LED-Bildschirme verursachen zunehmend digitalen Sehstress

    30. März 2018, 09:00
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    Unsere Augen waren schon immer schädlichen Umwelteinflüssen wie Staub und UV-Licht ausgesetzt. Das Hauptproblem heute: LED-Bildschirme

    Mit den Augen ist es wie mit jedem anderen Körperteil auch: Bewusst nimmt man sie erst wahr, wenn sie nicht richtig funktionieren. Wenn sie brennen und jucken, wenn die Sehkraft nachlässt oder die Linse eintrübt. Doch unsere Augen sind das zentrale Sinnesorgan: Bis zu 80 Prozent der Informationen aus unserer Umwelt nehmen wir mit ihnen wahr. Mit unserem heutigen Lebensstil muten wir ihnen allerdings einiges zu.

    Wir arbeiten am Computer, blicken oft und gerne auf das Smartphone und abends sehen wir fern. Kurz: Wir schauen Tag für Tag viele Stunden aus nächster Nähe in erleuchtete Bildschirme. Experte sprechen vom digitalen Sehstress: Die Augen ermüden und nicht wenige Menschen klagen über trockene Augen, ein Phänomen, dass man auch "Office Eye Syndrom" oder "Gamer Eye" nennt: Blickt man konzentriert auf PC, Laptop oder Handy, sinkt die Lidschlagfrequenz. Die Folge: Der Tränenfilm wird nicht mehr gleichmäßig auf dem Auge verteilt und kann aufreißen.

    Doch der permanente Blick auf Bildschirme könnte noch weit unangenehmere Folgen haben: Denn die Displays von Handys, Tablets und Co nutzen heute vorwiegend Leuchtdioden (LED) zur Hintergrundbeleuchtung. Und diese mischen, um weißes Licht zu erzeugen vor allem gelbes und blaues Licht. "Es häufen sich die Anzeichen, dass blaues Licht schädlich für das Auge sein könnte" sagt der Augenarzt Peter Heilig von der Universität Wien.

    Blaues Licht kann Netzhaut und Sehzellen schaden

    LEDs verbrauchen im Vergleich zu Glühbirnen deutlich weniger Energie, weswegen sie nicht nur in Bildschirmen zum Einsatz kommen, sondern auch in Lampen, Werbeplakaten und Scheinwerfern: "Im Verkehr sind LEDs die Hölle: Scheinwerfer sind heute gleißend hell, die Menschen beschweren sich, selbst Radfahrer blenden sich gegenseitig", sagt Heilig, der den allgegenwärtigen Einsatz der LEDs kritisch sieht: "Blaues Licht blendet stärker, lenkt mehr ab und leistet keinen nennenswerten Beitrag für das zentrale Sehen." Aber ist es deswegen schädlich für die Augen?

    Das Licht, das auf und in unsere Augen trifft, wird in sichtbares Licht – zwischen einer Wellenlänge von 380 und 780 Nanometer – und nicht sichtbares Licht im ultravioletten und Infrarotbereich unterteilt. Das Spektrum des Sonnenlichts ist gleichmäßig über den gesamten Wellenlängenbereich verteilt. Das LED-Spektrum hingegen weist einen deutlichen Höcker im blauen Bereich von 400 bis 480 Nanometer auf: Dieses Licht ist energiereich und dringt fast ungefiltert durch das Auge.

    "In experimentellen Ansätzen hat sich gezeigt, dass blaues Licht – im Gegensatz zum Beispiel zu grünem Licht – starken Schaden an Netzhaut und Sehzellen hervorrufen kann", sagt der Netzhautforscher Christian Grimm von der Universität Zürich. Dieser Schaden ist nicht mehr gutzumachen, denn abgestorbene Sehzellen werden nicht mehr ersetzt, das heißt, die Sicht verschlechtert sich. "Wie viel blaues Licht notwendig ist, um einen Schaden zu verursachen, ist nicht klar definiert", so Grimm weiter.

    Möglicher Auslöser für altersabhängige Makuladegeneration

    2016 hatten französische Forscher des staatlichen Forschungsinstituts Inserm die Wirkungen verschiedener Lichtarten an Ratten getestet. Bei extrem hoher Intensität von 6.000 Lux schadeten Glühbirne, Leuchtstoffröhre und LED-Lampe den Augen der Nager gleichermaßen. Doch bei 500 Lux, also normaler Zimmerlichtstärke, hatten nur LEDs eine schädliche Wirkung: Die Bestrahlung führte im Rattenauge zum Tod der Sehzellen.

