Warum der europäische Mainstream #MeToo so hasst

    Userkommentar26. März 2018, 15:15
    447 Postings

    Eine Replik auf Ortwin Rosners Blogbeitrag zu Foucault, #MeToo und Political Correctness

    Zunächst: Es ist an sich völlig sinnfrei und ohne jeden möglichen Gewinn für irgendeine Person oder Gruppe, zu fragen, was ein toter Philosoph zu einer Bewegung gesagt hätte, die in jeder Hinsicht außerhalb seines Denk- und Lebenshorizonts liegt. Das hätte Foucault in all seinen sehr diversen Phasen sicher gesagt, hätte man ihn zu Lebzeiten gefragt, was er posthum zu einer feministischen Bewegung sagen oder gesagt haben würde. Dass diese Frage, egal worauf sie sich auch beziehen möge, völlig absurd sei, da jede Denkformation fest in die unsichtbaren Grenzen ihrer "Episteme" eingeschlossen sei. Dieser historische Positivismus ist so ziemlich das Einzige, was sich bei Foucault zumeist durchhält.

    Abgesehen davon hätte Foucault wohl in seinen verschiedenen Masken und Phasen Verschiedenes zu #MeToo gesagt. Der Machttheoretiker, der Historiker des westlichen Sexualitätsregimes, der späte Archäologe der westlichen Subjektivität aus antiken Wurzeln oder der Analytiker des modernen Liberalismus und der zeitgenössischen Gouvernementalität hätte jeweils etwa anderes gesagt.

    Foucault hätte geschwiegen

    Doch höchstwahrscheinlich hätte er, wäre so etwas wie #MeToo mit ihm zeitgenössisch gewesen (und das gilt zumindest für die Wurzeln der Bewegung des Zweite-Welle-Feminismus der 1970er-Jahre), gar nichts dazu gesagt. Denn Foucault kannte sowohl sein professionelles wie sein politisches Profil genau. Daher hatte er die Vornehmheit, als homosexueller Mann zu Fragen des Feminismus zu schweigen.

    Nicht so Ortwin Rosner (Wäre Michel Foucault Anhänger von #MeToo und Political Correctness gewesen?), der Foucault nicht nur völlig fern von dessen tatsächlichem Leben und Wirken nun noch posthum gegen #MeToo mobilisieren will, sondern ihn auch noch einen "Nietzscheaner" nennt. Was vollkommen falsch ist. Ebenso falsch ist die dann lose darauf aufbauende Argumentationskette von Schlüssen, die ich ungefähr wie folgt zusammenfasse: Foucault war Nietzscheaner. Nietzsche fand alle Moral nervig. Die Feministinnen, die #MeToo vertreten, sind Moralisiererinnen. Nietzsche und daher auch Foucault, sein treuer Anhänger, hätten sie nervig gefunden.

    Fazit: Männer, lasst euch das Recht auf Übergriffe und etwas deutlichere Verführungsversuche attraktiver Frauen am Arbeitsplatz und in der Öffentlichkeit nicht nehmen, dies zeigt nur, dass ihr stolze, amoralische Bestien seid, und Nietzsche und auch Foucault hätten euch ihren vollen Segen erteilt, hättet ihr dies Verhalten zu ihren Lebzeiten gezeigt, und sie würden euch auch jetzt segnen, wären sie in dem Jenseits jetzt noch aktiv, an das sie nicht glaubten. Nun, das kann unmöglich der wahre Sinn und Zweck dieses Blogbeitrags sein. Ist es auch nicht. Ich wage also eine Hypothese, warum dieser Blogbeitrag geschrieben wurde, warum der STANDARD ihn veröffentlicht hat und warum er anerkennend von Österreichs führendem linken Philosophen auf Facebook geteilt wurde.

    Gemeinsamer Feind

    Die wahren Ursachen und Zwecksetzungen hinter der doch erstaunlichen Feindseligkeit des österreichischen, sich links oder liberal verstehenden Mainstreams gegen #MeToo liegen anderswo. Die erste, die gern geleugnet wird, doch sehr schwer wiegen dürfte, ist eine Negativbindung, die einige Gruppen, die sonst kaum noch etwas gemeinsam hätten, immer noch um einen gemeinsamen Feind versammelt.

    Der habituelle lokale Antiamerikanismus, eben wieder aktivierte Erbschaft des Kalten Krieges, diktiert eine oft unglaublich aggressive Ablehnung von #MeToo, die ohne die besondere Wahnvorstellung, dass einige machtvolle Puritanerinnen in den USA dem Rest der Welt vorschreiben wollen, wie sie mit ihren Genitalien verfahren sollen, kaum begreiflich wäre. Nun hat aber dieser paranoide Trotz weit mehr mit jenen reaktionären Wählerinnen und Wählern gemeinsam, die einst Kurt Waldheim wählten, gerade weil die USA ihn nicht einreisen lassen würden, als mit irgendeiner linken, sexpositiven, aufgeklärten, hedonistischen Lebenseinstellung.

