Gernot Blümel: "Es kann nie genug Geld für die Kunst sein"

    Interview24. März 2018, 09:00
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    Der ÖVP-Kulturminister spricht nach 100 Tagen im Amt über das neue Budget und die Hinterlassenschaft seiner Vorgänger

    STANDARD: Dem Magazin "News" haben Sie anvertraut, dass Mel Gibsons "Braveheart" Ihr Lieblingsfilm ist. Was fasziniert Sie daran?

    Blümel: Er ist einfach unterhaltsam, ein mitreißender Hollywoodschinken.

    STANDARD: Und der Inhalt? Heroischer Freiheitskampf?

    Blümel: Also wenn es um Freiheit geht, dann würde ich wahrscheinlich eher Kant lesen.

    STANDARD: Auch Vizekanzler Heinz-Christian Strache nennt "Braveheart" seit vielen Jahren auf seiner Facebook-Seite. Ist das so etwas wie der Film zur Koalition?

    Blümel: Wirklich? Das wusste ich nicht. Ihr seid so findig beim STANDARD! Aber wenn Sie jetzt wissen wollen, warum der Film Herrn Strache gefällt, müssen Sie ihn selbst fragen.

    STANDARD: Wie ist das Verhältnis zum Koalitionspartner FPÖ in Sachen Kultur?

    Blümel: Es ist sehr professionell. Wir haben das Kapitel Kunst und Kultur im Koalitionspakt miteinander verhandelt. Darin finden sich viele verschiedene gute Aspekte, und ich bin froh, dass ich es jetzt Schritt für Schritt umsetzen darf.

    STANDARD: Sie sind ja auch Europaminister. Wie definieren Sie europäische Kultur und Identität?

    Blümel: Das ist eine extrem weit zu fassende Frage. Europäische Kultur hat viel mit Geschichte und Religion zu tun, vor allem mit der Geistesgeschichte. Die beginnt in der Antike mit der griechischen Philosophie, dann folgt das Christentum: Es gibt ja die These, dass die Auseinandersetzung mit dem Christentum und das Problem der Menschwerdung Gottes in einer Person erst dazu geführt hat, dass die Neuzeit überhaupt darauf kommen konnte, dass das Ich und die Identität der Person das Allerwichtigste überhaupt im Kosmos sein kann. Und dass es dadurch erst zu einer Idee wie der allgemein gültigen Demokratie kommen kann. Das ist das Europäische, das in dieser Art sicherlich einzigartig ist, auch in der geografischen Konzentration.

    STANDARD: Wie wollen Sie die EU-Kulturpolitik vorantreiben? Auch im Hinblick auf die EU-Ratspräsidentschaft?

    Blümel: Das Wichtigste bei europäischer Kulturpolitik ist, Bewusstsein über die Vielfalt des kulturellen Erbes zu schaffen und miteinander auszutauschen. Das hängt auch historisch stark miteinander zusammen. Wir wollen unseren Teil beitragen mit einem sehr breiten Kunst- und Kulturprogramm im Rahmen der Ratspräsidentschaft. Details dazu werden wir zu einem geeigneten Termin präsentieren. Einige Dinge sind schon klar, zum Beispiel wird es ein Philharmoniker-Konzert in Brüssel geben, und auch die Klimt-Ausstellung im Belvedere wird in Brüssel zu sehen sein. Wir wollen die Ratspräsidentschaft auch dazu nutzen, unsere Geschichte, unsere Kunst und Kultur in Europa sichtbarer zu machen.

    STANDARD: Im Budget für 2018 wollen Sie aber auch die EU-Kulturförderschiene Creative Europe von 63 geförderten Projekten auf 30 senken. Ist das richtig?

    Blümel: Am Budget ändert sich nichts. Es ist insgesamt – also europaweit – von einer geringeren Anzahl aber höher dotierten Projekten auszugehen. Die Kommission wird im Mai ihren Vorschlag für das künftige Kulturprogramm vorlegen, und die Verhandlungen werden unter österreichischem Vorsitz aufgenommen.

    STANDARD: Das diese Woche präsentierte Kulturbudget des Bundes für 2018 soll leicht steigen. Die Mehrausgaben werden aber für das Gedenkjahr 2018, einmalige bauliche Investitionen und die EU-Ratspräsidentschaft aufgewendet. Der Rest wird de facto weniger haben, weil keine Inflationsanpassung erfolgt. Warum gibt es die nicht?