    Für den Netzhautforscher Olaf Strauß von der Berliner Universitätsklinik stellt auch blaues Licht geringer Intensität eine Gefahr dar: "Bildschirme werden direkt angeschaut. Die Wirkung dieser direkten Exposition ist noch nicht systematisch untersucht, aber man kann sich gut vorstellen, dass das Konsequenzen hat." Strauß ist überzeugt, dass blaues Licht ein Risikofaktor für die Entwicklung einer altersabhängigen Makuladegeneration (AMD) ist.

    Bei der AMD gehen Sehzellen der Makula, dem Ort des schärfsten Sehens, in der Netzhaut zugrunde. Die Erkrankung trifft bislang vor allem Menschen ab dem 50. Lebensjahr und gilt als Hauptursache für schwere Sehbeeinträchtigung und Erblindung in den Industriestaaten. Schon lange diskutieren Augenärzte darüber, dass die ein Leben lang akkumulierte blaue Lichtmenge ein Auslöser für die AMD sein könnte. Doch nicht nur LEDs strahlen blaues Licht ab, es ist auch Bestandteil des Sonnenlichts.

    Das Auge braucht Tageslicht

    Blaues Licht könnte außerdem zur Enzwicklung einer Kurzsichtigkeit beitragen. Die Fehlentwicklung nimmt geradezu epidemieartig zu: In Europa ist mittlerweile fast jedes zweite Schulkind betroffen, in Asien sind es bereits rund 90 Prozent der jungen Menschen. "Naharbeit" bei Kindern und Jugendlichen – also Lesen auf Bildschirmen von Handys oder Computer – scheint die Entwicklung der Kurzsichtigkeit zu fördern", sagt Ludger Wollring vom Berufsverband der Augenärzte Deutschlands.

    Eine Kurzsichtigkeit ist Folge eines zu starken Längenwachstums des Augapfels im Kindes- und Jugendalter, vor allem zwischen dem 8. und 15. Lebensjahr – also just jenem Alter in dem Handys und Tablets Heranwachsende magisch anziehen. Den Zusammenhang von Kurzsichtigkeit und Naharbeit konnte man wissenschaftlich aber nicht zweifelsfrei belegen. Einen anderen hingegen schon: Kinder, die sich viel im Freien aufhalten, haben ein deutlich reduziertes Risiko kurzsichtig zu werden. Für die gesunde Entwicklung des Auges braucht es also Tageslicht.

    Die Dosis macht das Gift

    "Es gibt neuerdings einen interessanten Ansatz", sagt Heilig, "Vergangenes Jahr wurde eine neue, sehr lichtempfindliche Sinneszelle in der Netzhaut von Mäusen entdeckt, die das Wachstum des Auges beeinflusst. Das vom Sonnenlicht abweichende Kunstlicht könnte diese Sinneszellen überstimulieren, so dass das Auge zu lange wächst." Damit wäre nicht die "Naharbeit" das eigentliche Problem, sondern zu viel LED-Licht – beziehungsweise das Missverhältnis von Sonnen- und Kunstlichtexposition.

    Dass LEDs den Augen schaden, ist wissenschaftlich nicht bewiesen – aber es existieren Verdachtsmomente. Hoffnung macht die Weiterentwicklung von LEDs, deren Lichtspektrum immer natürlicher wird und solchen, die von einem gelben Filter umgeben sind, der den Blauanteil herausfiltert. Ansonsten gilt: Die Dosis macht das Gift. Gerade bei Kindern sollte man die Bildschirmzeit begrenzen und sie raus ins Freie schicken – in den ursprünglichen Lebensraum von Homo Sapiens, der nicht nur den Augen gut tut. (Juliette Irmer, 30.3.2018)

    Wie Licht wirkt:

    UV-Strahlung: Bei starker Sonneneinstrahlung – vor allem im Schnee oder auf dem Wasser – sind Sonnenbrillen Pflicht. Vor allem für Kinder und Menschen mit heller Augenfarbe. Was viele nicht wissen: Die Tönung der Gläser sagt nichts über den UV-Schutz aus.

    Lichthygiene: Warmweiße LEDs bevorzugen. Sehr helle LEDs so einstellen, dass man nicht direkt hineinsehen kann. Beim Fernsehen eine zusätzliche Lichtquelle anschalten.

    Bildschirmarbeit: Bewusst blinzeln und Augenyoga: Öfter in die Ferne schauen. Die Blautöne herunterregeln und den Gelbanteil erhöhen. Für Smartphones gibt es spezielle Filterapps.

    Vorsorge: Ab 40 in regelmäßigen Abständen zum Augenarzt – denn viele Augenerkrankungen treten schleichend auf. Und für Kinder gilt: nicht mehr als 30 Wochenstunden Naharbeit fürs Auge und mindestens 15 Stunden Aufenthalt im Freien, um Kurzsichtigkeit zu verhindern.

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