20 Jahre Frauen beim Heer: Noch immer eine Minderheit

    29. März 2018, 08:33
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    Dennoch kam es zu einem überdurchschnittlichen Anstieg in den letzten Jahren

    Wien – Am 1. April 1998 rückten die ersten elf Frauen beim Bundesheer ein. Zwanzig Jahre später hat das Heer schon 612 Soldatinnen. Gemessen an der Gesamtzahl der Soldaten (rund 16.000 ohne Grundwehrdiener) ist das noch immer eine Minderheit. Vor allem in den letzten Jahren hat es aber einen überdurchschnittlichen Anstieg gegeben, und zwar um 55 Prozent seit Jänner 2016.

    Das gestiegene Interesse zeigt sich auch an einer anderen Zahl: Im Jahr 2017 nahmen noch rund 64 Frauen an der Kaderanwärterausbildung teil, mittlerweile sind es fast doppelt so viele (112). 511 der 612 Soldatinnen haben ein Dienstverhältnis, 95 sind im Ausbildungsdienst, sechs im Auslandseinsatz. Die höchstrangige Soldatin ist Brigadier. Die meisten Soldatinnen (185) sind im Unteroffiziersrang, 64 sind Offiziere.

    Nach Bundesländern betrachtet gibt es mit 150 die meisten Soldatinnen in Niederösterreich, gefolgt von Oberösterreich mit 104. Die Steiermark zählt 88 Frauen in Bundesheer-Uniform, in Salzburg sind es 77 und in Kärnten 74. Tirol hat 41 Soldatinnen, in Wien sind es 50. Die kleinen Bundesländer Vorarlberg und das Burgenland zählen 13 beziehungsweise 15 weibliche Militärs.

    Unterschiedliche Anforderungen

    Die körperlichen Anforderungen an Frauen, die Karriere beim Bundesheer machen wollen, unterscheiden sich von jenen für Männer. Bei der Eignungsprüfung für den Ausbildungsdienst sind beispielsweise mindestens acht Liegestütze erforderlich, Männer müssen mindestens 15 schaffen, beim Standhochsprung sind für Frauen mindestens 28 Zentimeter erforderlich, für Männer 37. Weibliche Anwärter müssen zudem mindestens sechs Klimmzüge im Schräghang können, Männer zehn. 2.400 Meter müssen Frauen in längstens 14.51 Minuten laufen, Männer in 13.45 Minuten. Ein Deutschtest ist als sogenanntes K.-o.-Kriterium ebenfalls Teil der Eignungsprüfung.

    Absolute Gleichberechtigung herrscht zwischen den Geschlechtern bei der Entlohnung. Im Ausbildungsdienst beginnt man als Rekrut mit knapp über 1.000 Euro netto monatlich. Hinzu kommen kostenlose Bereitstellung von Unterkunft und Verpflegung, Freifahrt zur Kaserne sowie Familien- und Wohnbeihilfe, wenn die Anspruchsvoraussetzungen vorliegen.

    Militär bietet auch Kinderbetreuung

    Hat man sich beim Bundesheer vor zwanzig Jahren, als die ersten Soldatinnen eingerückt sind, noch Gedanken über die erforderliche körperliche Distanz zwischen Frauen und Männern gemacht, ist man heute schon weiter. Mittlerweile beschäftigt sich das Heer mit Themen wie Vereinbarung von Familie und Beruf sowie Work-Life-Balance.

    2002 wurde im Bundesheer mit der Aufstellung des Kommandos Internationale Einsätze (KdoIE) ein eigenes Referat Familienbetreuung für die Betreuung der Angehörigen von Soldatinnen und Soldaten im Auslandseinsatz nach internationalem Vorbild eingerichtet. Seither hat sich in punkto Familienbetreuung beim Bundesheer einiges geändert. So wird etwa seit 2010 temporäre Kinderbetreuung in den Sommerferien geboten.

    Jährlich werden rund 450 Kinder in sechs Bundesländern, an 14 Standorten und in rund 20 Gruppen betreut. Auch schwangere Soldatinnen finden Unterstützung, nicht nur in den Truppenwerkstätten, wo ihre Feldanzughosen und Kampfanzughose "mittels eines elastischen Stoffes gemäß Anleitung HBA (Heeresbekleidungsanstalt, Anm.) umgenäht werden", sondern auch mit einer Familien Service Line und einem Onlineportal.

    Bei der Kleidung wurde insgesamt auf Frauen-Modelle ausgeweitet, so gibt es eigene Feldhosen und Feldhemden für Frauen. Bei den Kampfanzügen sowie bei den Feld- und Kampfschuhen wurden kleinere Größen eingeführt. Für die Ausgangsbekleidung wurden bestimmte Kriterien für Pumps und Stiefel festgelegt, um eine gewisse Einheitlichkeit sicherzustellen. Für gesellschaftliche Anlässe gibt es eine Spencerjacke und ein Abendkleid.

