"Art & Antique"-Kunstmesse: Individuell im Anspruch und im Sortiment

    30. März 2018, 12:51
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    Die Messe gibt ihr jährliches Gastspiel in Salzburg: große Namen, gelungene Inszenierungen und ein Fiasko

    Der logistische Aufwand im Umfeld von Verkaufsmessen liegt in der Natur solcher Handelsformate. Das ist in der Kunstszene nicht anders als in anderen Branchen. Im Falle der parallel zu den Osterfestspielen in Salzburg anberaumten Art & Antique ist das Brimborium allerdings ein umfangreicheres. Das liegt am Veranstaltungsort: der ehemaligen erzbischöflichen Residenz, aus deren Prunkräumen jährlich zuerst an die 450 Ausstattungsobjekte entfernt werden müssen.

    Aus Platz- und Sicherheitsgründen wandert dieses Inventar auf den Dachboden und aus dem Wirkungsbereich jener Kunsthändler und Galeristen, die dann ihr temporäres Quartier beziehen. Lediglich die Luster baumeln weiterhin von der Decke, und historische Kachelöfen verschwinden teils hinter Kojenwänden.

    Seit Ende vergangener Woche (bis inkl. 2. 4.) gastieren hier nun 39 Aussteller mit ihrem Warenangebot, das Vorlieben lokaler Besucher und internationaler Festspielgäste bedienen will. Ein Spagat, schon weil der Qualitätsanspruch der Teilnehmer individuell ausfällt. Präsentiert wird, was sich theoretisch verkaufen lässt, weshalb dann praktisch eben "Tütenbilder" eine Berechtigung haben: verleimte Papiersackerln, die von Matthias Schemel aka Thitz samt Henkel auf Keilrahmen aufgezogen und bemalt wurden. Kategorie Kunstsupermarkt, wäre da nicht der Preis: Je nach Größe kostet diese von der Neue Kunst Gallery (Karlsruhe) offerierte "Urban Bag Art" 1800 oder auch stolze 13.500 Euro.

    Charakter einer Gemischtwarengruft

    An anderer Stelle wünscht man sich eine Jury, die ein stilgerechtes Standdesign gewährleisten würde: beispielsweise um den Charakter einer Gemischtwarengruft zu verhindern, den ein dichtes Arrangement von Kerzenleuchtern, Steinvasen und Eisenkassetten hinterlässt. Dazu schlichtete der Salzburger Juwelier Lährm ein Maximum an Vitrinen mit seinem Kernprogramm. Ein gestalterisches Fiasko jedenfalls. Zu den ästhetisch besten Inszenierungen gehört jene der Galerie Zimmermann-Kratochwill mit Arbeiten von Hermann Nitsch, die den Franziskanergang in ein "Nitscheum" verwandeln, sowie jene von Christian Eduard Franke.

    Der aus Bamberg angereiste Spezialist für historische Tischlerkunst und Kunstkammerobjekte hat sein Sortiment als Saloninterieur inszeniert. Mittig ein Blickfang, vor dem Möbelhistoriker knien werden: ein um 1765 von Abraham Roentgen gefertigter Klappschreibtisch, der wegen der kolorierten Intarsien mit Gravuren und Brandschattierungen in jeder Fachliteratur publiziert ist. In Salzburg ist er nun erstmals öffentlich zu sehen und käuflich zu erwerben: für 365.000 Euro.

    Frühstück mit Picasso

    Gleich nebenan zieren weitere Lockspeisen internationaler Güte die Kojenwände von Wienerroither & Kohlbacher: Pablo Picassos Gemälde Deux Musiciens, das eine Ikone der Kunstgeschichte zitiert, Edouard Manets Skandalbild Frühstück im Grünen. Mit einem Preis von 10,5 Millionen Euro handelt es sich um das teuerste Werk der Messe. Die Chance, es hier zu verkaufen, ist gering, aber gegeben. Ein Prestigefaktor für das Händlerduo mit Hauptsitz in Wien und einer Niederlassung in New York, wo das Werk demnächst ein Gastspiel geben wird.

    Das charakteristisch vielseitige Messeangebot ermöglicht selbstredend Kunstkäufe in allen Preisklassen und Produktnischen. Auch passend zur anstehenden Gartensaison: mit einem Paar Steinfiguren aus dem 19. Jahrhundert (12.000 Euro, Runge Kunsthandel) oder Grotesken (je 15.000 Euro, Kunst & Antiquitäten Wimberger), deren Ahnen den Mirabellgarten zieren. Lediglich die Fans einer vielfach bewunderten französischen Gartengarnitur von 1910/15 gilt es zu enttäuschen: an einen Salzburger verkauft und ausgeliefert, gibt Kunsthändler Markus Strassner auf Anfrage zu Protokoll. (Olga Kronsteiner, 30.3.2018)

    Die Recherche-Reise wurde von MAC Hoffmann finanziert.

    • Das teuerste Werk der Messe: Pablo Picassos "Deux Musiciens" (1965)
      w & k / © succession picasso

      Das teuerste Werk der Messe: Pablo Picassos "Deux Musiciens" (1965)

    • Erben des lothringischen Kupferstechers Jaques Callot: Die mit manieristisch verzerrten Zügen und drolligen Proportionen ausgestatteten Grotesken bevölkern als Steinfiguren Gärten wie jene des Schlosses Mirabell. Eine Delegation gastiert auch bei der Kunstmesse: darunter diese Familie (aus Holz) der Gattung süddeutscher Volkskunst aus dem 18. Jahrhundert, die für 48.000 Euro eine neue Heimat sucht
      „lilly’s contemporary art exclusive antiques“

      Erben des lothringischen Kupferstechers Jaques Callot: Die mit manieristisch verzerrten Zügen und drolligen Proportionen ausgestatteten Grotesken bevölkern als Steinfiguren Gärten wie jene des Schlosses Mirabell. Eine Delegation gastiert auch bei der Kunstmesse: darunter diese Familie (aus Holz) der Gattung süddeutscher Volkskunst aus dem 18. Jahrhundert, die für 48.000 Euro eine neue Heimat sucht

    • "Urban-Bag-Art" im Angebot der Neue Kunst Gallery (Karlsruhe): "New York Liberty & Love" (13.500 Euro), eines von mehreren "Tütenbildern" des deutsche Künstler Matthias Schemel aka Thitz.
      privat

      "Urban-Bag-Art" im Angebot der Neue Kunst Gallery (Karlsruhe): "New York Liberty & Love" (13.500 Euro), eines von mehreren "Tütenbildern" des deutsche Künstler Matthias Schemel aka Thitz.

    • Den so genannten Franziskanergang der ehemals erzbischöflichen Residenz gestaltete die Galerie Zimmermann-Kratochwill zu einem temporären "Nitscheum" um – die Arbeiten von Hermann Nitsch dokumentieren die Schaffensperiode von 1983 bis 2018 und kosten zwischen 3000 und 180.000 Euro.
      wildbild

      Den so genannten Franziskanergang der ehemals erzbischöflichen Residenz gestaltete die Galerie Zimmermann-Kratochwill zu einem temporären "Nitscheum" um – die Arbeiten von Hermann Nitsch dokumentieren die Schaffensperiode von 1983 bis 2018 und kosten zwischen 3000 und 180.000 Euro.

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