Mikroorganismen, Yoga: Wissenschaftliche Anknüpfungspunkte gesucht

Blog28. März 2018, 07:15
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Auf den Science Days bot sich der multidisziplinären Zuhörerschaft von Atomphysik bis Zellbiologie ein frischer Blick von außen

Hinter der langen Sichtziegelfassade in der Lehárgasse unweit des Wiener Naschmarkts verbirgt sich das Semperdepot. In der Ringstraßenzeit von Gottfried Semper und Carl Freiherr von Hasenauer als k. k. Hoftheater-Kulissendepot erbaut, beherbergt das imposante Gebäude nach Jahrzehnten des Leerstands seit 1996 Ateliers der benachbarten Akademie der bildenden Künste Wien. Im März war das Atelierhaus Schauplatz der Science Days, die von der Jungen Akademie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) dieses Jahr in Kooperation mit der Akademie der bildenden Künste Wien organisiert wurden.

Frischer Blick von außen

Die Science Days sind ein wiederkehrendes Highlight der gemeinsamen Aktivitäten der Jungen Akademie: Mitglieder kommen für zwei Tage an einem Ort zusammen, um einander in informellem Rahmen ihre Forschungsprojekte vorzustellen und sich auszutauschen. Entsprechend der Zusammensetzung der Jungen Akademie aus Vertretern sowohl geisteswissenschaftlicher als auch naturwissenschaftlicher Disziplinen decken auch die Präsentationen ein breites Spektrum von verschiedenen Wissensgebieten ab. Sie richten sich nicht an ein Fachpublikum, sondern an Menschen mit wachem Forschergeist, denen es Spaß macht zu denken. Durch die Fragen einer multidisziplinären Zuhörerschaft querbeet von Atomphysik bis Zellbiologie erfährt das eigene Wissensgebiet einen frischen Blick von außen, der in Fachdiskussionen nicht zu haben ist. Im Folgenden das Programm im Schnelldurchlauf:

Konstruierte weibliche Identität

Julia Lajta-Novak, Literaturwissenschafterin sowie Elise-Richter-Research-Fellow am Institut für Anglistik und Amerikanistik der Universität Wien und Lesern dieses Blogs bereits bekannt, sprach über ihr Habilitationsprojekt zu biografischen Romanen über historische Künstlerinnen. Sie untersucht, wie in fiktionalisierten Biografien die weibliche Identität von Künstlerinnen wie Frida Kahlo oder Clara Schumann erzählerisch konstruiert wird; etwa indem sie fragt, welche Begebenheiten aus dem Leben der jeweiligen historischen Hauptfigur erinnert werden und auf welche Weise. Mehr dazu im Blogbeitrag "Fiktion als Biografie: Was darf ein Roman?".

Störungen im Ökosystem

Rupert Seidl vom Institut für Waldbau der Universität für Bodenkultur Wien sprach über die räumliche und zeitliche Veränderung des Ökosystems Wald. Fokus seiner Forschung ist die Erfassung und Simulation von Störungen in diesem Ökosystem, das heißt von Waldbränden, Insektenbefall und Stürmen, die sich infolge der Globalisierung (etwa durch Einschleppen von Schädlingen) und Klimawandel (Stichwort Wetterextreme) weltweit intensivieren. Seine Ergebnisse tragen so zur Bewältigung aktueller Herausforderungen für die nachhaltige Bewirtschaftung unserer Wälder bei. Hier im Blog schrieb er bereits über die "Spukhafte Fernwirkung in Europas Wäldern".

Genome und Ethik

Ebenso aktuell sind die Fragen, denen sich der Bioinformatiker Christoph Bock am CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin in Wien widmet. Seine aus den Bereichen Molekularmedizin, Biowissenschaften und Bioinformatik interdisziplinär zusammengesetzte Forschungsgruppe untersucht epigenetische Faktoren bei Krebserkrankungen. In seinem Vortrag skizzierte er die weit über die Anwendungen der personalisierten Medizin hinausreichenden gesellschaftlichen Auswirkungen, die sich aus der allgemeinen Verfügbarkeit der Genom-Sequenzierungstechnologie ergeben, und betonte die Notwendigkeit eines verantwortungsvollen Umgangs mit den entstehenden Möglichkeiten.

Weiche Materie transportiert Medikamente

Auch Sofia Kantorovich vom Institut für Computational Physics der Universität Wien widmet sich einer Technologie mit potenziell revolutionären Anwendungen: "bipolar soft matter". Als "weiche Materie" bezeichnet man Stoffe, deren Struktur sich mit ihrer physischen Umgebung ändert, Beispiele dafür sind so alltägliche Dinge wie Zahnpasta oder Speiseeis. Textur, Geschmack, Elastizität und andere Eigenschaften dieser weichen Materien werden auf der Ebene kleinster Bausteine im Nanometerbereich bestimmt. Kantorovichs Forschungsgruppe simuliert und errechnet das Verhalten von weicher Materie, die kleinste magnetische Teilchen enthält, wodurch ihre Beschaffenheit durch externe Magnetfelder gezielt verändert werden kann. Eine mögliche Anwendung ist der punktgenaue Transport von Medikamenten: eine Lösung mit Minimagneten, die mit dem gewünschten Wirkstoff überzogen sind, kann in die Blutbahn injiziert und mithilfe eines äußeren Magnetfelds zur betroffenen Körperregion geleitet werden.

