Österreichischer E-Sport-Coach: "Mein Job ist wie der eines Fußballtrainers"

    Interview10. April 2018, 09:12
    191 Postings

    Alexander Szymanczyk ist Coach beim deutschen "CS:GO"-Team Big und Trainer des österreichischen Nationalteams des Shooters

    STANDARD: Sie sind ehemaliger Profispieler – wie sah in dieser Zeit Ihr Alltag aus?

    Alexander Szymanczyk: Ich habe zu meiner aktiven Zeit als Spieler leider nie vom E-Sport leben können, da ich in meinem österreichischen Team kein Gehalt bekommen habe. Also musste ich nebenbei arbeiten gehen und konnte mein Hobby nur beschränkt ausüben. Das hat mich nicht davon abgehalten, meinem Traum als Profispieler nachzugehen, und deshalb habe ich nach meiner Arbeit noch vier bis sechs Stunden "Counter Strike" gespielt.

    STANDARD: Nun sind Sie Coach beim österreichischen "CS:GO"-Nationalteam und Big. Wie kann man sich Ihren Job vorstellen?

    Szymanczyk: Meinen Job kann man sich so vorstellen wie den eines Fußballtrainers. Ich helfe den Spielern, sich zu verbessern, und bin mit dem Teamcaptain für die Taktiken zuständig. Ich übernehme auch den Hauptpart bei der Analyse des Gegners. Falls meine Spieler private Probleme haben, können sie immer zu mir kommen, und ich versuche, so gut es geht, zu helfen. Mein Arbeitstag fängt etwas früher an als der der anderen Spieler, ich muss mir neue Ideen aus anderen Matches holen und auch das eigene Spiel analysieren, damit sich das Team weiterentwickeln kann. Danach bin ich mit den Team auf dem Server und schaue beim Training zu. Am Ende des Tages gibt es noch eine kleine Zusammenfassung vom Trainingstag mit dem ganzen Team.

    Beim Nationalteam habe ich die Auswahl der Spieler übernommen. Ich wollte jedem Bewerber die Chance geben, sich für das Nationalteam zu qualifizieren. In den vergangenen Nationalteams wurden immer wieder die gleichen Gesichter ausgewählt, und 2017 wollte ich auch dem Nachwuchs die Chance geben, sich zu beweisen. Es war ein langer Prozess, aber für mich war diese Arbeit wichtig, um die österreichische E-Sport-Szene zu fördern.

    STANDARD: Sie sind als Österreicher zu einem deutschen Team gewechselt. Wieso eigentlich?

    Szymanczyk: In Österreich gibt es keine großen Organisationen, die Gehalt zahlen, und die E-Sport-Infrastruktur ist generell schlecht, um sich weiterzuentwickeln. Um vom E-Sport leben zu können, muss man einem Team im Ausland beitreten. In meinem speziellen Fall wurde ich von einem deutschen Spieler gefragt, ob ich Interesse hätte, das zu diesem Zeitpunkt zweitbeste deutsche Team zu coachen, und da konnte ich nicht Nein sagen, da es mein erster Profivertrag mit Gehalt war.

    STANDARD: Wie sehen Sie allgemein die E-Sport-Szene in Österrreich?

    Szymanczyk: Bis vor einem Jahr nicht vorhanden. Sie entwickelt sich nur langsam in die richtige Richtung, und erst jetzt sind einige größere heimische Firmen auf das Potenzial des E-Sports aufmerksam geworden. Es gibt auch keine großen E-Sport-Organisationen, die finanzielle Anreize bieten, sodass Amateure Profis nacheifern würden, und bis vor kurzem gab es keine heimischen Ligen, in denen sich E-Sportler aus Österreich beweisen konnten. Weiters stellen die Akzeptanz und die Altersbeschränkung für verschiedene Computerspiele ein Problem für den Nachwuchs dar.

    STANDARD: Stimmt es, dass E-Sportler vor einem größeren Turnier monatelang zusammenwohnen?

    Szymanczyk: Nein, oft wird ein Trainingscamp organisiert. Dieses dauert nicht Monate, sondern zwei bis maximal drei Wochen. Auf der anderen Seite gibt es Teams, die zusammen in einem Haus leben.