    Blümel: Also das ist vielleicht die Sicht meines SPÖ-Vorgängers Thomas Drozda. Ich finde es eigentlich bemerkenswert, dass sich diejenigen jetzt nicht zu Wort melden, die zu Beginn der Regierung befürchtet haben, dass das Kulturbudget gekürzt wird. Jetzt haben wir es geschafft, dass wir einen ausgeglichenen Haushalt und zum ersten Mal seit 1954 sogar einen Überschuss machen – und das, ohne dass wir bei der Kultur sparen, ja sogar eine leichte Steigerung des Budgets erreicht haben. Natürlich ist mir bewusst, dass es nie genug Geld für Kunst und Kultur sein kann. Daher ist beispielsweise das Kulturbudget für die Ratspräsidentschaft auch in einem anderen Budgetposten verankert.

    STANDARD: Das heißt, es stimmt nicht, dass die Erhöhung einzig für EU-Ratspräsidentschaft, bauliche Sanierungen und das Gedenkjahr aufgewendet wird?

    Blümel: Nein.

    STANDARD: Wofür dann? Wie verteilt sich das konkret?

    Blümel: Es gibt ganz viele Vorschläge. Jeder einzelne Stakeholder aus dem Kulturbereich, mit dem ich spreche, hat viele gute Ideen, wofür man es verwenden könnte. Das Grundprinzip, das ich auch aus vielen Gesprächen in den letzten Wochen herausgehört habe, ist, dass wenn möglich nicht gekürzt werden soll und dass es, wenn irgendwie möglich, mehr werden soll. Beides haben wir hinbekommen. Es könnte immer noch mehr sein, aber ich bin jetzt einmal froh, dass es in diesem Bereich zu einer sanften Steigerung kommt.

    STANDARD: Die fehlende Inflationsanpassung der Subventionen über Jahre hinweg setzt Kulturbetriebe unter permanenten Spardruck. Das Kulturbudget umfasst lediglich 0,6 Prozent des Gesamthaushalts. Ist es zu viel verlangt, hier automatisch die Teuerung auszugleichen?

    Blümel: Ich habe volles Verständnis für alle, die in ihrem eigenen Bereich mehr Geld haben wollen und sagen, sie bräuchten mehr. Ich habe jetzt als Regierungskoordinator das Budget mitverhandeln dürfen. Da kann ich mich an keinen einzigen Minister und kein einziges politisches Feld erinnern, wo irgendjemand gesagt hätte: Nein, danke, wir brauchen weniger. Auch die Frage der Inflationsanpassung kommt aus vielen Bereichen. Ich habe totales Verständnis dafür, aber es ist auch eine Frage der budgetären Machbarkeit. Ich bin froh, dass wir es entgegen vielen Befürchtungen geschafft haben, dass es zu keinen Kürzungen, sondern zu einer Steigerung kommt.

    STANDARD: Ihre SPÖ-Vorgänger hatten die Inflationsanpassung immer als Ziel ausgegeben, durchsetzen konnten sie das beim Finanzminister letztlich nie. Geht es Ihnen ähnlich oder rücken Sie von dem Ziel bewusst ab?

    Blümel: Ich strebe weiterhin an, dass der Bereich Kunst und Kultur möglichst gut dotiert ist. Auch bei den nächsten Budgetverhandlungen werde ich mich dafür einsetzen, dass es nicht weniger, sondern wenn möglich gleich bleibt oder sogar mehr wird. Wie viel man rausholt, das kann ich Ihnen dann 2020 sagen.

    STANDARD: Vor allem kleinere Kulturvereine fürchten, finanziell unter die Räder zu kommen, wenn ihnen die Koförderungen aufgekündigt werden. Es gibt die Sorge, dass der Bund mitzieht, wenn die Länder Subventionen kürzen.

    Blümel: Die Befürchtung war ja, dass es weniger Geld geben wird von Bundesseite. Ich sage es daher gerne noch einmal: Das Kulturbudget ist schönerweise nicht gekürzt worden, sondern leicht gestiegen.

    STANDARD: Die Frage ist, wie Sie das verteilen wollen?

    Blümel: Das ist eine Frage von Schwerpunkten. Es gibt ganz viele Ideen dazu. Wir werden schauen, was ist machbar und was ist sinnvoll. Schritt für Schritt werden wir dann in die Umsetzung gehen.

    STANDARD: Bundeskanzler Sebastian Kurz hat gesagt, er würde gerne Mehrfachförderungen, Koförderungen, zurückdrängen. Sehen Sie die Notwendigkeit auch im Kulturbereich?

    Blümel: In vielen Bereichen kann es sinnvoll sein, von der Mehrfachförderung wegzukommen, in manchen nicht. Da ist Transparenz zuerst einmal sehr wichtig: Wer bekommt was und warum. Vieles wäre einzeln nicht finanzierbar, wenn es Bund oder Land alleine machen würde. Da sind dann Kofinanzierungen notwendig.

