Preisträgerin: Mazedonien von Pressefreiheit weit entfernt

    22. März 2018, 17:31
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    Investigativjournalistin erhielt "Press Freedom Award 2017" der Vereinigung Reporter ohne Grenzen Österreich – Cvetkovska: Kritische Berichte können nicht in Mainstream-Medien erscheinen

    Wien/Skopje – Die mazedonische Investigativjournalistin Saska Cvetkovska sieht die Medienlage in ihrem Land kritisch. "Wir sind weit davon entfernt, eine freie Presse zu haben", sagte sie am Donnerstag in Wien. "Seitdem die Regierung im vergangenen Juli gewechselt hat, können wir vielleicht ein bisschen besser atmen, aber ich würde das nicht Freiheit nennen", so die Preisträgerin des "Press Freedom Award 2017".

    Kritische Berichte könnten nur im Internet publiziert werden, sagte die Journalistin, die beim Fernsehen arbeitete, bis der Sender A1 TV 2011 von der damaligen Regierung geschlossen wurde. Die mazedonischen Medien seien früher von staatlichen Werbeeinschaltungen abhängig gewesen, so Cvetkovska. Diese seien stark reduziert worden und an ihrer Stelle die Abhängigkeit von kommerziellen Unternehmen getreten, darunter Banken und pharmazeutische Unternehmen. Besonders letztere hätten großen Einfluss, so die Journalistin. Es sei daher unmöglich, diese zu untersuchen, besonders wenn man beim Fernsehen arbeite.

    "Meine Kollegin Mence Atanasova-Toci hat aufgedeckt, dass manche Unternehmen unwirksame oder von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht zugelassene Medikamente – von Vitaminen bis zu falscher Chemotherapie – exportierten, die vor allem aus der Türkei stammten", so Cvetkovska. Der Bericht sei ausschließlich online erschienen und nicht weiter aufgegriffen worden. "Es handelt sich dabei um Massenmord und Massenvergiftungen, und niemand ist dem nachgegangen", sagte sie.

    "Nie wirkliche Pressefreiheit erlebt"

    "Wir haben nie wirkliche Pressefreiheit erlebt, in unserer kurzen Geschichte als unabhängiges Land", berichtete die Journalistin. Nach der Unabhängigkeit 1991 habe Mazedonien zwar die blutigen Balkankriege "ausgelassen", die Spannungen seien jedoch hoch gewesen und haben 2001 zum Bürgerkrieg geführt.

    "In einer derart spannungsgeladenen Situation, besonders bei interethnischen Konflikten, dachte niemand an Pressefreiheit, weder die mazedonische politische Führung, noch die akademischen Zirkel noch unsere westlichen Partner", so Cvetkovska. Letztere seien auf dem Standpunkt gestanden: "So lange niemand getötet wird, müssen wir uns nicht kümmern, wie frei die Presse ist oder ob die Bürger das Recht auf freie Meinungsäußerung ausüben können."

    Die gegenwärtige Situation zeige jedoch, dass dies ein Fehler gewesen sei. "Jetzt haben wir die EU-Staaten und ihre NATO-Partner rund um Mazedonien mobilisiert. Warum? Weil die globalen Mächte aus dem Osten und dem Westen auf der Suche nach neuen Partner um das kleine Land kämpfen", sagte sie. Russland habe die unsichere politische Situation in Mazedonien in den vergangenen drei Jahren ausgenutzt, um das Land zu infiltrieren, bis hin zu den höchsten Regierungsämtern und Schlüsselinstitutionen, berichtete Cvetkovska.

    Dies sei von der damaligen russlandfreundlichen Regierung ermöglicht worden. Als einziges europäisches Land habe Mazedonien Journalisten für ihre Berichterstattung inhaftiert. "Die Mainstream-Medien kooperierten mit Sputnik, FoxNews und ähnlichen, und brachten das Land an den Rand eines neuerlichen Krieges", sagte die Journalistin.

    Desinformation

    Ihre Untersuchungen für den Bericht "Spooks and Spin: Information War in the Balkans" haben gezeigt, dass das neue Werkzeug für Krieg nicht Waffen, sondern Informationen seien. "Wenn man einer Demokratie schaden möchte, setzt man heutzutage auf Desinformation", sagte Cvetkovska. Um einen Regierungswechsel zu verhindern sei zum Beispiel im vergangenen Jahr von russischen und serbischen Geheimdiensten das Gerücht in die Welt gesetzt worden, der damalige Oppositionsführer Zoran Zaev wolle ein "Großalbanisches Land" gründen. "Solche Geschichten funktionieren immer", so die Journalistin, die ethnische Konflikte als Schwachpunkt ihres Landes sieht.

    "Ich hoffe, dass die westeuropäischen Länder daraus gelernt haben und nie wieder ein Regime in Mazedonien oder anderswo unterstützen werden", so Cvetkovska, die selbst dreieinhalb Jahre lang vom mazedonischen Geheimdienst abgehört wurde, als sie an einem Bericht über die Vermögenswerte des damaligen Geheimdienstchefs arbeitete.

    Cvetkovska ist in dem grenzübergreifenden Netzwerk OCCRP (Organized Crime and Corruption Reporting Project) tätig, das sich zum Ziel gesetzt hat, über Organisiertes Verbrechen und Korruption aufzuklären. Auch der ermordete slowakische Journalist Jan Kuciak gehörte ihm an.

    "Wenn Journalisten getötet werden, ist dies ein sehr schlechtes Zeichen", sagte Cvetkovska. Denn selbst für kriminelle Organisationen wäre ein Mord eine schwierige Entscheidung. "Das sollte ein Alarmsignal für die EU-Institutionen sein", sagte die Journalistin, die am Donnerstag mit dem "Press Freedom Award 2017 – Signal für Europa" der Vereinigung Reporter ohne Grenzen Österreich (ROG) ausgezeichnet wurde. (APA, 22.3.2018)

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