der Nase: Schnell den Flugmodus ausschalten, das Passwort blind eingeben, kurz checken, was los ist, wie viele Freunde sich in Phantomschmerzen winden, weil sie mich und meine Wahnsinns-Posts vermissen – die Versuchung gab's.

    Doch in schwachen Momenten half ein Blick auf andere Urlauber. Denn man ist als FB-Junkie ja nicht allein, 2,7 Milliarden aktive Nutzer band das Netzwerk 2017 an diverse Geräte.

    Krone der Schöpfung

    Lag ich oldschool mit Buch herum, fühlte es sich schnell richtig gut an. Der kalte Entzug mag minutenlang die Hölle gewesen sein, doch anschließend stellte sich eine Form der Erhabenheit ein. Denn rund um uns lagen Menschen, die wie wir um die halbe Welt geflogen waren, um den Winter in der Sonne abzukürzen. Und was taten sie am schönsten Strand? 95 Prozent der Erwachsenen saßen mit Knick im Hals über den Handys, tippten, posteten, teilten. Die Erkenntnis daraus? Die Krone der Schöpfung ist nicht das Internet, sondern der Mensch, der es nicht benützt.

    Gut, lustig wäre es schon gewesen, die beiden auftrainierten Trotteln zu fotografieren, die mit ihren Selfiestangen eine Stunde lang Fotos von sich gemacht haben, Bauch eingezogen, ölig glänzend, mit buchfernem Ausdruck im Gesicht. Ein vernichtender Kommentar war schon im Hirn getextet, ein paar Dutzend Reaktionen von meinen 1400 engsten Freunden wären das Mindeste gewesen – aber nicht.

    In Selbsthilfegruppen gibt es ein Ritual. Neue Mitglieder erzählen von ihrem Problem, am Ende bedanken sich die anderen für ihre Offenheit: "Thanks for sharing." Bei Facebook-Süchtigen heißt es: "Thanks for not sharing." Denn das Teilen ist Teil des Problems, da unterscheidet sich Facebook vom Katholizismus. Jede Aktion löst eine Reaktion aus, und schon dreht sich die Spirale der Aufregung. Es muss immer weitergehen, mehr, schneller: dumme menschliche Gier nach vermeintlicher Anerkennung, ausgelöst von einem Algorithmus, mit dem uns ein milliardenschwerer Nerd Lebenszeit stiehlt.

    Dafür begibt man sich freiwillig in schlechte Gesellschaft und seine Privatsphäre her. Die Aufmerksamkeit der Freunde wurde eingangs schon geschildert, die gibt es nicht. Und der große Rest, so ehrlich muss man sein, besteht aus Hysterikern und Apokalyptikern, die jeden Schwachsinn verbreiten, der ihrer eigenen instabilen Psyche zupasskommt. Ein Blick auf Instagram zeigt das: Während auf Facebook die Welt dauernd am Abgrund steht, ist drüben auf Instagram alles okay.

    Geschwätz und Hass

    Facebook ist schlecht für den Blutdruck und das Gemüt. Immer nur Trump, Klimakatastrophe, und der Atomkrieg hat auch schon wieder Verspätung. Wie soll man da sein Kind großziehen, in Ruhe kochen oder den Strand genießen? Fake-News? Fuck News!

    Es gibt einen Grund, warum Nachrichtensendungen im Fernsehen bei uns höchstens 30 Minuten dauern. Mehr hält man als normaler Mensch nicht aus. Facebook aber multipliziert das und addiert dazu Geschwätz, Schwachsinn, Hass – und, zugegeben, etwas Unterhaltung.

    Da lag ich also am Strand, glücklich unvernetzt, las Bücher, baute Sandburgen mit dem Kind und schoss hin und wieder ein Foto – nur für die Familie. Mit ohne Facebook geht ganz leicht. Keinen Kaffee zu trinken ist härter, der Zeitgewinn und die Steigerung des Wohlbefindens sind beträchtlich.

    Warum ich mich nach zwei Wochen dann doch wieder eingeloggt habe? Ähm – darüber möchte ich nicht sprechen. (Karl Fluch, 31.3.2018)

    • Sozial vernetzt heißt das, aber eigentlich beschreibt es einen sozial beschädigten Zustand: Man ist sozial verletzt.
      foto: apa / afp / josh edelson

      Sozial vernetzt heißt das, aber eigentlich beschreibt es einen sozial beschädigten Zustand: Man ist sozial verletzt.

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