    STANDARD: Das Kulturbudget soll auch im Finanzrahmen bis 2022 nicht wesentlich erhöht werden, sondern stagnieren. Haben Sie kein Interesse an größeren Investitionen?

    Blümel: Ich will festhalten: Im letzten Finanzrahmen ist es sogar sukzessive reduziert worden. Jetzt steigt es im Finanzrahmen leicht. Das hat mit den Investitionen nichts zu tun. Was vielleicht im Jahr 2022 sein wird, kann ich Ihnen jetzt noch nicht sagen.

    foto: robert newald

    STANDARD: Einige Großprojekte haben Sie von Ihren SPÖ-Vorgängern geerbt. Stehen Sie etwa zu der umstrittenen Leihgabe der Sammlung Essl an die Albertina? Viel Steuergeld für die Aufwertung einer privaten Sammlung?

    Blümel: Wir sind in guten Gesprächen mit allen Beteiligten. Man muss sich das aber sehr genau anschauen, wie man den Schritt geht und ob man ihn geht.

    STANDARD: Das heißt, der Leihgaben-Deal ist noch nicht fixiert? Sie könnten das Projekt auch noch stoppen?

    Blümel: Es gibt zu dem gesamten Projekt noch Gespräche, alles ist da noch offen.

    STANDARD: Also auch die weitere Finanzierung?

    Blümel: Auch das, ja.

    STANDARD: Die Idee, das Künstlerhaus mit der Sammlung Essl zu revitalisieren, finden Sie gut?

    Blümel: Das ist eine der Ideen, die an mich herangetragen worden sind. Auch da laufen noch Gespräche.

    STANDARD: Klaus Albrecht Schröder ist seit 1999 Albertina-Direktor. 2019 läuft sein aktueller Vertrag aus. Einer weiteren Verlängerung sollen Sie sehr positiv gegenüberstehen. Stimmt das?

    Blümel: Es muss eine gesetzliche Ausschreibung geben, weil ja die Periode ganz normal ausläuft. Alle, die sich qualifiziert fühlen, können sich in dem Prozess dann bewerben.

    STANDARD: Wird eine Ausschreibung nicht zur Farce, wenn die Verlängerung sehr wahrscheinlich ist?

    Blümel: Ich halte Ausschreibungen prinzipiell nie für eine Farce, weil sie Transparenz und Weiterentwicklungsmöglichkeiten bieten. Nicht nur für den Eigentümervertreter, sondern auch für die Institution, weil man sich laufend hinterfragen muss. Die Praxis, dass es hier keine unbefristeten Verträge gibt, finde ich sehr gut. Das hat sich bewährt.

    STANDARD: Sollte man die Dauer von Direktorenposten beschränken? Auf maximal zwei Verlängerungen etwa?

    Blümel: Das aktuelle System der verpflichtenden Ausschreibung halte ich für sehr gut.

    STANDARD: Ihr Vorgänger wollte zuletzt die Bundesmuseen reformieren. Werden Sie das fortsetzen?

    Blümel: Wir werden uns das auf Basis des "Weißbuchs" anschauen. Bei ersten Gesprächen in der Bundesdirektorinnenkonferenz habe ich zunächst einmal festgestellt, dass es keinen Konsens zum Weißbuch gibt. Mir ist es ein Anliegen, die weiteren Schritte mit den Betroffenen und nicht gegen diese zu planen.

    STANDARD: Fänden Sie eine Jahreskarte für alle Bundesmuseen sinnvoll?

    Blümel: Das ist eine Idee, über die man nachdenken kann. Aber die aktuellen Besucherzahlen zeigen ja, dass die Arbeit in den Museen sehr gut gemacht wird.

    STANDARD: Das Haus der Geschichte in der Neuen Burg eröffnet im November. Es wird viel kleiner als ursprünglich geplant. Wie zufrieden sind Sie mit dem Projekt?

    Blümel: Ich finde einmal die Idee sehr gut, dass es so etwas geben soll und dass das Projekt auch im Gedenkjahr 2018 realisiert werden kann. Gerade jetzt ist es sinnvoll, diesen Schritt zu gehen. Ich war auch bei der Eröffnung der Klanginstallation von Susan Philipsz anlässlich des Gedenkens an die Machtübernahme in Österreich 1938. Ein sehr gelungenes Projekt.

    STANDARD: Wie wollen Sie das Projekt Haus der Geschichte vorantreiben?

    Blümel: Über die langfristige Ausgestaltung wird es noch Gespräche geben. Mir ist wichtig, dass es jetzt einmal starten kann.

    STANDARD: Würden Sie mittel- oder langfristig auch einen Neubau ins Auge fassen? Etwa direkt auf dem Heldenplatz, wo jetzt die provisorischen Gebäude des Parlaments stehen?

