Rundschau: Und grausig gutzt der Golz

    Ansichtssache29. Mai 2018, 13:10
    57 Postings

    Das Comeback Frank Schätzings und neue Science-Fiction-Romane von Cixin Liu, Yoav Blum, Linda Nagata und Tal M. Klein

    Bild 1 von 12
    fotos: goldmann, klett-cotta

    Elan Mastai: "Die beste meiner Welten"

    Gebundene Ausgabe, 480 Seiten, € 20,60, Goldmann 2018 (Original: "All Our Wrong Todays", 2017)

    Peter S. Beagle: "In Kalabrien"

    Gebundene Ausgabe, 164 Seiten, € 16,50, Klett-Cotta 2018 (Original: "In Calabria", 2017)

    Mir scheint, die Prognose-Qualität der Rundschau ist im Steigen: Bevor es auf den nächsten Seiten zu den Neuvorstellungen geht, sei hier noch schnell auf zwei hervorragende Erzählungen aus dem Vorjahr verwiesen, die schon im Original besprochen wurden und nun auch auf Deutsch erschienen sind. Die Links im Text führen zu den jeweiligen Rezensionen von 2017.

    "Die beste meiner Welten" heißt die Übersetzung von Elan Mastais famosem Roman "All Our Wrong Todays", der quietschvergnügt beginnt und allmählich – ohne deswegen an Unterhaltungswert einzubüßen – eine nachdenklichere Richtung einschlägt. Die Prämisse: Die "Zukunftswelt" des Jahres 2016 müsste eigentlich so aussehen, wie man sich das in den 50er Jahren vorgestellt hat: voller Flugautos, unbegrenzter Energiequellen und sonstiger technischer Innovationen. Leider hat der Romanheld Tom Barren dann aber durch eine ungeschickt verlaufende Zeitreise alles verändert und die Welt den Lauf nehmen lassen, den wir kennen. Nun plagt ihn die Frage: Lässt sich das wieder rückgängig machen?

    Hinterfragenswerte Preis-Wahl

    Anfang April wurden die Nominiertenlisten für den Hugo Award, den renommiertesten Preis für SF-Literatur, bekanntgegeben. Mastais Roman glänzt darauf wie einige andere beeindruckende Werke – etwa Daryl Gregorys "Spoonbenders" oder Cory Doctorows "Walkaway" – durch Abwesenheit. Stattdessen drängeln sich in der Romankategorie die üblichen Verdächtigen, die Jahr für Jahr wieder und wieder und wieder nominiert werden: N. K. Jemisin, John Scalzi, Ann Leckie, Yoon Ha Lee ... und zumindest Scalzis "Collapsing Empire" war wirklich alles andere als ein großer Wurf, da hat der Autor schon bedeutend Besseres abgeliefert. Das ist keine erfreuliche Entwicklung.

    Für Peter S. Beagle war auf der rein weiblich besetzten Nominiertenliste in der Novellenkategorie offensichtlich auch kein Platz mehr – erneut völlig unverständlich. Umso erfreulicher der Umstand, dass "In Calabria" ins Deutsche übersetzt wurde; das ist bei kürzeren Werken ja keineswegs selbstverständlich.

    Der Fantasy-Altmeister kehrt darin zu seinem Erfolgsthema Einhörner zurück. Anders als im Weltbestseller "Das letzte Einhorn" spielt das Sagentier hier aber nicht die Hauptrolle, sondern übt nur die Funktion eines Katalysators aus. Im Zentrum steht Claudio, ein nicht mehr ganz junger italienischer Bauer aus unserer Gegenwart, auf dessen Hof sich eines Tages ein Einhorn einfindet, um ein Junges zur Welt zu bringen. Claudios beschauliches Leben gerät damit völlig aus den Fugen. Ganz plötzlich hat er es nun mit lästigen Touristen, den Medien und der Mafia zu tun – aber auch mit der unverhofften Chance auf eine neue Liebe. "In Kalabrien" schildert in poetischer Weise, wie aus einer Existenz, mit der man sich abgefunden hat, ganz unerwartet wieder ein Leben werden könnte. Sehr schön!

    weiter ›
    Share if you care.