Selbstbedienungskassen in Supermärkten: Die Warteschlange bleibt

Essay25. März 2018, 12:00
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Der Siegeszug der Selbstscannerkassen hat in erster Linie nur Auswirkungen auf den Personalstand

So was aber auch. Plötzlich ist da, wo monatelang Leere herrschte, eine Schlange. Erst waren es ein oder auch mal zwei Versprengte, die sich bei den Selbstbedienungskassen anstellten, mittlerweile ist es schon ein ganzes Dutzend. So was aber auch!

Als die Selbstbedienungskassen vor Monaten in meinem Supermarkt aufgestellt wurden, lautete das unausgesprochene Versprechen: Mach es selbst, dann sparst du dir die Warterei. Das klang gut, ja; richtig gut.

Das Problem war nur: Es funktionierte nicht. Man griff noch einmal zu den bereits abgelegten Käsekrainern – schon blockierte das System. Man zog eine Flasche Wein über den Scanner – und wieder hing der Computer. Hätte ja sein können, dass man noch keine 16 ist. Ja, hätte sein können.

Es konnte aber auch sein, dass man am Ende vergessen hatte, seine sogenannte Vorteilskarte einzugeben oder sich für eine der wöchentlichen Rabattaktionen zu entscheiden. Dann bockte ausnahmsweise nicht das System, sondern der Kunde. Computer says no? Das wäre ja gelacht.

Längerer Check-out

Kurzum: In den ersten Wochen hatten die Betreuer der störrischen Selbstbedienungskassen einiges zu tun. Mit mir, aber auch mit all jenen, die links und rechts von mir ein kleines bisschen Zeit sparen wollten und am Ende wesentlich länger für den Check-out (ja, so nennt sich das) brauchten als an einer der normalen Kassen.

Mittlerweile sind diese, äh, Anfangsschwierigkeiten behoben. Die Avocado ist nicht eingepackt, es fehlt also der Strichcode? Ich kenne die Avocado-Nummer. Genauso wie jene für Frühlingszwiebeln oder Radieschen. Ich weiß, dass bereits gescannte Käsekrainer tabu sind und dass ich Wein besser in einer Vinothek kaufe. Meine Selbstbedienungskassen-Selbstoptimierung hat ein hohes Level erreicht. Das Problem ist nur: Auch jenes meiner Mitmenschen ist gestiegen. Weswegen das Selberscannen immer beliebter wird.

Und so kommt es, dass ich mittlerweile an der Do-it-yourself-Kassa mitunter gleich lange warte wie an der Mach-es-lieber-du-Kassa. Unliebsame Fragen kommen mir dann in den Sinn: Habe ich durch mein neoliberales Verhalten Mitarbeitern ihren Job weggenommen? Bin ich mitschuldig an der immer größer werdenden sozialen Kälte? Hm. Die Antwort muss warten. Eine der Selbstbedienungskassen ist gerade frei geworden. (Stephan Hilpold, 25.3.2018)

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