    Blümel: Meine persönliche Meinung ist, dass die provisorischen Gebäude auch wieder abgebaut werden sollten, denn damit ist der Heldenplatz wesentlich verändert. Das hat aber nichts mit dem Haus der Geschichte zu tun.

    STANDARD: Sie schließen also einen Neubau nicht aus?

    Blümel: Den laufenden Gesprächen will ich nicht vorgreifen. Wichtig ist, dass es jetzt einmal starten kann.

    STANDARD: Der Stadt Wien könnte wegen eines umstrittenen Hochhausbaus das Unesco-Weltkulturerbe aberkannt werden. Sie wollen das verhindern, aber wie? Die Flächenwidmung ist schon erfolgt.

    Blümel: Es besteht eine Chance, die Aberkennung zu verhindern. Die Positionen zwischen allen Beteiligten waren zuletzt sehr eingefahren, es gab ja de facto kaum mehr Gespräche. Uns als Kulturministerium ist es wichtig, einen Beitrag zu leisten, dass es wieder konstruktive Gespräche geben kann, das ist auch von der Unesco goutiert worden. Auf Initiative des Bundes hat es schon einen Expertenworkshop gegeben. Ich werde mich weiterhin intensiv dafür einsetzen, dass Wien dieser Welterbestatus erhalten bleibt.

    STANDARD: Wollen Sie künftig eine Art Durchgriffsrecht des Bundes, wenn das Welterbe bedroht ist?

    Blümel: Nein, da müsste man ja in Flächenwidmungen eingreifen, und das ist Länder- beziehungsweise Gemeindekompetenz. Die generelle Regelung, dass die Verträge zwischen Österreich und der Unesco hier im BKA zusammenlaufen, ist schon eine gute. Ich kann nur an alle appellieren, zu den eingegangenen Verträgen zu stehen. Es gab ja – wie uns die Unesco bestätigt hat – in den letzten zehn Jahren immer wieder diesbezügliche Verfehlungen seitens der rot-grünen Stadtregierung. Das hier ist nur der traurige Schlusspunkt.

    STANDARD: Gibt es schon konkretere Projekte, die Sie demnächst angehen wollen?

    Blümel: Wir wollen Kindern und Jugendlichen den Zugang zu Kunst und Kultur erleichtern. Darum wollen wir eine Plattform schaffen, auf der alle Vermittlungsangebote für Kinder und Jugendliche gesammelt zu finden sind. So etwas gibt es nämlich noch nicht, wie ich mit Erstaunen festgestellt habe. Auch dem Bundesdenkmalamt nehmen wir uns an, wir wollen es stärker hin zu einer Serviceeinrichtung ausbauen.

    STANDARD: Eines ihrer Lieblingsbücher ist Sören Kierkegaards "Entweder – Oder". Darin beschreibt der Theologe zwei Lebenshaltungen: den Ästhetiker, der sich auf der Suche nach Genusserfüllung durchs Leben treiben lässt. Und den Ethiker, der bürgerlich gesetzt lebt und stets wohlüberlegte Entscheidungen trifft. Welcher Typ sind Sie?

    Blümel: Welcher Typ ich bin, sollten andere bewerten. Das Lustige an dem Buch ist ja, dass Kierkegaard darin versucht darzulegen, dass der Lebensentwurf des Ethikers der anstrebenswertere ist, aber skurrilerweise in der allgemeinen Wahrnehmung meistens nur der Ästhet bemerkt wird.

    STANDARD: Braucht ein Kulturminister hier beide Seiten?

    Blümel: Jeder Mensch hat diese verschiedenen Seiten. Wann und wie unterschiedlich sie hervorbrechen, weiß wahrscheinlich nur das unmittelbare Umfeld am besten. Ich finde eine Mischung ist gut. (Stefan Weiss, 23.3.2018)

    Gernot Blümel (36) ist Kanzleramtsminister für Europa, Kultur und Medien. Er kommt aus der Jungen ÖVP, ist Mitglieder der katholischen Studentenverbindung KaV Norica Wien und war von 2013 bis 2015 Generalsekretär der ÖVP. Seit 2015 ist er Wiener Landesparteiobmann. Blümel studierte Philosophie und Wirtschaft in Wien und Dijon.

    Nachlese

    Kulturbudget 2018 mit leichtem Plus

    Förderkürzungen in Oberösterreich

    • Will sich vieles noch genauer durch den Kopf gehen lassen: Gernot Blümel, seit gut 100 Tagen im Amt.
      foto: robert newald

      Will sich vieles noch genauer durch den Kopf gehen lassen: Gernot Blümel, seit gut 100 Tagen im Amt.

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