Unsere seltsame Schwäche für Putin

Kolumne27. März 2018, 15:08
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Es ist gefährlich, gegenüber Russland Beschwichtigungspolitik zu betreiben

Die EU hat die bisher schärfsten Maßnahmen gegen Putins Russland ergriffen. Weil es mit "größter Wahrscheinlichkeit" hinter dem Giftgasanschlag auf einen übergelaufenen Agenten und seine Tochter in Großbritannien steht, weisen 14 EU-Staaten russische "Diplomaten" aus. Österreich ist nicht dabei.

Das wird hierzulande auf große Zustimmung stoßen. Es ist wohl Mehrheitsmeinung, dass Österreich sich mit Putin, der im Juni auf Kurzbesuch kommt, gut stellen soll. Sehr viele Bürger sehen über Putins Verhalten hinweg bzw. scheinen sein System sogar den westlichen Demokratien vorzuziehen. Der Vertrag, den die FPÖ mit der Putin-Partei geschlossen hat, entspricht eindeutig einer Bewunderung für seinen autoritären Stil und seine Versuche, die EU mithilfe von rechtsextremen Parteien in Europa in Schwierigkeiten zu bringen.

Das wollen etliche Leser nicht hören. Nur zwei kleine Ausschnitte aus jüngster Zeit – Dkfm. Bernd A. schreibt an mich: "Bei aller Wertschätzung für Ihr sonstiges journalistisches Wirken – aber Ihre regelmäßigen russophoben Ausbrüche sind für einen großen Teil Ihrer Leserschaft schwer erträglich ... Ist die Zukunft ein neues Stalingrad?"

Auch Gerhard P. erklärt seine Wertschätzung für den Autor dieser Kolumne, aber: "Denken in Einflusssphären dürfen doch nur die Guten (also wir) und nicht die Bösen (also die Anderen) ... Damit kein Missverständnis aufkommt: Ich halte Putin keineswegs für einen lupenreinen Demokraten, die russische Staatsform ist von unserer weit entfernt; allerdings die der Ukraine noch weiter."

"Russophob"? "Neues Stalingrad"? "Gute – Böse"? Man bräuchte ein Buch, um das zu widerlegen. Die Wahrheit ist, dass viele im Westen geneigt sind, Putin und seinem Machtapparat alles durchgehen zu lassen bzw. Entschuldigungen für ihn zu finden.

Putin, der bald 20 Jahre an der Macht ist, versuchte zuerst seine Macht zu festigen und verhielt sich gegenüber dem Westen halbwegs kooperativ. In den letzten Jahren hat er jedoch auf massive Konfrontation umgeschaltet und setzt eine Aggression nach der anderen. Seine Kritiker sterben mysteriöse Tode, eine wirkliche Opposition wird nicht zugelassen, und nach außen gibt es Übergriffe: Annexion der Krim, De-facto-Annexion der Ostukraine, Eingreifen in Syrien auf der Seite eines Massenmörders. Dazu ein Trollkrieg und Wahlbeeinflussung in den USA und Europa.

Viele erklären das mit der Enttäuschung Putins über den Westen. Kenner der (Post-) Sowjetunion sehen das anders: Putin kann den Russen nur Großmachtträume geben, da er ihre wirtschaftliche Lage nicht wirklich bessern kann. Russland, dessen BIP übrigens nicht größer ist als das Frankreichs, ist militärisch sehr stark, wirtschaftlich schwach.

Es ist eine alte russische Politik noch aus der Zarenzeit: statt Reformen im Inneren Expansion nach außen. Es wird trotzdem kein "neues Stalingrad" geben; wer sollte in Russland einmarschieren? Es wird keinen Krieg gegen Europa geben. Aber Einschüchterungsversuche, Destabilisierung, Engagement von nützlichen Idioten.

Hier "die Guten" – da "die Bösen"? Wenn man an Trump denkt, scheint das nicht mehr so klar. In Wahrheit heißt es: hier die Demokratien, dort ein autoritäres System, das nicht abgewählt werden kann.

Es hat keinen Sinn, gegen Russland Konfrontationspolitik zu betreiben; aber es ist wirklich gefährlich, gegenüber Russland Beschwichtigungspolitik zu betreiben. (Hans Rauscher, 27.3.2018)

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