Nocebo-Effekt: Was Ärzte keinesfalls sagen sollten

    4. April 2018, 07:20
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    Der Placeboeffekt kann heilen, der Noceboeffekt schaden. Deshalb sollte sich ein Arzt vorher gut überlegen, wie und was er zu seinen Patienten sagt

    Eine Situation in der Onkologischen Tagesklinik. Ein Pfleger hängt der Krebspatientin, die zum ersten Mal Chemotherapie hat, eine Infusion an: "Die ist jetzt gegen die Übelkeit." – "Übelkeit?", denkt die Patientin. Der Arzt hatte im Aufklärungsgespräch doch gesagt, dass Übelkeit inzwischen kaum noch ein Thema sei. Die Infusion tropft in ihre Vene, und plötzlich ist es da, das mulmige Gefühl im Magen.

    Während der positive Placeboeffekt Einstellungen und Erwartungen auslösen und damit Selbstheilungskräfte freisetzen kann, macht der Noceboeffekt genau das Gegenteil. Wenn bei Placebos Zuckerpillen eine Besserung hervorrufen können, kann bei Nocebos eine deutliche Verschlechterung alleine durch die Angst und Erwartung des Patienten ausgelöst werden. Die wörtliche Übersetzung des Begriffs lautet schließlich: "Ich werde schaden."

    Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben

    Der Journalist und Sachbuchautor Werner Bartens hat sich mit dem Phänomen in seinem Buch "Das sieht aber gar nicht gut aus. Was wir von Ärzten nie wieder hören möchten" näher auseinandergesetzt. Darin beschreibt er einen Fall, in dem ein Primar gemeinsam mit einer Gruppe von Assistenzärzten vor dem Bett einer älteren Patientin mit Herzbeschwerden steht. Mit einem kurzen Seitenblick auf die Frau stellt er fest, dass es sich hierbei wohl um einen typischen Fall von "TS" handle.

    TS ist die Abkürzung für eine Trikuspidalklappen-Stenose, eine meist nicht sehr bedrohliche Art der Herzklappenverengung. Nach der Visite bleibt einer der jungen Ärzte noch bei der Patientin im Zimmer. Sie sagt zu ihm: "Das ist jetzt das Ende." Sie ist der festen Überzeugung, dass TS nur "terminale Situation" heißen könne. Trotz des Versuchs, diese Fehlinterpretation sofort aufzuklären, verschlechtert sich ihr Zustand. Sie bekommt akute Atemnot, Wasser sammelt sich in ihrer Lunge, und die Patientin stirbt nur wenige Tage später an einem Lungenödem.

    Die Kraft unbedachter Wörter

    England war bislang das einzige europäische Land, in dem Allgemeinmediziner eine eigene Prüfung über das Patientengespräch nachweisen müssen. Mit Schauspielern wird geübt, wie man schlechte Nachrichten überbringt, Diagnosen unmissverständlich erklärt und Medizin auf eine ganz allgemein verständliche Sprache herunterbricht. Seit 2012 ist auch in Deutschland das Fach "Kommunikation und Gesprächsführung" offiziell Gegenstand der ärztlichen Ausbildung. Praktisch geprüft werden die Fähigkeiten der jungen Ärzte in Kommunikationstechniken allerdings nur selten.

    Ärzte können mit ihren Worten nicht nur heilen, sondern auch Schaden anrichten – durch missverstandene und unverstandene Diagnosen oder weil der Mediziner zu seiner rechtlichen Absicherung auf mögliche Eventualitäten hinweist. Manchmal führt auch einfach nur ein unbedachter Witz zu Missverständnissen. All das kann im schlimmsten Fall Herzinfarkte auslösen, Tumore wachsen lassen oder Suizidgedanken hervorrufen.

    Im "Deutschen Ärzteblatt" haben Mediziner Aussprüche gesammelt, die zwar oft nur im saloppen Medizinerjargon dahingesagt werden, aber nicht selten fatale Folgen haben können. "Vielleicht hilft ja dieses Medikament", "Wir haben Metastasen gesucht – der Befund war negativ", "Sie sind ein Risikopatient", "Das tut immer höllisch weh", "Sie sollten nichts Schweres mehr heben – nicht, dass Sie noch gelähmt werden", "Sie brauchen jetzt keine Angst zu haben" oder "Das blutet jetzt ein bisschen": Mit solchen und ähnlichen Sätzen wollen Pflegepersonal und Ärzte ihren Patienten die Angst nehmen – und ängstigen sie damit umso mehr.

    Angst vor Nebenwirkungen

    Der Salzburger Internist und Kardiologe Jochen Schuler kennt den Krankenhausalltag mit all seinen verbalen Missverständnissen und Tücken. Inzwischen ist er in eine interdisziplinäre Wahlarztordination gewechselt. Er möchte nicht mehr "Zwischen Tür und Angel"-Gespräche mit seinen Patienten führen, will kranken Menschen mit Zuhören und viel Geduld ihre (Todes-)Ängste nehmen und die geeigneten Therapien für sie finden.

    Vertrauen sei die Basis einer jeden guten Arzt-Patient-Beziehung. "Erst wenn ich auf so einer Vertrauensbasis angekommen bin, kann ich verstehen, warum der Patient sich zwar Betablocker gegen Herzbeschwerden verschreiben lässt, sie aber nicht nimmt, weil er Angst vor den Erektionsstörungen hat, die auftreten könnten", sagt Schuler. Eine angemessene Reaktion wäre etwa der Satz: "Versuchen Sie die angekündigten Nebenwirkungen jetzt erst einmal zu ignorieren, und wenn Ihnen das Mittel wirklich nicht guttut, werden wir auf ein anderes wechseln."

    Transparenz sei ein zweiter wichtiger Punkt. Wenn der Kardiologe ein Herz untersucht, lobt er es immer zuerst: "Ich sage, dass es gut arbeitet, kräftig schlägt und dass es grundsätzlich ein gesundes Herz ist. Dann erzähle ich immer laut, was ich gerade sehe. Ich lasse dem Patienten gar keinen Raum, sich lebensbedrohliche Situationen vorzustellen. Er kann mir einfach folgen auf die Reise durch seinen Körper, und fast immer kann ich ihm die Ängste nehmen, dass es etwas ganz Schlimmes ist."

    Wer an das Schlimmste glaubt, bei dem tritt es oft ein

    Schlechte Gedanken können nicht nur eine negative psychische, sondern auch eine schlechte physische Verfassung hervorrufen. Frauen, die große Angst vor einem Herzinfarkt haben, sterben signifikant häufiger daran als Frauen, die sich darüber keine Gedanken machen.

    Auch Patienten, bei denen Krebs im Endstadium diagnostiziert wurde, glauben oft so fest daran, dass sie nur noch wenige Monate zu leben haben, dass sie tatsächlich bald darauf sterben. Bei der Obduktion zeigen sich den Ärzten dann oft erstaunliche Tatsachen: Tumore die noch relativ klein sind, noch keine anderen Organe befallen und auch keine Metastasen gebildet haben. Der amerikanische Arzt und Wissenschafter Clifton Meador hat viele Jahre lang genau solche Fälle untersucht und sagt dazu: "Manche Menschen sterben nicht an Krebs, sondern an der Angst davor." (Anja Pia Eichinger, 4.4.2018)

    • Sprache konstruiert Wirklichkeit. Das gilt auch für das Arzt-Patient-Gespräch.
      foto: getty images/istockphoto

      Sprache konstruiert Wirklichkeit. Das gilt auch für das Arzt-Patient-Gespräch.

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