Erich Sokol im Karikaturmuseum: Zwischen "Playboy", Dichand und "Arbeiterzeitung"

    26. März 2018, 17:47
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    Die Ausstellung "Sokol – Auslese" zeigt den Künstler als Wandler zwischen den Welten: thematisch von Satire bis zur Adabei-Gebrauchsgrafik, politisch nie ganz festzumachen, technisch stets auf Hochglanz und Perfektion abzielend

    Krems – Es gibt schon zu denken, wenn die Gegenwart von einem künstlerischen Frühwerk aus den 1950er-Jahren eingeholt wird. Erich Sokols Intellektueller, entstanden während eines Studienaufenthalts in den USA anno 1958, könnte mit seinem Dandy-Haarschnitt, dem fusseligen Oberlippenbart, der Hornbrille und dem Schlabbershirt mit zu weitem Kragen direkt einem zeitgeistigen Instagram-Profil entsprungen sein. Auch das Porträt des finster dreinblickenden Fettsack-Polizisten von der US-Einwanderungsbehörde nährt angesichts trumpesker Gesetzesvorschläge die Vermutung, dass Retro gerade wieder ganz nach vorne drängt.

    Die Zeichnungen sind Teil der Serie American Natives, in der der 1933 in Wien geborene Sokol die amerikanische Gesellschaft des Wirtschaftsaufschwungs karikierte. Zu sehen ist das Frühwerk in der Ausstellung Sokol – Auslese im Karikaturmuseum Kremseine Retrospektive, die den Künstler als Wandler zwischen den Welten zeigt: thematisch von Satire bis zur Adabei-Gebrauchsgrafik, politisch nie ganz festzumachen, technisch stets auf Hochglanz und Perfektion abzielend.

    Der Prüderie den Kampf ansagend

    Als Karriereturbo erwies sich für den jungen Sokol der Erfolg in Übersee, wo die American Natives sogleich als Buch erschienen. Dabei war sein USA-Bild kein ungetrübtes: "Der Amerikaner lebt unfrei", sagt er 1958, "bis er draufkommt, ist er aber glücklich." Und weiter: "Ich bin der Meinung, dass Amerika die Zukunft gar nicht so sicher gehört, wie man hier glaubt." Anders gesehen haben dürfte das Hugh Hefner, der zur selben Zeit mit seinem Männermagazin Playboy phallisch nach oben drängt. Er engagierte Sokol. Es entstanden Bilder, in denen starke Frauen mit gestärktem Vorbau die affige Lüsternheit ihrer männlichen Artgenossen bloßstellen. Feministisch? Nicht wirklich. Aber der Prüderie der 1950er-Jahre den Kampf ansagend.

    Zurück in Österreich wurde der junge Wilde vom SPÖ-Parteiorgan Arbeiter Zeitung engagiert, für das Sokol bis 1967 tagespolitische Schwarz-Weiß-Blätter zeichnete. Und auch hier schließt sich in der Schau ein Kreis: Die Karikatur Budget 66 zeigt den kleinen Mann von der Straße, der einer barocken Kutsche der Volkspartei vorgespannt wird – die Kutscher hatten im Wahlkampf Entlastung versprochen. Nur für wen eigentlich?

    Herr Karl und die "Krone"

    In den 1970er-Jahren löste sich Sokol von der dominanten Kreisky-SPÖ. Gerd Bacher machte ihn im ORF zum Chefgrafiker, wo er die erste "Corporate Identity" erarbeitete. Mitte der 1980er-Jahre begann Sokol für die Kronen Zeitung zu zeichnen – Boulevardisierung, die man auch den späteren heroisierenden Porträts der heimischen Hautevolee anmerkt. (Selbst)kritik blitzt immerhin noch einmal auf, wenn er Qualtingers Protoösterreicher Herrn Karl als Krone-Leser zeichnet. (Stefan Weiss, 27.3.2018)

    • Der Cartoonist und erste Chefdesigner des ORF schärfte sein Auge in den USA der 1950er-Jahre: Erich Sokol, 1933-2003.
      foto: erich sokol privatstiftung

      Der Cartoonist und erste Chefdesigner des ORF schärfte sein Auge in den USA der 1950er-Jahre: Erich Sokol, 1933-2003.

    • "Der Herr Doctor Karl", 1987.
      foto: erich sokol privatstiftung mödling

      "Der Herr Doctor Karl", 1987.

    • "Intellektueller", um 1958-59.
      foto: landessammlungen niederösterreich, foto: christoph fuchs

      "Intellektueller", um 1958-59.

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