Yoga, Ayurveda, indische Alchemie

Die Indologin Dagmar Wujastyk vom Institut für Südasien-, Tibet- und Buddhismuskunde der Universität Wien verfolgte die verschränkten Geschichten von Yoga, Ayurveda und indischer Alchemie von zwei Jahrtausende alten Sanskrittexten bis ins heutige Indien, wo Yoga und Ayurveda seit der Unabhängigkeit 1948 integraler Bestandteil des nationalen Gesundheitssystems sind. Im Rahmen ihres ERC-Starting Grants analysiert sie, inwiefern der Austausch zwischen diesen Disziplinen zur heutigen medizinischen Ausrichtung der ursprünglich spirituellen Praxis des Yoga geführt hat.

Schlafende Bakterien

Die Forschungsarbeit der mikrobiellen Ökologin Dagmar Wöbken wird ebenfalls durch einen ERC-Starting-Grant unterstützt und an der Universität Wien durchgeführt. Sie untersucht Mikroorganismen in unseren Böden, die globale Nährstoffkreisläufe antreiben. Eine Tonne Erdreich enthält mehr Bakterien, als unsere Galaxie Sterne hat. Jedoch sind zu jedem Zeitpunkt weniger als die Hälfte dieser Bakterienspezies aktiv; die Mehrheit ist dormant, das heißt, in einer Art Ruhezustand. Wöbken erforscht, wie dormante Mikroorganismen, die Luftstickstoff binden, aktiviert werden. Ihre Grundlagenforschung zielt darauf ab, den Stickstoffkreislauf, der durch Überdüngung ins Ungleichgewicht geraten ist, mithilfe von Mikroorganismen zu stabilisieren.

foto: öaw
Mitglieder der Jungen Akademie der ÖAW und Teilnehmende an den Science Days, von links: Silvia Gómez-Senovilla, Archäologin; Katharina Rebay-Salisbury, Archäologin; Daniel Grumiller, Physiker; Dagmar Wujastyk, Indologin; Marie-Therese Wolfram, Mathematikerin; Sophie Loidolt, Philosophin; Sofia Kantorovich, Physikerin; Anna Artaker, künstlerische Forschung; Julia Lajta-Novak, Literaturwissenschafterin; Christian Krattenthaler, Mathematiker; Rupert Seidl, Waldökosystemmanager; Christoph Bock, Bioinformatiker; Thorsten Schumm, Atomphysiker.

Viele Anknüpfungspunkte

Fast alle Anwesenden verbinden eigene Erfahrungen mit Yoga – umgekehrt ist die Funktionsweise der mit freiem Auge nicht sichtbaren Mikroorganismen im Boden ein kaum erforschtes Gebiet, das viele Fragen aufwirft: für mich sind beides Anzeichen für die hohe Relevanz der anschaulich vermittelten Forschungsfragen, die Anknüpfungspunkte zu anderen Wissensgebieten bietet.

Solche Anknüpfungspunkte noch zu vermehren, darum ging es auch in der abschließenden Besprechung zukünftiger Aktivitäten. Ein konkreter Ansatz ist die Organisation einer Tagung, wo von den vielfältigen, an der Jungen Akademie vertretenen Wissensgebieten aus ein gemeinsames Thema beleuchtet wird, erster Themenvorschlag ist der Tod. Außerdem freuen wir uns auf die Science Days 2019, die am Traunsee geplant sind. (Anna Artaker, 28.3.2018)

Anna Artaker ist Künstlerin und Elise-Richter-PEEK-Fellow an der Akademie der bildenden Künste Wien, wo sie ihre Habilitation im Bereich künstlerische Forschung vorbereitet. Ihre Werke wurden international ausgestellt – in den letzten Jahren etwa im New Museum in New York, im Austrian Cultural Forum in London oder im Mumok in Wien – und mehrfach ausgezeichnet. 2015 wurde sie als erste Vertreterin der künstlerischen Forschung zum Mitglied der Jungen Akademie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gewählt. Gemeinsam mit Thorsten Schumm vom Direktorium der Jungen Akademie organisierte sie die Science Days 2018.

Links

  • Die Indologin Dagmar Wujastyk im Gespräch mit Sofia Kantorovich vom Institut für Computational Physics der Universität Wien und dem Atomphysiker Thorsten Schumm.
    foto: öaw

    Die Indologin Dagmar Wujastyk im Gespräch mit Sofia Kantorovich vom Institut für Computational Physics der Universität Wien und dem Atomphysiker Thorsten Schumm.

  • Dagmar Wujastyk und Rupert Seidl in der Glyptothek im Untergeschoß des Atelierhauses der Akademie der bildenden Künste Wien. Die Gipsabgüsse von Ikonen der Bildhauerei stehen hier wie in einer Abstellkammer dicht an dicht nebeneinander.
    foto: öaw

    Dagmar Wujastyk und Rupert Seidl in der Glyptothek im Untergeschoß des Atelierhauses der Akademie der bildenden Künste Wien. Die Gipsabgüsse von Ikonen der Bildhauerei stehen hier wie in einer Abstellkammer dicht an dicht nebeneinander.

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