    Für Verteidigungsminister Mario Kunasek (FPÖ) sind die vergangenen 20 Jahre eine "Erfolgsgeschichte". "Heute gehören Soldatinnen zum Berufsalltag im Bundesheer. Ich habe selbst als Gruppenkommandant junge zielstrebige Frauen ausgebildet und kenne die Leistungsbereitschaft unserer Soldatinnen." Das Bundesheer biete jungen Frauen eine interessante berufliche Perspektive. "Dabei gibt es keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Es gibt gleiche Chancen und gleiche Bezahlung. Für die Besten stehen alle Karrierepfade offen." (APA, 29.3.2018)

    RÜCKBLICK

    "Halten Sie Distanz zu Männern!"

    Das österreichische Bundesheer hat vor zwanzig Jahre seine Tore auch für Frauen geöffnet. Am 1. April 1998 rückten die ersten Soldatinnen beim steirischen Jägerregiment 5 ein. Das Bundesheer hatte sich gründlich auf die ersten weiblichen Soldaten vorbereitet. Es wurden in der betroffenen Kaserne in Straß ausländische Experten zugezogen, ein eigener Verhaltenskodex erlassen sowie psychologische, soziologische und sonstige Fragen ausführlich behandelt.

    Große Sorgen machte man sich über die Gefahr der sexuellen Belästigung. Die Soldatinnen wurden daher angehalten, Distanz zu Männern zu halten. Man machte sich aber auch Gedanken darüber, ob die Kraft im Zeigefinger der Frauen ausreichen würde, um das Sturmgewehr 77 abzufeuern.

    Anlässlich des Einrückens der ersten Soldatinnen hat der damalige Kasernen-Kommandant, Josef Paul Puntigam, ein "Knigge für weibliche Rekruten", unterzeichnet. Darin wurden die Soldatinnen aufgefordert, "ordentlich und gepflegt" aufzutreten, zu "Männern in der Dienstzeit die notwendige Distanz zu halten" und sich "auf keine Abenteuer einzulassen". Männerbesuche im Zimmer der Soldatinnen sowie Soldatinnenbesuche in Zimmern der Männer waren verboten.

    Vorgesetzte und Ranghöhere sowie männliche Rekruten durften sich den Frauen "nicht mehr als 3 Schritte nähern". "Nachfeiern" und Besprechungen durften nur im Soldatenheim oder in einem öffentlichen Lokal stattfinden. "Ihre Intimsphäre ist uns heilig", hieß es in dem Papier. "Sexuelle Belästigungen werden unverzüglich disziplinär bzw. strafrechtlichen geahndet."

    Den männlichen Ausbildnern wurde in einem "Grundsatzbefehl für die Ausbildung und Integration von Frauen im Jägerregiment 5" geraten, bei einem dienstlichen Aufenthalt in der Frauenunterkunft die Tür offen zu lassen. Männliche Ausbildner durften auch nicht alleine in die Unterkünfte der Frauen gehen. In diesem Grundsatzbefehl wurden zudem "psychologische Aspekte", die unterschiedlichen Kommunikationsverhalten von Frauen und Männern sowie "militärsoziologische Fragen" beleuchtet.

    Darin hieß es etwa, dass Frauen bei Gesprächen "den direkten Blickkontakt suchen" und diesen als "sehr angenehm empfinden", während Männer den direkten Blickkontakt "meist als bedrohlich und konkurrenzierend" erleben.

    Es wurde weiters angeregt, Frauen nicht nach den gleichen Methoden auszubilden wie Männer. "Besonders wenn sie erschöpft und gereizt sind, muss der Ausbildner freundlich bleiben, wenn er sie zu weiteren Leistungen anspornen will." Es wurde empfohlen, bei der Ausbildung "beispielhaftes Verhalten" einzusetzen, denn "Frauen erheben häufiger Widerspruch, sie stellen öfter 'Warum'-Fragen. Vor allem in der Formalausbildung wird die Sinnhaftigkeit von Maßnahmen häufig hinterfragt". "Freude und Frust äußern sich bei Männern und Frauen verschieden. Während Männer gerne 'einen heben', können Frauen zum Schluchzen (sic!) beginnen." Kommandanten werden davor gewarnt, dem "Beschützersyndrom" gegenüber Soldatinnen zu verfallen. (APA)

    • Derzeit hat das Heer exakt 612 Soldatinnen.
      foto: apa / georg hochmuth

      Derzeit hat das Heer exakt 612 Soldatinnen.

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      grafik: apa
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