    Geopolitischer Ödipuskomplex

    Die fortgesetzte Klage von vor allem männlichen und männlich dominierten Gruppen, dass es da draußen eine Art böse Mutter gäbe, die ihnen symbolisch jedes Mal auf die Finger klopfe, wenn sie auf europäische Weise zu verkehren wünschten, zeigt schon, was Sache ist: Ein geopolitischer Ödipuskomplex hat wackere linke europäische Männer erfasst und lässt sie gegen eine Bewegung hetzen, die doch, soweit wir dies hier auf der anderen Seite des Atlantik wissen können, eine der wenigen zu unseren Lebzeiten ist, die unsere völlige linke Unterstützung verdient hätte, wenn nicht jenen selbstlosen Enthusiasmus des etwas entfernten, doch teilnehmenden Beobachters des Weltgeschehens, den Kant im Angesicht der Französischen Revolution ebenso selbst empfand wie zum allgemeinen Begriff erhoben hat. Dies umso mehr, als die Empörung einiger Schauspielerinnen, die man sich immer noch als arrogante weiße Mittelstandsfrauen denken mag, unter anderem nun auch Landarbeiterinnen mit Latina-Hintergund erfasst hat.

    Doch diese Bewegung nahm ihren Ausgang im Protest mehrerer professioneller Schauspielerinnen gegen die fortgesetzte, allseits vertuschte und geduldete Praxis des sexuellen Übergriffs durch einflussreiche Männer in ihrer Branche.

    Wenn man nun also ernsthaft der Ansicht wäre, dass jemand wie Harvey Weinstein nicht durch ein paar verklemmte Puritanerinnen an seinem Hobby gehindert werden sollte, ist man wohl schwerlich noch innerhalb eines Spektrums von Feminismus oder auch nur Humanismus angesiedelt. Vielmehr identifiziert man sich eher mit dem vorherrschenden neoliberalen Denkmuster, dass ein geborenes oder durch Erziehung, effektive Netzwerke und sozialen Erfolg als solches etabliertes Raubtier in jedem Fall alles darf. Alles andere ist nur das öde, moralinsaure Klagen der geborenen oder durch das Spiel der Kräfte dazu bestimmten Loser, die meisten davon natürlich ... Frauen.

    Reaktionäre europäische Trotzreaktion

    Dazu passt auch die zynische Propaganda einer gewissen Schauspielerin aus Österreich, dass jede Frau, die sich nicht zu wehren versteht, eh selbst schuld sei. Theater, Film und TV seien nun einmal harte Branchen, vergleichbar mit Söldnertum und Sexarbeit, da hätten zarte Seelchen halt nichts verloren. Ebenso wenig all jene, die wegen mangelnder Attraktivität gar nicht erst auf der Casting-Couch landen, schließlich kann man ja auch Putzfrau oder Mathematiklehrerin werden. All das ist nur Teil dieser zutiefst reaktionären europäischen Trotzreaktion auf den selbstgebastelten Feind in Übersee. Ganz abgesehen davon, dass schon die Idee, dass ausschließlich notgeile Männer darüber entscheiden sollten, welche Frauen als Schauspielerinnen Karriere machen dürfen und welche nicht, sehr seltsam anmutet.

    Wie umgehen mit dieser Welle des Anti-#MeToo?

    Zum Abschluss noch eine Bemerkung zu dieser Welle des Anti-#MeToo. Würde man es für völlig selbstverständlich halten, wenn Atheisten Religionsunterricht geben, ausschließlich Inländer für die Kultur von Migrantinnen und Migranten sprechen und Reiche die Agenden von Armen vertreten, wenn nur Goi jüdische Repräsentanten wären und nur Heterosexuelle schwule Agenden betreuen würden? Würde man das alles völlig okay, ja sogar optimal finden, sofern diese Personen nur alle treuherzig versicherten, dass sie sich vollkommen in die Belange dieser anderen Gruppen einfühlen könnten und sie echt von Herzen liebhätten und nur das Allerbeste für sie wollten? Wohl kaum.

    Also ist schon gar nicht einzusehen, dass Personen, die sowohl biologisch wie sozial als Männer anzusprechen sind, sich fortgesetzt im Brustton der Selbstbeauftragung zu feministischen Themen öffentlich äußern, manche indem sie für alle sprechend den Feminismus überhaupt vollmundig verwerfen, manche, etwas dreister noch, indem sie sich selbst als die bezeichnen, die entscheiden, was echter Feminismus sei.

    Also nein, diese Männer sprechen nicht für mich, ich ermahne sie auch nicht wie eine strenge Mutter aus Übersee, ich schließe sie im Wesentlichen aus meinem Leben und Denken aus, wie ich das auch mit Fundamentalisten und extremen Rechten tue, und kann nur allen jüngeren Frauen und ihren echten Freunden raten, dasselbe zu tun. Und das hätte der Foucault, den ich kannte und auch bis 2012 an der Universität Wien unterrichtet habe, ganz genauso gesehen. (Katherina T. Zakravsky, 26.3.2018)

    Katherina T. Zakravsky ist Philosophin, Kulturtheoretikerin und Performancekünstlerin. Bis 2012 an der Universität Wien, unter anderem Vorlesungen zu Nietzsche und Foucault.

    Zum Thema

    • Ein geopolitischer Ödipuskomplex hat wackere linke europäische Männer erfasst und lässt sie gegen die #MeToo-Bewegung hetzen.
      foto: apa/afp/bertrand guay

      Ein geopolitischer Ödipuskomplex hat wackere linke europäische Männer erfasst und lässt sie gegen die #MeToo-Bewegung hetzen.

    Share if you care.