    STANDARD: Ab wann kann man von E-Sports leben?

    Szymanczyk: Bei "CS:GO" kommt es auf die Region an, aber ungefähr die 50 besten Teams der Welt können gut davon leben.

    STANDARD: E-Sport wird mancherorts belächelt und nicht als Sport gesehen – wie begegnen Sie diesen Leuten?

    Szymanczyk: Ich stelle immer eine Gegenfrage, bevor ich an so ein Gespräch herangehe. Ist für das Gegenüber Sport mit körperlicher Betätigung verbunden? Wenn die Antwort Ja lautet, dann ist E-Sport eine eigene Sparte und muss nicht mit Sport verglichen werden. Wenn dieser Aspekt außen vor gelassen wird, dann ist E-Sport in jeder Hinsicht Sport – so wie zum Beispiel Schach oder Dart. Dort stehen auch eher Geschick, mentale Stärke und Intelligenz im Vordergrund. Wettkampf, Passion, Athleten, Stadien, Meisterschaften, Medienübertragung, Preisgeld, Fans und Millionen von Zuschauern – all das macht unseren Sport aus, nur ist unser Medium eben der Computer oder die Konsole.

    STANDARD: Welchen Ausgleich zum kompetitiven Gaming haben professionelle Spieler?

    Szymanczyk: Das ist sehr unterschiedlich. Unser Team geht zum Beispiel ins Fitnessstudio, andere Spieler gehen gerne ins Kino, treffen sich mit ihren Freunden, verbringen Zeit mit der Familie oder mit der Freundin.

    STANDARD: Gerade bei "Counter Strike" ist das Reaktionsvermögen unglaublich wichtig, dieses baut im Alter ab. Welche Karrieren haben professionelle Spieler nach ihrer Zeit als E-Sportler?

    Szymanczyk: Einige bekommen ein Jobangebot von Firmen, die im E-Sport aktiv sind, oder Sportklubs, die eigene E-Sport-Sektionen etablieren. Hardware-Hersteller oder Eventveranstalter, die das Fachwissen der Spieler brauchen, sind weitere Arbeitgeber. Viele Spieler nehmen Managementpositionen in E-Sport-Organisationen ein, werden Kommentatoren oder Streamer, und andere wiederum Trainer. Viele arbeiten danach in der IT- oder Marketingbranche weiter. Zurzeit ist es schwer zu sagen, ob es überhaupt ein Alterslimit für E-Sportler gibt. Das werden wir noch herausfinden müssen. Einer unserer Spieler ist zum Beispiel schon 30 Jahre alt und kann auf höchstem Niveau mithalten.

    unikrn
    Alexander "kakafu" Szymanczyk im Interview.

    STANDARD: E-Sport ist ein männerdominierter Sport. Woran liegt das?

    Szymanczyk: Woran es liegt, ist schwer zu sagen. Ich denke, man könnte hier den Vergleich mit der Formel 1 oder dem Fußball ziehen. Warum gibt es dort wenige Frauen? Das Interesse ist einfach nicht da. Auf der anderen Seite denke ich: Wenn ein weibliches Team es schafft, sich für ein großes Turnier zu qualifizieren, und sich dort beweist, dann würden mehr Frauen auf den E-Sport aufmerksam werden und dadurch eher eine Profikarriere anstreben. (Daniel Koller, 10.4.2018)

    Alexander "kakafu" Szymanczyk (29) aus Wien ist Coach beim deutschen "Counter Strike: Global Offensive"-Team Big. Er betreut auch das heimische Nationalteam zu dem Shooter. Szymanczyk war selbst E-Sport-Profi beim Team Penta – sein größter Erfolg war der Gewinn der ESL-Sommermeisterschaft 2016 in Köln.

    Alexander "kakafu" Szymanczyk auf Twitter

    ––
    Entgeltlicher Link:
    Aktuelle Games auf Amazon.de

    • Alexander "kakafu" Szymanczyk ist Coach beim deutschen E-Sport-Team BIG und der österreichischen "CS:GO"-Nationalmannschaft.
      foto: big

      Alexander "kakafu" Szymanczyk ist Coach beim deutschen E-Sport-Team BIG und der österreichischen "CS:GO"-Nationalmannschaft.

    Share if you care.